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Kein Run der Flüchtlinge auf die Hochschulen

Das Panel: Michael Girardi (Integrationsministerium), Demografin Isabella Buber-Ennser, „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak, AMS-Vorstand Johannes Kopf und Joanneum-Rektor Karl Peter Pfeiffer (v. li.).
Das Panel: Michael Girardi (Integrationsministerium), Demografin Isabella Buber-Ennser, „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak, AMS-Vorstand Johannes Kopf und Joanneum-Rektor Karl Peter Pfeiffer (v. li.).(c) Katharina Fröschl-Roßboth
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Wenige Geflüchtete streben an Österreichs Unis und Fachhochschulen – weil sie erst andere Prioritäten haben, etwa Geld verdienen. Aber auch mangels Information, Stipendien und weil sie oft in der Peripherie untergebracht sind.

Die erste Frage lautet häufig „wie viele“. Es ist die Zahl der Flüchtlinge, die nach Österreich gekommen sind, über die viel gesprochen wird. Danach kommt gerne die Frage des woher. Und irgendwann kommt auch noch die Debatte, was die Menschen nun machen – wobei die Bandbreite der Wortmeldungen von pessimistischen, etwa mit der vielzitierten sozialen Hängematte, bis hin zu euphorischen Meldungen reicht. Etwa jener, welche Potenziale Geflüchtete mit sich bringen. Allein, an wissenschaftlichem Zahlenmaterial, welche Qualifikationen die Menschen haben, wird noch gearbeitet – bzw. werden noch keine Ergebnisse publiziert.

So muss Isabella Buber-Ennser, Forscherin am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, am Mittwoch passen – sie erhob Bildung, Berufsqualifikation und Wertvorstellungen von 500 Flüchtlingen. Doch die Ergebnisse kann sie beim Panel „Internationalisierung wider Willen? Chancen und Herausforderungen von Migration für höhere Bildung“ nicht verraten, ehe sie in einer Fachzeitschrift publiziert wurden. So bleibt nur ein Rückgriff auf den – nicht repräsentativen – Kompetenzcheck des AMS, bei dem im Jänner die Fähigkeiten von rund 900 Geflüchteten erhoben und aufgeschlüsselt wurden. Und hier gebe es eine große Bandbreite, sagt AMS-Vorstand Johannes Kopf.

So habe etwa ein Viertel der Syrer eine tertiäre Ausbildung, bei den Iranern seien es sogar 40 Prozent, während bei den geflüchteten Afghanen in Österreich nur etwa sieben Prozent eine Hochschule absolviert haben. Gerade bei den Syrern sei aber auch erschreckend, dass 25 Prozent überhaupt nie eine Schule besucht hätten. „Wir wissen auch nicht, was wir mit jemandem machen, der 30 Jahre alt ist und zeit seines Lebens Soldat oder Schafhirte war“, so Kopf. Aber auch aus einem syrischen Akademiker könne man nicht über Nacht jemanden machen, der in Österreich sofort in seinem Bereich arbeiten kann. Es gebe zwar „hochinteressante Leute“, so Kopf. Aber auch Hindernisse. Das seien etwa Sprachkenntnisse, aber auch Schwierigkeiten bei der Nostrifikation.

Gerade bei jenen, für die sich ein Studium an einer Uni oder FH anbieten würde, müsse man aber auch verstehen, dass sie erst ihre Grundbedürfnisse befriedigen wollen. Es sei verständlich, dass jemand, der in einer Flüchtlingsunterkunft auf engstem Raum mit vier anderen Personen zusammenlebe, sich zunächst einmal eine eigene Dusche oder eine eigene Wohnung leisten wolle, als an ein Studium zu denken.

„Ich bremse die Euphorie“

„Ich bremse die Euphorie, dass es bei der Zurverfügungstellung von Möglichkeiten großen Andrang gibt“, sagt der AMS-Vorstand. Ein Befund, den Karl Peter Pfeiffer teilt. Der Rektor der Fachhochschule Joanneum hat sich vergangenen Sommer einen großen Ansturm von Flüchtlingen erwartet, die sich über ein Studium informieren wollen. „Zu unser aller Überraschung ist dieser Run ausgeblieben.“ Er sieht unter anderem einen Grund darin, dass viele potenzielle Studierenden über das Land verstreut sind – viele davon in der Peripherie. Und die wüssten oft gar nicht, wo die nächste Hochschule sei. Gekommen seien letztendlich nur sehr wenige – vor allem Geflüchtete, die schon einen hohen Bildungsstandard haben und in Deutschkursen waren. „Das waren vor allem männliche Syrer.“

Wie man Flüchtlinge besser an die österreichischen Hochschulen heranführen kann, dafür findet man am Podium mehrere Lösungsvorschläge. Etwa mit Stipendien, um die finanziellen Hürden abzubauen, wie Johannes Kopf vorschlägt. Rektor Pfeiffer wiederum bringt das Modell von Onlinekursen ins Spiel, damit man auch von der Provinz aus lernen könne. Ein entsprechendes Projekt gebe es mit der Online-Uni Kiron bereits in Deutschland. „Das fehlt in Österreich“, so Pfeiffer, „prüfen wir, ob wir uns da anschließen können.“ Was Moderator und „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak dazu bringt, bei AMS-Chef Kopf und dem Eröffnungsredner, Fachhochschulkonferenz-Präsident Helmut Holzinger, gleich eine Initiative einzufordern. „Machen wir das. Damit auch einmal was weitergeht.“

Und Demografin Buber-Ennser fordert, dass die Fachhochschulen und Unis die Kenntnisse der Geflüchteten erheben – aber auch die Bildungssysteme der jeweiligen Länder kennenlernen sollten. Gleichzeitig rät sie, den Spracherwerb der Flüchtlinge zu fördern und mit mehr Angeboten in englischer Unterrichtssprache noch stärker internationale Studierende anzuziehen. Jedenfalls sollte man die grundsätzliche Denke umstellen: „Wir sollten weggehen von der Frage: ,Wie viele sind gekommen' und hin zur Frage: ,Wer ist gekommen‘.“