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„Tage des Schreckens“ in Bayern

GERMANY-ATTACK
Spezialkräfte der Polizei in Ansbach(c) APA/AFP/dpa/DANIEL KARMANN (DANIEL KARMANN)
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Bayerns Politiker zeigen sich über die Gewaltserie schockiert. Der Syrer, der sich bei einem Musikfestival sprengte, bekannte sich zum IS. Er hatte auch in Österreich Asyl beantragt.

München. Noch am Mittag danach stehen halb volle Gläser auf den Tischen; es sind die Reste einer überstürzten nächtlichen Flucht– und aufräumen kann an diesem Montag auch niemand, denn die Polizei hat die Innenstadt von Ansbach mit rot-weißen Flatterbändern umzäunt. Keiner kommt hinein, auch die Bewohner und Hotelgäste nicht, solang die Männer in weißen Overalls mit der Tatortarbeit beschäftigt sind.

„Tage des Schreckens“, sagt Ministerpräsident Horst Seehofer, durchlebe Bayern derzeit: Vor sieben Tagen das Axtattentat im Regionalzug bei Würzburg, am Freitag der Amoklauf in München mit zehn Toten und jetzt der wohl erste Selbstmordanschlag auf deutschem Boden. Selbstmord und Anschlag zugleich, denn der 27-jährige Syrer, der ihn verübt hat, hat zuvor schon zwei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Beim drittenmal wollte Mohammad D. mit voller Absicht noch möglichst viele Menschen mit in den Tod reißen: Der Rucksack, den er trug, enthielt neben dem Sprengsatz auch eine große Menge „scharfkantiger Metallteile aus der Holzverarbeitung“, wie die Polizei mitteilte: Schrauben und Nägel – um die tödliche Streuwirkung zu verstärken.

Er wollte ihn beim Musikfestival Ansbach Open zünden – dort, wo die Popsänger Joris, Philipp Dittberner und Gregor Meyle an diesem Sonntagabend 2000 Fans auf die Reitbahn gelockt haben. Mohammad D. wollte auch hinein – genauso, wie einer der Pariser Attentäter vom 13. November vergangenen Jahres in das Fußballstadion zum Spiel Frankreich–Deutschland wollte –, nur hatte er keine Eintrittskarte, er wurde abgewiesen. So zündete er die Bombe vor dem Eingang; dort standen immerhin noch etliche Dutzend Menschen um ihn herum. 15 von ihnen trugen Verletzungen davon, vier davon schwere. Nur mit ganz knapper Not ist Deutschland einem noch viel größeren Blutbad entgangen. Der Attentäter ist gestorben.

 

Attentäter bezieht sich auf IS-Chef

Die Polizei kannte Mohammad bisher von kleineren Drogen- und Nötigungsdelikten. Aggressive Züge schien er durchaus gehabt zu haben. Innenminister Joachim Herrmann präsentierte am Montagnachmittag seine Indizien: Auf dem Handy des 27-Jährigen habe sich ein Video mit einer Anschlagsdrohung befunden. „Einen Racheakt“ wollte der Syrer gegen die Deutschen begehen, als Vergeltung, weil sie Muslime umbrächten. In einer ersten Übersetzung des arabischen Textes heiße es, der Täter handle im Namen Allahs, sagte Herrmann. Der Mann beziehe sich auf Abu Bakr al-Baghdadi, den Anführer der Jihadistenorganisation Islamischer Staat (IS). Bundesinnenminister Thomas de Maizière hingegen hielt zur selben Uhrzeit „vielleicht in Kombination“ eine Verbindung zum IS ebenso wie psychische Probleme für möglich. Der IS reklamierte nach einer Meldung der ihm nahestehenden Nachrichtenagentur Amak den Selbstmordanschlag von Ansbach für sich: Der Attentäter sei Aufrufen gefolgt, Länder anzugreifen, die an der Allianz zur Bekämpfung des IS beteiligt seien.

 

Asylantrag in Österreich abgelehnt

Wie in Würzburg und München, so schälte sich das Profil des Selbstmordattentäters erst langsam heraus: Mohammad D. ist aus Syrien geflohen. Auf seiner Reise durch Europa stellte er 2014 auch einen Asylantrag in Österreich. Dieser sei aber abgelehnt worden, sagte Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck am Montag zur Austria Presse Agentur. Grund dafür: Der Mann hatte schon in Bulgarien, wo er ebenfalls Asyl beantragt hatte, einen Schutzstatus erhalten. Aus demselben Grund wurde sein Asylantrag auch in Deutschland abgelehnt. Gemäß Dublin-Regelung sollte er dorthin zurückkehren, wurde aber „seiner psychischen Labilität“ wegen zunächst in Deutschland geduldet. Vor wenigen Tagen erhielt er dann eine neue Abschiebeverfügung nach Bulgarien.

 

Herrmann legt an Schärfe zu

Mohammad D. lebte mit anderen Asylwerbern in einem ehemaligen Ansbacher Hotel. Wegen seiner Selbstmordversuche war er in psychiatrischer Behandlung. Die Mitarbeiter des Städtischen Sozialamts, bei denen Mohammad D. immer wieder um Leistungen vorgesprochen hat, schildern ihn als „freundlich, unauffällig, nett“.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Bayerns besonnener Innenminister, Joachim Herrmann, an Schärfe zugelegt hat. Das Axtattentat des 17-jährigen Afghanen im Regionalzug bezeichnete er noch als „einzelne Wahnsinnstat“. Jetzt, nach Ansbach, spricht er umfassend von „Gewalt, die von Asylantragstellern ausgeht“. Angesichts der wachsenden Ängste im Volk dürfe man es nun nicht bei einem Achselzucken belassen. „Ich bin entsetzt“, sagt Herrmann. „Es ist ungeheuerlich, dass jemand die Schutzmöglichkeiten des Asylrechts derartig schlimm missbraucht und Menschen, die diesen Schutz garantieren, so schwer verletzt.“ Mohammad D. habe das Asylrecht „in schlimmer Weise diskreditiert“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2016)