U.S. Democratic presidential candidate Hillary Clinton arrives to a press briefing before boarding her campaign plane at the Westchester County airport in White PlainsREUTERS
Sollte die Demokratin US-Präsidentin werden, wird sich die Außenpolitik ändern. Clintons Diplomatie wird militärisch unterfüttert sein.
Es gibt eine Anekdote, die Hillary Clinton im Lauf der Jahre immer gern zum Besten gegeben hat. Im Jahr 1975 habe sie ein Rekrutierungsbüro der US-Marines aufgesucht, um sich nach der Möglichkeit zu erkundigen, Reservistin zu werden. Als in Yale promovierte Juristin gebe es wohl sicher Verwendung für sie, habe sie dem blutjungen Rekrutierungsoffizier vorgetragen. Er habe sie und ihre aschenbecherdicken Brillengläser angeblickt und gesagt: „Sie sind zu alt, Sie sehen nichts, und Sie sind eine Frau.“
Knapp zwei Jahrzehnte später, als First Lady, nahm sie diese Zurückweisung von einst mit Humor. Ob Clinton damals wirklich Dienst in Uniform machen oder eher aktionistisch die Grenzen der beruflichen Möglichkeiten von Frauen testen wollte, ist offen. Unbestreitbar ist hingegen, dass diese Episode ein Licht auf das unverkrampfte Verhältnis der möglicherweise ersten Frau im Präsidentenamt der USA zu den Streitkräften wirft. Clinton wuchs als Tochter eines erzkonservativen Republikaners auf, der im Zweiten Weltkrieg als Marineunteroffizier Seeleute für den Kampf im Pazifik ausbildete und während des Kalten Krieges stets von der Sorge getrieben war, dass die USA im Wettrüsten zurückfallen. Das blutige Fiasko des Vietnamkrieges war ihr Damaszener Erweckungserlebnis. Als Studentin begann sie sich in Friedensgruppen zu engagieren und trat zu den Demokraten über. Doch wie die Episode aus dem Rekrutierungsbüro illustriert, entglitt Clintons kritisches Verhältnis zum Militär nie in eine Fundamentalopposition gegenüber dem Einsatz von Streitkräften, wenn es die Lage gebietet. „Sie würde als Präsidentin das Militär als eine von mehreren realistischen Optionen ansehen, aber nur dann, wenn es keine andere Wahl gibt“, sagte Jack Keane, Vier-Sterne-General i. R. und früher Vizegeneralstabschef der Army, in Mark Landlers Buch „Alter Egos“.
Hillary Rodham Clinton kommt am 26. Oktober 1947 in Chicago zur Welt. Ihre Mutter Dorothy Rodham, in bittere Armut geboren an jenem 4. Juni 1919, an dem der US-Kongress das Frauenwahlrecht beschließt, wird ihr zeitlebens jene emotionale Wärme vermitteln, die ihr der strenge Vater Hugh Rodham, Besitzer einer kleinen Textilfirma, verwehrte. Ihr Vater ist ein glühender Anhänger des rechtspopulistischen republikanischen Senators aus Arizona, Barry Goldwater. Hillary arbeitet als Freiwillige in Goldwaters Präsidentschaftswahlkampf 1964 mit. Doch zugleich wächst ihr Interesse an sozialen Fragen; der Jugendpastor ihrer methodistischen Kirche nimmt sie zu einem Vortrag des Bürgerrechtshelden Martin Luther King in Chicago mit, der bleibenden Eindruck hinterlässt. (Im Bild: Hillary Rodham in der Highschool.) APA/AFP/Maine Township High Scho
Ab 1965 besucht Clinton das Wellesley College in Massachusetts, eine Elitehochschule für Frauen. Sie studiert Politikwissenschaften und engagiert sich bei den jungen Republikanern. Ihre Ablehnung des Vietnamkrieges lässt sie 1968 zu den Demokraten wechseln, um deren Präsidentschaftskandidaten Eugene McCarthy zu unterstützen. Als erste Wellesley-Absolventin hält sie die Rede zum feierlichen Studienabschluss – und landet mit einem flammenden Appell an ihre Generation, ihr Schicksal selbstverantwortlich in die eigenen Hände zu nehmen, in einem „Time“-Magazin-Artikel über junge politische Hoffnungsträger. Wellesley College Archives/Handout via REUTERS
