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„Der Türkei steht eine Zeit des Chaos bevor“

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(c) REUTERS (MURAD SEZER)
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Der Historiker Norman Stone verließ kurz vor der Ausreisesperre die Türkei. Er warnt vor der Instabilität des Systems Erdoğan und den Folgen für die Gesellschaft.

Die Presse: Herr Stone, Sie konnten in letzter Minute vor dem Ausreiseverbot für Akademiker die Türkei verlassen. Hatten Sie Wind davon bekommen? Sie sind ja britischer Staatsbürger und lehren in Ankara.

Norman Stone: Nein. Ich hatte zufällig einen Flug für Samstag gebucht – also den Tag nach dem Coup. Das ging dann natürlich nicht, aber ich konnte auf Dienstagabend umbuchen. Am nächsten Morgen kam dann das Ausreiseverbot.

Wie erlebten Sie die Putschnacht?

Ich war in einem Restaurant mit einem früheren Studenten. Der sah plötzlich aus dem Fenster und sagte, seltsam, dieser Kampfjet fliegt aber sehr tief. Dann rief ein Freund an und sagte, Panzer blockierten die Istanbuler Brücken.

Wie schätzen Sie nun die Lage ein?

Erdoğan hat sogar die Verfassungsrichter entlassen. Das Ergebnis wird Telefonjustiz sein: Die Regierung greift zum Telefon, um den Richtern zu sagen, wie zu urteilen ist. Ich erwarte lange Jahre des Chaos, die beste Parallele ist vielleicht 1909, der Gegen-Coup der Osmanen nach dem Coup der Jungtürken 1908. Es hat damals lang gedauert, bevor das Land stabilisiert war, und das Ergebnis – nach dem Ersten Weltkrieg – war eine verkleinerte Türkei.

Sie können sich eine noch kleinere Türkei vorstellen?

Es gibt ja schon ein Proto-Kurdistan. Die USA und Russland unterstützen die diversen kurdischen Kräfte in Syrien und im Irak. Wenn Russen und Amerikaner entscheiden, dass ein kurdischer Staat eine gute Sache wäre, dann kann es sein, dass das kommt. Es wäre eine hässliche Angelegenheit, aber es ist denkbar.

Wie ordnen Sie den Putschversuch historisch ein?

Es ist Teil einer Kontinuität. Die Armee war seit den 1830er-Jahren der große Modernisierer, die Schule der Nation. Militärs in islamischen Ländern müssen pragmatisch sein, man will ja, dass das Land vorankommt. Das ist in der islamischen Politik nicht einfach. Man hat gehofft, dass die Türkei eine Ausnahme bilden würde, aber offensichtlich doch nicht ganz.

Sie meinen, dieser Coup wird nicht der letzte bleiben?

Vermutlich. Vieles hat sich geändert, inzwischen gibt es Bildung auch an staatlichen Schulen und soziale Mobilität auch in der Privatwirtschaft, früher gelang das am ehesten in der Armee. Die Türkei braucht eine Armee, und da wird es immer Leute geben, die darauf blicken, in welchem Zustand sich das Land befindet. Für die Zukunft wird das kein besonders guter Zustand sein.

Sie meinen, Erdoğans Macht ist weniger stabil, als es scheint?

Auch wenn er die Gebetsaufrufe in allen Moscheen auf Dauerschleife stellt: Es ist verrückt, so extreme Politik zu machen, wenn nur die Hälfte der Gesellschaft hinter ihm steht. Es schafft sehr viel Hass und kann auf Dauer nicht gut gehen. Zudem ist da das Kompetenzproblem.

Wegen der Säuberungen?

In Militär, Verwaltung und in der Bildung werden nun Loyalisten und der Geist der islamischen Milli-Görüş-Bewegung, aus der Erdoğan stammt, die Führung übernehmen. Das Bildungssystem wird darunter aber leiden, die Effizienz des Staates auch und das Militär ebenfalls. All das wird für die Türkei langfristig negative Folgen haben.

Auch für den Kampf gegen die kurdische Untergrundbewegung PKK und den Kampf in Syrien?

Ich kann mir nicht vorstellen dass diese Armee wirkungsvoll gegen die PKK kämpfen wird und die Brutalität, mit der sie Städte im Südosten plattmacht, zeugt schon jetzt davon, dass Professionalität durch plumpe Gewalt ersetzt wird.

ZUR PERSON

Norman Stone (geb. 1941, Edinburgh) ist Historiker. Bis vor Kurzem war er als Professor am Institut für Internationale Beziehungen der Bilkent-Universität in Ankara tätig. Seine Zusammenarbeit mit der Bilkent-Universität reicht bis in die 1990er-Jahre zurück. Stone hat davor an den englischen Universitäten Oxford und Cambridge unterrichtet und war Berater von Margaret Thatcher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2016)