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Julia Onken: "Der Prinz kommt nicht"

Julia Onken
(c) Clemens Fabry
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Warum beste Freundinnen Beziehungen retten können, warum man unbedingt Freiräume braucht und warum Sexualität überbewertet ist. Bestsellerautorin Julia Onken im Interview.

Sie schreiben seit 20 Jahren Beziehungsratgeber. Haben sich die Probleme verändert? Oder geht's zwischen Mann und Frau immer um dieselben Fragen?

Julia Onken: Nein. Die Themen haben sich schon weiterentwickelt. Gleichberechtigung, Kindererziehung, berufstätige Mütter kommen jetzt erst wirklich dazu. Vor 20 Jahren haben wir dafür gekämpft, dass man Frauen als Menschen wahrnimmt, wir haben dieselben Rechte eingefordert. Jetzt wird das umgesetzt. Jetzt sagen die Frauen aber auch: Das funktioniert doch nicht. Wir können studieren, wir können eine Familie gründen. Nun müsst ihr uns aber bitte sagen, wie wir das alles unter einen Hut bringen.

Warum wollen Frauen immer so perfekt sein?

Frauen waren lange in einer Position, in der sie nicht viel zu sagen hatten. Das Gefühl, nicht viel wert zu sein, ist eine ungünstige Ausgangslage. Frauen müssen sich wahnsinnig anstrengen, um weiterzukommen. Sie müssen auch noch immer besser sein als Männer, wenn sie etwas erreichen wollen. Sie müssen auf mehreren Etagen gleichzeitig funktionieren. Der Mann kann sich darauf verlassen, dass Klopapier da ist, Zahnpasta und Essen. Die Frau muss sehr viel mehr Segmente abdecken. Steht sie in der Öffentlichkeit, darf sie sich auch im Äußerlichen keine Nachlässigkeit erlauben. Ist sie nicht gut, gerät sie sofort in die Schusslinie. Das haben wir gut gelernt. Dieser Perfektionsanspruch ist für die Frau aber sehr problematisch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ausbrennt. Frauen sollten sich erlauben, auch Fehler zu machen.

Dennoch nehmen die meisten Frauen auch noch die Verantwortung auf sich, dass die Beziehung „funktioniert“.

Das stimmt. Und laden sich damit gleichzeitig die Bürde auf, dass es an ihnen liegt, wenn es nicht klappt. Geht der Mann fremd, bekommt die Ehefrau gar nicht so selten zu hören: Na ja, wenn du ein bisschen mehr auf dein Äußeres achten würdest, ein bisschen Schminke, vielleicht andere Unterwäsche...

Aber warum ist das denn noch immer so?

Die Botschaft ist noch nicht angekommen. Das muss Erbmasse sein, die wir aus den Zellen von Müttern und Großmüttern übernommen haben. Außerdem ist neurologisch mittlerweile erwiesen, dass die Hirne von Männern und Frauen unterschiedlich funktionieren. Der Blick der Frau ist auf eine ganzheitliche Situation gerichtet, die Männer sehen ein Segment. Sie sagt: „Hier stimmt etwas nicht, ich weiß aber nicht, was.“ Und er hat nicht einmal eine Ahnung, wovon sie überhaupt redet.

Was suchen moderne Frauen in einer Paarbeziehung? Wenn man an Zeitgeistdarstellungen wie „Sex and the City“ denkt, so geht's letzten Endes doch immer nur um die Suche nach dem Prinzen.

Und der Prinz kommt nicht. Definitiv nicht. Das ist eine alte Tradition, die man offenbar nicht auslöschen kann. Die Frau braucht einen Mann, sonst gibt es sie nicht. Hat sie einen Mann, fühlt sie sich „veredelt“.

Das macht aber doch viele Beziehungen recht brüchig. Früher gab es wirtschaftliche Zweckgemeinschaften, heute hat man Gefühlsgemeinschaften mit ganz anderen Bedürfnissen.

Frauen wollen seelische Intimität, Wertschätzung, einen Beweis ihrer Einmaligkeit. Und sie gehen davon aus, dass ihnen all das nur der Partner bieten kann. Dabei geht das mit einer besten Freundin oft viel besser. Jede Frau braucht eine beste Freundin.

Die von vielen Männern aber oft argwöhnisch beäugt wird.

Zu Unrecht. Die beste Freundin deckt Defizite im intimen Austausch ab, in einer Sprache, die die meisten Männer gar nicht kennen, geschweige denn verstehen. Deshalb sind Frauenfreundschaften so wichtig. Ohne sie würden viele Frauen in einer Ehe oder Partnerschaft das Handtuch werfen, weil sie seelisch verkümmern würden. Männer sollen sich also nicht darüber ärgern, sondern der besten Freundin von Zeit zu Zeit Blumen schicken.

Sind die Männer heute überfordert?

Wir muten ihnen zu viel zu. Frauen erwarten von einer Beziehung das große Glück. Das kann der Partner aber nicht leisten. Dafür muss man Selbstverantwortung übernehmen. Man muss sich selbst akzeptieren und sich selbst lieben. 50 Prozent der Menschen, die in einer problematischen Partnerschaft leben, würden allein dadurch schon erlöst werden. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe das selbst erprobt. Man muss Freiräume haben, die einem helfen, Krisen zu überstehen. In denen man Kraft schöpfen kann. Es gibt Leute, die sich brüsten, alles gemeinsam zu machen. Das kann recht eng werden.

Welche „Beziehungsfallen“ drohen denn noch?

Die Sexualität. Von der erwartet man zu viel oder betrachtet sie isoliert, nicht im Kontext der Beziehung. Wenn Frauen in einer Beziehung entwertet werden, haben sie keine Lust auf Sexualität. Beim Mann funktioniert das trotzdem. Die Annahme ist, dass praktizierte Sexualität glücklich machen müsse. Doch Bedürfnisse verändern sich, vor allem, sobald Kinder da sind. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass man auf dem Gebiet ein bestimmtes operatives Kontingent hat. Und wenn das erschöpft ist, ist die Sache erledigt. Sexualität ist ja auch nur ein Teilaspekt des intimen Zusammenseins.

Sie warnen auch davor, den Partner verändern zu wollen.

Den anderen nach einem bestimmten Modell hinzuklempnern, ist respektlos. Verändern wollen heißt immer: So wie du bist, liebe ich dich nicht. Es ist eine Anmaßung sondergleichen, wenn ich zu wissen glaube, wie der andere sich zu entwickeln hat.

Wird die Zweierbeziehung trotz aller Schwierigkeiten das gesellschaftliche Grundmodell bleiben?

Ja. Denn die Sehnsucht nach Kontinuität und Verlässlichkeit in der Beziehung mit einem anderen ist ein archaischer Grundwunsch des Menschen.

 

Julia Onken, geboren am 1. Mai 1942, ist Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin. Nach ihrer Scheidung gründete sie 1987 das Frauenseminar Bodensee, das sie auch leitet.

Seit 1988 schreibt Onken Bestseller über Beziehungen und wie man sie überlebt. Zu ihren Titeln zählt „Wenn du mich wirklich liebst. Die häufigsten Beziehungsfallen und wie wir sie vermeiden“ (Beck, 2001).

Als Gastrednerin nahm Onken an der vom Katholischen Familienverband Österreichs veranstalteten Tagung „Beziehung-Los?“ in Wien teil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)