1969 beginnt sie ihr Jusstudium an der Yale Law School. Dort sitzt sie nicht nur mit dem späteren konservativen US-Hochstrichter Clarence Thomas in denselben Lehrveranstaltungen, sondern auch mit einem jungen Mann aus Arkansas namens William Jefferson Clinton. „Im Frühling 1971 traf ich ein Mädchen“, beschrieb der spätere US-Präsident beim heurigen demokratischen Parteitag sein erstes Treffen mit Hillary in der juristischen Bibliothek. Sie beginnt, sich für misshandelte Kinder im örtlichen Yale-New Haven Hospital einzusetzen. 1973 schließt sie mit dem Doktorat ab. Bill macht ihr nach der Promotionszeremonie einen Heiratsantrag – den sie ablehnt, weil sie über ihre Zukunft unsicher ist. Wellesley College Archives/Handout via REUTERS
Nach ihrem Studium arbeitet sie zunächst für eine Kinderwohlfahrtsorganisation in Massachusetts, danach in Washington als Mitarbeiterin im Kongressausschuss zur Untersuchung des Watergate-Skandals, der zum Rücktritt von Präsident Richard Nixon führte. 1974 nimmt sie einen neuen Antrag Bills an und zieht mit ihm, dem aufstrebenden jungen Politiker, nach Fayetteville, Arkansas. Dort gründet sie unter anderem das erste Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer. 1978 wird Bill zum Gouverneur gewählt, im Jahr darauf wird Hillary zur ersten Partnerin der Rose Law Firm. Bis zu seinem Einzug ins Weiße Haus 1993 wird sie mehr verdienen als er. Clinton Presidential Library
Am 27. Februar 1980 kommt Tochter Chelsea zur Welt. Im selben Jahr verliert Bill die Wiederwahl. Als einer der Hauptgründe gilt das emanzipierte, resolute Auftreten von Hillary, welches viele der mehrheitlich konservativen Wähler verstört. Um sein Comeback als Gouverneur 1982 zu unterstützen, tauscht sie ihre Hippiekleidung gegen konservativere Ensembles und nimmt seinen Familiennamen an. Der Imagewandel wirkt, Bill begründet seinen Nimbus als "Comeback Kid". (c) � Mark Cardwell / Reuters
Am 20. Jänner 1993 wird Hillary zur First Lady. Wenige Tage später setzt Bill sie zur Leiterin einer Kommission zur Reform des US-Gesundheitswesens ein. Ihr Reformunterfangen scheitert am Widerstand der Republikaner im Kongress und dem heftigen Lobbying der Pharma- und Krankenversicherungsindustrie, aber auch daran, dass sie ihre Pläne zur Einführung einer einheitlichen Krankenversicherung nach europäischem Modell unter strengster Geheimhaltung ausbrütet. Hillary zieht sich auf die traditionelle, zeremonielle einer First Lady zurück, um die Wiederwahl Bills im Jahr 1996 nicht zu gefährden. (c) Reuters (� Jim Bourg / Reuters)
Die Enthüllung der geschlechtlichen Beziehung Bills mit seiner damals 22-jährigen Praktikantin Monica Lewinsky erschüttert das Land – und die Ehe der Clintons. Denn Bill schwört zunächst, dass nichts an den Gerüchten sei, er habe schon im November 1995 etwas mit Lewinsky angefangen. Der Kongress setzt einen Sonderermittler ein, das Abgeordnetenhaus stimmt dafür, den Präsidenten seines Amtes zu entheben wegen Meineides und Behinderung der Justiz. Doch im Senat findet sich keine Mehrheit dafür. Hillary steht ihrem Mann in all dieser Zeit demonstrativ zur Seite. Und es wird nach und nach klar, wer ab sofort in der Beziehung die Hosen anhat: auf „acht Jahre Bill“ sollten „acht Jahre Hill“ an der Spitze der Nation folgen. (c) � Win McNamee / Reuters
