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Wien: Hausbesetzung 2.0 in einer alten Schule

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Hausbesetzer haben eine alte Schule in der Triester Straße in Besitz genommen. Sie haben mit gängigen Klischees nichts gemein, sind erstaunlich professionell.

Hausbesetzer sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Lange Haare, leicht ungepflegt, schon morgens eine Bierflasche in der Hand? Fehlanzeige, zumindest in diesem Fall. Jene Leute, die seit einer Woche eine der Stadt Wien gehörende ehemalige Schule am Ende der Triester Straße, kurz vor der Autobahnauffahrt, besetzt halten, sind – nun ja – erstaunlich adrett.

Zumindest jene, die an diesem Vormittag in dem klobigen Backsteinbau anzutreffen sind. Besonders viele der rund 40 Hausbesetzer sind nämlich gar nicht da. Sondern – und wieder stimmt das Klischee nicht – arbeiten oder sind auf der Uni. Dafür empfängt einen, sobald man das Haus durch Garten und Hintereingang betreten hat, ein eigener Infopoint (!) mit Broschüren (!) und einem jungen Mann samt Laptop dahinter. Fast schon wie beim Bürgerservice im Rathaus. Chaos? Keine Spur. Diese Hausbesetzer sind vielmehr ziemlich gut organisiert.

Zumal es ihnen, wie sie sagen, nicht um Partys geht, sondern um Aktionen, ein Ziel. „Wir wollen ein selbstverwaltetes Hausprojekt schaffen“, erklärt ein junger Mann, der in der Sozial- und Jugendarbeit tätig ist und nicht mit seinem Namen genannt werden möchte: „Schließlich riskieren wir einiges hier.“ Matthias, so sein Pseudonym, serviert also Kaffee mit Sojamilch im improvisierten „Kostnixcafé“ in einem alten Klassenzimmer der ehemaligen Schule. Und erklärt das Konzept, das sich die „Initiative Hausprojekt“ im letzten halben Jahr ausgedacht hat, bevor sie vor einer Woche das Gebäude in Beschlag nahm.

Freiraum, mietfrei

Die Idee sei einerseits, „kollektiven Wohnraum“ zu schaffen. Mietfrei, versteht sich. Wo im Prinzip jeder, der beim „Hausprojekt“ mitmachen will, übernachten kann. Darüber hinaus soll es einen „offenen Bereich“ geben, einen „Freiraum“, der von jedem genutzt werden kann: mit „Kostnixladen und -café“ auf Spendenbasis, einer Kindergruppe, Raum für Workshops und Werkstätten – eine Fahrradwerkstatt gibt es bereits – sowie Angeboten „für Anrainer, die auf Besuch kommen wollen“.

Soweit die Idee, auf die die Hausbesetzer nun eine Woche lang hingewiesen haben. Auf wie viel Verständnis sie damit bei der Wiener SPÖ treffen, ist offen. Bis zum gestrigen Ende der Aktionswoche sah man zumindest davon ab, das Haus räumen zu lassen. Doch die Hausbesetzer sind gekommen, um zu bleiben. Gestern ließen sie wissen, dass die Besetzung weitergehen soll.

SPÖ hält sich bedeckt

Wie geht man mit solch angepassten Hausbesetzern um? Im Büro von SP-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig scheint man sich noch zu keiner Linie durchgerungen zu haben. Über das Haus sei gar nicht zu diskutieren, hatte es noch Anfang der Woche geheißen, zumal es andere Pläne für das Gebäude gebe. Aber wird das Haus geräumt? Das war gestern nicht zu erfahren, das Büro Ludwig blieb bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

Im Bezirk hat zumindest die ÖVP klargemacht, dass die rund 40 illegalen Bewohner nicht willkommen sind. Alfred Hoch, Obmann der brustschwachen ÖVP Favoriten, wo auch das besetzte Ernst-Kirchweger-Haus liegt, alterierte sich erst per Presseaussendung, um dann das Haus selbst zu besuchen. Er fand die Besetzer zwar „überraschend nett“, dass sie raus müssen, steht für ihn dennoch außer Frage: „Der Rechtsstaat muss eingehalten werden.“ Andernfalls befürchtet er einen „Flächenbrand“.

Sollte es zu einer Räumung kommen, haben die professionell organisierten Hausbesetzer jedenfalls schon einmal vorgesorgt. Und sich sicherheitshalber eine Rechtshilfenummer mit wasserfestem Stift auf Arm oder Bein geschrieben. Im Haus hängen auch Pläne mit Regeln für ein friedliches und respektvolles Hausbesetzer-Miteinander.

Müll wird getrennt

Sie haben begonnen, das denkmalgeschützte Haus mit einfachen Mitteln zu renovieren und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – was, wenigstens das entspricht dem gängigen Vorurteil, Graffiti beinhaltet. Bier trinken sie übrigens auch. Und der Müll? Der wird getrennt.

Solidarität kommt vom Kulturzentrum WUK. Dort kennt man das Haus in der Triester Straße, da bis 2007 arbeitsmarktpolitische Projekte des WUK untergebracht waren. Auch das WUK sei aus einer Besetzung entstanden, auch da habe es seitens der Stadt bereits andere Pläne für das Gebäude gegeben. Weshalb man dort hofft, dass es auch in diesem Fall zu „fruchtbaren Gesprächen“ kommen möge.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)

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