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„Wie führe ich Small-Talk in einem Forum wie Alpbach?“

Verena Winiwarter
Verena Winiwarter(c) Katharina Fröschl-Roßboth
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Seid kreativ, aber gezielt, verwertungsorientiert und flott! Dieser Zugang funktioniere nicht, sagt Verena Winiwarter.

„Mein Sohn kauft sich ständig einen Raspberry Pi“, erzählt Verena Winiwarter. Hört man das, könnte man meinen, der Sohn der Wissenschaftstheoretikerin habe eine Vorliebe für Himbeerkuchen. Doch: Raspberry Pis sind ganz kleine, simple, günstige Computer, mit denen Programmierer gerne experimentieren. Winiwarters Sohn hat bereits sieben davon. „Und es fällt ihm immer eine neue Anwendung dafür ein. Den Fischfütterautomaten seines Aquariums etwa steuert er damit“ – dabei studiere er nicht einmal Informatik, sondern experimentiere in seiner Freizeit.

„Ich glaube, dass es kreativitätsmindernd ist, Kreativität von Anfang an für Innovation zu instrumentalisieren“, sagt Winiwarter und sieht ihre These nicht nur im Verhalten ihres Sohnes bestätigt. Auch bei einer EFA-Veranstaltung der vergangenen Woche, in der es um die „Happy Labs“ ging, hieß es: Diese Labors, die interessierten Laien 3D-Drucker und computergesteuerte Fräsen zur Verfügung stellen, wären schon einmal als „Montessorikindergarten für Erwachsene“ bezeichnet worden. „Ein schöneres Kompliment kann man den ,Happy Labs‘ gar nicht machen!“ Bemerkenswert ist für Winiwarter, die selbst am Freitag zu „Der Zyklus der Innovation und seine Ökologie“ diskutierte, dass die Lab-Nutzer ohne Not und ohne vorgegebenes Ziel basteln.

„Es ist ihnen völlig egal, ob das, was sie machen, verwertbar ist oder nicht. Sie brauchen auch keine Drittmittel.“ Dass manche Entdeckung sich früher oder später in ein Produkt verwandeln ließe, bestärkt Winiwarter nur in ihrer Annahme, dass zielgerichtetes Innovieren die Kreativität einschränke.

Inklusion für Arbeiterkinder

„Es geht gerade nicht um firmennahe Forschung; es geht um firmenferne Forschung, ums Experimentieren – darum, nicht sofort in eine Verwertungslogik zu kommen“, sagt Winiwarter. Österreich müsste seinen Fokus verlagern, weg vom verwertungslogischen Teil des Innovationssystems. „Da sind wir im europäischen Vergleich super.“ Stattdessen ließe sich Aufmerksamkeit auch anderswo hinlenken: „dorthin, wo eine Verwertung nicht absehbar ist. Dort müssen wir inklusiv werden.“
Ein empfindliches Thema: „Inklusion sagt jeder, aber die Konsequenzen will keiner tragen“ – aktuell z. B. angesichts geflüchteter Menschen, die ins Land kommen. Aber zum Beispiel auch angesichts jener studierenden „Arbeiterkinder“, die die ersten Akademiker ihrer Familien werden. „Was ich der österreichischen Wissenschaftspolitik konkret empfehlen würde, ist, diese Zielgruppe anzusprechen und zu sagen: Wir bieten euch so etwas wie ein ,Elmayer-Paket‘.“ Damit dürfe man aber nicht ihre Defizite betonen, sondern die Vorteile, die sie für ihre spätere Karriere daraus ziehen.

Es gehe um Fragen von Selbstwertgefühl, von sozialem Umgang, sagt Winiwarter, etwa: „Wie locker fühle ich mich in einem Forum wie Alpbach? Wie führe ich hier Small-Talk?“ Im Idealfall ermächtigen solche Maßnahme die Personen zu sagen: „,Ich bin ein Arbeiterkind und stolz darauf.‘ Stellen Sie sich eine Innovationskultur vor, die diese Erfahrungsräume nützt!“

Weit kommt man nur im Team

Zeitdruck ist Winiwarter zufolge ebenfalls ein hinderlicher Faktor. Sie zitiert ein afrikanisches Sprichwort: „If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together“, wenn man also weit kommen möchte, braucht man ein Team. „Der g'schupfte Ferdl“, wohl eher kein Teamspieler, sei nicht der Typ, der in ihr Modell passe.
Sie kritisiert einen anderen Aspekt derzeitiger Praktiken: „Wir schauen zu wenig auf soziale Innovationen.“ Und bringt ein drastisches Beispiel: „Die in mancher Hinsicht wirkmächtigste soziale Innovation des späten 20. Jahrhunderts war das Selbstmordattentat: Der Täter ist bereit, sein Leben für dieses Attentat aufzugeben.“ Als konstruktives Beispiel nennt sie die mögliche Wende der Palliativmedizin, die sich nicht mit der Heilung von (unheilbaren) Krankheiten beschäftigt, sondern mit der Linderung von Symptomen – hin zu „Palliative Care“.

Diesen Wandel treibt Winiwarters Fakultät mit einem eigenen Institut voran. Palliative Care wählt keinen rein medizinischen, sondern einen ganzheitlichen Zugang zum Thema: „Und plötzlich wird generationenübergreifendes Wohnen zum Thema, nicht Schmerzbehandlung.“