Im November 2000 gewinnt Hillary die Wahl zur Senatorin von New York. Sie folgt dem legendären Daniel Patrick Moynihan und ist die erste Frau aus dem „Empire State“ in diesem Amt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 setzt sie sich in Washington für die rasche Entschädigung gesundheitlich geschädigter Feuerwehrleute und sonstiger Rettungsarbeiter am „Ground Zero“ ein, und sie stimmt für die Irakinvasion im März 2003. (c) REUTERS (� Reuters Photographer / Reuter)
Nach ihrer Wiederwahl 2006 bereitet Hillary ihre Präsidentschaftskandidatur 2008 vor. Sie gilt als klare Favoritin – ehe plötzlich ein junger Senator aus Illinois namens Barack Obama beginnt, die Herzen der Jugend mit seinem Motto „Yes We Can“ zu erobern. Nach einem langen, harten Wahlkampf wirft Clinton letztlich das Handtuch – und unterstützt Obama bei seinem klaren Sieg über John McCain. REUTERS
Ab Anfang 2009 dient Hillary Clinton als Außenministerin in Obamas Kabinett. Schnell wächst ihre Frustration darüber, dass alle wesentlichen außenpolitischen Entscheidungen im Weißen Haus fallen, oft ohne ihre Einbeziehung. Clinton engagiert sich stark dafür, den libyschen Diktator Muammar al-Gadhafi abzusetzen. „Wir kamen, wir sahen, er starb“, ätzte sie bei Bekanntgabe seines Todes in den Händen eines wütenden Mobs. Doch rasch entgleitet die Lage in dem nordafrikanischen Land: im September 2012 überfallen islamistische Terroristen eine Posten der US-Botschaft in Benghazi und töten den Botschafter Christopher Stevens, einen Mitarbeiter des State Department sowie zwei CIA-Auftragsmitarbeiter. Die Umstände dieses Angriffes verfolgen Clinton bis heute und liefern den Republikanern reichlich Futter für Verschwörungstheorien – auch wenn eine Untersuchungskommission des republikanisch geführten Abgeordnetenhauses sie vier Jahre später von der Verantwortung für den Angriff freispricht. Größter Erfolg Clinton-Jahre im State Department ist zweifellos die Tötung des Al-Qaida-Gründers und Führers Osama bin Laden am 2. Mai 2011 (im Bild). (c) REUTERS (HANDOUT)
Im zweiten Anlauf gelingt Hillary Clinton die Nominierung zur demokratischen Präsidentenkandidatin. Sie besiegt nach langem, mühsamem Vorwahlkampf den sozialistischen Senator Bernie Sanders aus Vermont – und wird zur ersten Frau einer der beiden staatstragenden Parteien, deren Name für die Präsidentschaft auf den Stimmzetteln steht. APA/AFP/BRENDAN SMIALOWSKI
Clinton: Von der Hippie-Anwältin zur Präsidentschaftskandidatin
Clintons Präsidentschaft würde einen qualitativen Wandel in der amerikanischen Außenpolitik herbeiführen gegenüber der zögerlichen, jegliche militärische Konfrontation selbst um den Preis einer Stärkung illiberaler Regimes meidenden Politik Barack Obamas. Im Gegensatz zu Obama hegte sie nie Illusionen über die Handschlagqualität Wladimir Putins. Vor Ablauf ihrer Zeit als Außenministerin Anfang 2013 formulierte sie mindestens zwei vertrauliche Thesenpapiere, in denen sie Obama zu einer härteren Linie gegenüber Moskau riet. Der Reset, also das Zurückstellen der amerikanisch-russischen Beziehungen auf ein Niveau gegenseitigen produktiven Interessenabgleichs, sei gescheitert, warnte Clinton laut Reuters unter Berufung auf frühere Stabsmitglieder. Dieser Versuch, nach der feindseligen Stimmung unter Präsident George W. Bush reinen Tisch zu machen, stand von Anfang an unter einem schlechten Stern: Der rote Knopf, den Clinton im März 2009 ihrem russischen Gegenüber, Sergej Lawrow, als Symbol guten Willens überreichte, war irrtümlich mit dem russischen Wort für „Überlastung“ beschriftet.
