Ungarn: Schließung regierungskritischer Zeitung sorgt für Aufregung

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"Népszabadság" wurde von ihrem österreichischen Eigentümer "aus wirtschaftlichen Gründen" eingestellt. Kritiker sprechen von Zensur.

Budapest. Am Freitagabend gingen die Redakteure der linken ungarischen Zeitung „Népszabadság“ noch gut gelaunt nach Hause. Am Wochenende würden sie in neue Räumlichkeiten umziehen, alles war bereits in Kartons verpackt. Das Ganze war Teil einer Umstrukturierung, die bereits erste Ergebnisse zeigte. Das jahrelang schwer defizitäre Blatt hatte 2015 erstmals wieder einen schmalen Gewinn erwirtschaftet.

Auch journalistisch lief es gut, mit Enthüllungsgeschichten über eine Liebesaffäre des Nationalbankpräsidenten und Orbán-Vertrauten, György Matolcsy, und über einen weiteren Vertrauten des Ministerpräsidenten. Antal Rogan, im Volksmund „Propagandaminister“ genannt, weil er die Kommunikationspolitik der Regierung lenkt, war im Hubschrauber zur Hochzeit einer bekannten Schauspielerin geflogen. Der verwöhnte Luxus-Lifestyle „konservativer“ Politiker ist eines der gefährlichsten Themen für die Regierung, die sich gern als Beschützer des „kleinen Mannes“ gibt.

 

Über Nacht von der Arbeit „befreit“

Am Sonntag wollte man dann in den neuen Räumen den Umzug feiern und auf die Zukunft anstoßen. Die Geschäftsleitung hatte verkündet, die Pizzas für die Party seien bereits bestellt. Dann der Samstagmorgen: Die Wochenend-Redakteure wurden nicht ins Gebäude gelassen. Alle Hausausweise wurden konfisziert. Die Internetseite der Zeitung war offline. Das E-Mailsystem gesperrt. Ein Kurier brachte den Redakteuren Mitteilungen, sie seien von der Arbeit „befreit“. Archive, Dokumente – in den Umzugskartons, zu denen niemand Zugang bekam.

Dann erschien auf der Webseite der Zeitung eine Mitteilung der Geschäftsführung: Die Eigentümer wollten das Blatt aus „wirtschaftlichen Gründen“ bis auf Weiteres nicht mehr erscheinen lassen, weder gedruckt noch digital. Abonnenten könnten ihr Geld zurückfordern oder eine andere Zeitung des Verlages wählen, etwa ein Sportblatt oder eine Frauenzeitschrift.

 

Journalisten klagen über Putsch

Die Kollegen waren empört, von Putsch und Zensur war die Rede, alle Parteien außer der Regierungspartei Fidesz erklärten sich solidarisch. Am Abend wurde demonstriert. Nur wenige Tausend kamen. Der Tod der einstigen kommunistischen Parteizeitung, die nach der Wende bis vor einigen Jahren mittelbar den heutigen Sozialisten gehörte, erregt im konservativen Ungarn nicht viele Gemüter.

Was aber war wirklich passiert? Zunächst hatten die Sozialisten das Blatt erst teilweise und dann ganz aufgegeben, es verlor einfach zu viel Geld. Seit 2014 gehörte es dem österreichischen Investor Heinrich Pecina, über seine Firma Vienna Capital Partners und das von ihr gehaltene Unternehmen Mediaworks.

In den vergangenen Monaten hatten Gerüchte kursiert, dass ein regierungsnaher Investor Mediaworks kaufen wolle. Nun wird spekuliert, ob der Deal hinter den Kulissen schon perfekt war, und ob die Schließung der Zeitung eine Bedingung war für das Geschäft.

Die Redakteure der Zeitung wollen nun in anderer Form weitermachen – wie, ist noch nicht klar.

Der Fall spiegelt die tragische Lage der Medien in Ungarn wider – aber auch anderswo: Es ist so schwierig geworden, auf dem Markt zu überleben, dass man Geldgeber braucht, die aber meist wichtigere Interessen haben, als den kritischen Journalismus am Leben zu erhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2016)