Wie man den ORF bestellt

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Am Dienstag wird ein neuer ORF-Chef bestellt. Der rote Kandidat, Alexander Wrabetz, tritt gegen den schwarzen Richard Grasl an. Das zeigt: Der ORF ist die letzte Bastion der ehemaligen Großparteien.

Wien. Alle fünf Jahre bekommt der ORF einen neuen Generaldirektor – und alle fünf Jahre wieder muss mit einem kleinen sprachlichen Missverständnis aufgeräumt werden: Der ORF-Chef wird nicht gewählt, sondern bestellt. Dass trotzdem ständig von einer „Wahl“ die Rede ist, hat weniger mit sprachlicher Schlampigkeit zu tun als damit, dass das Prozedere schlicht an eine Wahl erinnert.

Noch immer ist das oberste Aufsichtsgremium des ORF, der Stiftungsrat, großteils politisch besetzt. Auch nach der Reform der ORF-Gremien 2001, mit der die schwarz-blaue Regierung den Staatssender offiziell entpolitisieren wollte, werden die 35 Stiftungsräte von Regierung, Parteien, Bundesländern, Publikumsrat und Betriebsrat entsandt. Der ORF ist die letzte Bastion, in der sich die ehemaligen Großparteien SPÖ und ÖVP ihre Macht mit jeweils 13 Stimmen aufteilen, während die Oppositionsparteien nur je eine Stimme haben. Der ORF wirkt wie Österreichs Bundespolitik der 1980er-Jahre.

Das Match lautet also auch diesmal: Rot gegen Schwarz. Die zwei einzigen zum Hearing zugelassenen Kandidaten sind Alexander Wrabetz und Richard Grasl. Die sechs weiteren Bewerber wurden mangels Qualifikation sowie politischen Rückenwinds gar nicht erst geladen. Dabei wollte Bundeskanzler Christian Kern im ORF eigentlich alles anders machen: mit Headhuntern im In- und Ausland nach fachlich qualifizierten Bewerbern suchen und transparent einen international versierten Manager bestellen. Doch dann erklärte er Anfang Juni im Ö1-„Mittagsjournal“ doch wieder, dass Wrabetz, der ein drittes Mal für das Amt antritt, sein und vor allem der Kandidat der SPÖ sei. Die ÖVP wollte Grasl nicht mehr aus dem Rennen nehmen. Gegen die ÖVP wäre ein anderer Kandidat als Wrabetz weder zu finden noch durchzubringen gewesen.

Wrabetz und Grasl können noch so oft erklären, dass sie Zurufe aus den Parteizentralen stören. Der Einfluss der Parteien ist ein Faktum, das kaum jemand zu vertuschen sucht. Wenn hie und da E-Mails auftauchen, die das beweisen, überrascht das kaum mehr. Kein Wunder, dass der unabhängige Stiftungsrat Franz Küberl klagt, welch enormer Druck nun auf den Stiftungsräten liege. Die „Wahl“ entscheiden neben ihm die vier Räte von FPÖ, Grünen, Neos und Team Stronach. Man kann sich sicher sein, dass ihre Stimme mit Einfluss erkauft wird.

 

Drozda gegen Gebührenerhöhung

Zwischen Personal- und Sponsoringdeals und parteipolitischem Hickhack wird gern übersehen, worum es eigentlich geht: die Führung von Österreichs größtem Medienunternehmen. Folgt man dem Konzept von Wrabetz, bleibt dort vieles, wie es war, aber das Programm soll jünger und verstärkt digital werden. Grasl will den ORF strukturell neu aufstellen. Da er die Ertragslage im ORF trotz jährlicher Gebühreneinnahmen von rund 600 Millionen Euro, aber wegen stagnierender Werbeerlöse sinken sieht, fordert er eine Gebührenerhöhung von 10,5Prozent. Medienminister Thomas Drozda (SPÖ) hält davon nichts, wie er am Freitag erklärt hat. Was zumindest interessant ist, weil nicht der Minister, sondern der angeblich unabhängige Stiftungsrat darüber zu entscheiden hat.

Egal, wer am Dienstag gewinnt, es kann gut sein, dass den Kandidaten, die sieben Jahre miteinander gearbeitet haben, der andere künftig fehlen wird. Der mitunter zu willensstarke Finanzer Grasl und der zaudernde Wrabetz haben einander gut ergänzt, nicht nur bei Budgetfragen. Nicht einmal die ORF-Mitarbeiter haben diesmal einen Favoriten. Oder anders formuliert: Der eine, so heißt es am Küniglberg, sei so gut oder schlecht wie der andere.