Der libysche Makel. Die gegenseitige Abneigung zwischen Clinton und Putin ist tief. „Er hat keine Seele“, unkte sie im Jänner 2008. „Ein Staatsoberhaupt sollte zumindest ein Oberhaupt haben“, schoss er zurück. Völlig zerrissen war das Tischtuch im Dezember 2011, als Clinton die Manipulationen zugunsten Putins bei der Parlamentswahl in Russland scharf angriff. Die Wahl sei weder frei noch fair gewesen. Mehrfach geißelte sie das brutale Vorgehen der russischen Sicherheitskräfte gegen die Opposition.
Nach Ansicht vieler Beobachter war Clintons offene Kritik am Kreml ein Fehler. Sie ermöglichte Putin das Stricken eines propagandistischen Narrativs angeblicher westlicher Verschwörungen gegen Russland. Und sie machte es dem Kreml und dessen Nachrichtenorganisationen wie „Russia Today“ leicht, Clinton als kalte Kriegerin zu karikieren, die es kaum erwarten kann, den Dritten Weltkrieg auszulösen. Das ist ins Reich der Fantasie zu verweisen. Gewiss: Der Nato-Luftkrieg gegen das Regime des libyschen Diktators, Muammar al-Gaddafi, den Clinton 2011 als Außenministerin befürwortete, stürzte das Land ins Chaos. Doch die Kritiker, die dieses Fiasko nun Clinton allein ankreiden wollen, vergessen, dass zuerst die Arabische Liga eine Intervention gegen Gaddafi gefordert hat. Erst nach intensiven Beratungen mit arabischen Führern und auf Drängen der Briten und Franzosen stellte Clinton sich ins Lager der Befürworter eines Eingreifens.
Leise Rede, großer Prügel. Clinton sieht das Militär als Mittel, um der Diplomatie Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein anschauliches Beispiel dafür lieferte sie im Juli 2010. Angesichts des zusehends imperialistischen Gehabes Chinas erklärte sie bei einer Tagung der Asean-Minister in Hanoi, die freie Seefahrt im Südchinesischen Meer sei „ein nationales Interesse“ der USA. Gleichzeitig machte sie sich dafür stark, als Reaktion auf die Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan durch einen nordkoreanischen Torpedo den Flugzeugträger George Washington ins Gelbe Meer zwischen Nordkorea und China zu schicken.
Diese beiden zeitnahen Handlungen machten Chinas besorgten Nachbarn klar, dass die USA weiterhin als ihre Schutzmacht waltet. „Asiatische Regierungen, die darauf erpicht waren, Chinas Macht und Einfluss zu parieren, begannen daraufhin, sich wieder den USA anzunähern“, schreibt James Mann in „The Obamians“. Sprich leise, aber trage einen großen Prügel, dann kommst du weit: Diese alte amerikanische Volksweisheit war schon Theodore Roosevelts außenpolitische Maxime. Ein Jahrhundert später könnte sie das Denken der ersten US-Präsidentin prägen.
Die Befugnisse des US-Präsidenten werden im Westen bisweilen überschätzt. Die Gründerväter zwängten ihn in ein enges Korsett. Was der Chef im Weißen Haus (nicht) darf.