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Die Kinderattentäter der Terrormiliz IS

In der nordirakischen Stadt Kirkuk fiel Sicherheitsbeamten am Sonntag ein Bursche auf, der unter seinem Messi-Trikot einen Sprengstoffgürtel trug.
In der nordirakischen Stadt Kirkuk fiel Sicherheitsbeamten am Sonntag ein Bursche auf, der unter seinem Messi-Trikot einen Sprengstoffgürtel trug.(c) REUTERS (AKO RASHEED)
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Der sogenannte Islamische Staat bildet gezielt Minderjährige für Selbstmordanschläge aus. Einer von ihnen schlug nun offenbar in der Türkei zu, ein anderer wurde in letzter Minute in Kirkuk gestoppt.

Die irakische Stadt Kirkuk erlebte am Sonntagabend dramatische Momente. Der schlaksige Halbwüchsige im Trikot des Barcelona-Stars Lionel Messi fiel kurdischen Polizisten auf, weil er bei der Kontrolle plötzlich anfing zu schluchzen. Unter seinem T-Shirt steckte ein weißer Sprengstoffgürtel. Zwei Uniformierte hielten den Buben fest und holten Peschmerga-Spezialisten zu Hilfe. Diese schnitten mit einer Zange Kabel und Halterungen durch. Mit verstörtem Blick starrte der Teenager in die Nacht, sein Barcelona-Shirt mit der gelben Nummer 10 lag zerrissen auf dem Asphalt. Dann schoben ihn die Beamten in einen Polizeiwagen, in dem der Bub mit bloßem Oberkörper erneut anfing zu weinen, und fuhren davon.

Bisher hüllen sich die kurdischen Behörden in Schweigen über die Hintergründe des verhinderten Attentats. Anwohner vermuten, dass der Bursche die Bombe während des Abendgebets in einer nahe gelegenen schiitischen Moschee zünden sollte. Und vieles deutet darauf hin, dass auch in Kirkuk der Islamische Staat dahintersteckt.

Auch beim Anschlag in Gaziantep könnte es ein Jugendlicher Attentäter des IS gewesen sein, der sich unter die Gäste einer kurdischen Hochzeit gemischt hatte, das legen Aussagen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nahe. Sein Regierungschef Bilal Yildirim ruderte nun zurück. "Wir sind nicht in der Lage, irgendetwas zum Attentäter zu bestätigen - ob er ein Kind oder ein Erwachsener war oder welche Organisation (dahinter steckt)", sagte Yildirim am Montag vor Journalisten in Ankara. 

54 Menschen starben, 69 wurden verletzt, 17 schweben noch in Lebensgefahr. Das Brautpaar überlebte das Blutbad leicht verletzt. In Kirkuk wurde der rechtzeitig entschärfte Gürtel später an einem sicheren Ort gezündet. Für einige Sekunden erhellte ein greller Blitz die nächtlichen Straßen und demonstrierte den Bewohnern, wie knapp ihre Stadt einem ähnlichen Massaker entkommen war.

„Der Islamische Staat mobilisiert Kinder und Jugendliche in einem wachsenden und beispiellosen Ausmaß“, urteilt die bisher einzige Studie zu dem Thema, die von der Georgia State University in Atlanta erarbeitet wurde. Dazu haben drei Forscher insgesamt 89 Twitterfotos und -videos ausgewertet, auf denen von Jänner 2015 bis Jänner 2016 Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 18 Jahren als sogenannte IS-Märtyrer gefeiert werden. Etwa 40 Prozent ihrer Gewalttaten sind Selbstmordattentate mit dynamitgefüllten Autos. 33 Prozent der Halbwüchsigen starben als Kämpfer auf dem Schlachtfeld, 18 Prozent nahmen an sogenannten Inghimasis-Operationen teil, bei denen Gruppen von Kämpfern mit leichten Waffen hinter die Linien ihrer Gegner vordringen und sich dann gemeinsam in die Luft sprengen. Die weit überwiegende Zahl der dokumentierten Kinderattentate richtete sich gegen Polizisten, Soldaten und Milizionäre. Lediglich in drei Prozent der Fälle sprengten sich Jugendliche inmitten von Zivilisten in die Luft. „Solche Aktionen sind eine sehr effektive Form von psychologischer Kriegsführung“, urteilen die Wissenschaftler, die mit zunehmenden IS-Einsätzen von Minderjährigen rechnen.

Gehirnwäsche bei jesidischen Kindern

Zehntausende Heranwachsende werden seit Mitte 2014 in den Schulen des „Islamischen Kalifats“ indoktriniert. Die Schulbücher, die Hass und Verachtung für Andersgläubige lehren, stammen fast alle aus Saudiarabien. Obendrein entwickelte der IS eine spezielle Lern-App für „die Jungen des Kalifats“, das den Kleinen das arabische Alphabet in Jihadistenmanier beibringen soll. Jeder Buchstabe ist als Merkhilfe mit dem Bild von Panzern, Gewehren, Granaten, Minen oder Schwertern verknüpft. Auch setzt keine der Terrororganisationen des Nahen Ostens Kinder und Jugendliche so bewusst zu Propagandazwecken ein wie der Islamische Staat. So zeigt inzwischen eine Fülle von Videos maskierte Kinder oder Teenager, die vor ihnen kniende Soldaten oder angeblich enttarnte Spione per Kopfschuss hinrichten.

Um den Schrecken noch zu steigern, wurden in einem neuen IS-Propagandastreifen 1400 jesidische Kinder vorgeführt, die angeblich zu Selbstmordattentätern ausgebildet werden sollen, das Jüngste erst fünf Jahre alt. Denn immer noch befinden sich rund 3800 Jesiden in der Hand der Gotteskrieger, 2600 konnten bisher freigekauft werden. Täglich kommen Menschen aus der IS-Sklaverei zurück, berichtet Baba Cawis, der religiöse Wächter des jesidischen Heiligtums im nordirakischen Lalisch. Der gefangene Nachwuchs seiner religiösen Minderheit ist jetzt bereits zwei Jahre der IS-Gehirnwäsche ausgesetzt. „Die Leute hier haben inzwischen Angst vor den eigenen Kindern, dass sie genauso gewalttätig wie der IS werden“, sagt er. „Denn Kinder – die sind wie ein weißes Buch.“

Auf einen Blick

Forscher der Georgia State University in Atlanta haben untersucht, wie der Islamische Staat Kinder und Jugendliche mobilisiert. Sie werteten dafür Twitterfotos und -videos aus, auf denen von Jänner 2015 bis Jänner 2016 Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 18 Jahren als IS-Märtyrer gefeiert werden. Rund 40 Prozent ihrer Gewalttaten machten Selbstmordattentate mit dynamitgefüllten Autos aus. 33 Prozent starben als Kämpfer auf dem Schlachtfeld, 18 Prozent drangen hinter die Linien der Gegner vor und sprengten sich in die Luft. Nur drei Prozent der Jugendlichen zündeten die Bomben inmitten von Zivilisten.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2016)