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Franzobel: "Literatur darf unvernünftig sein, darf Dinge zurechtrücken"

Die Eröffnung der 41. TAGE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR'.
Die Eröffnung der 41. TAGE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR'.APA/GERT EGGENBERGER
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Franzobel setzt sich in seiner Eröffnungsrede des Bachmann-Preises mit der Bedeutung von Literatur auseinander: "Die Literatur verändert sich so sehr, dass einem die Augen rausspringen."

Franzobel holte sich 1995 mit Bierflasche in der Hand und "Krautflut" auf dem Tisch den Hauptpreis beim Wettlesen. Nun hielt der Oberösterreicher beim Eröffnungsabend der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur eine kämpferische "Klagenfurter Rede zur Literatur 2017".

"Literatur ist Kampf - gegen die Verdummung, Herzlosigkeit. Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher", sagte der Schriftsteller. Unter dem Titel "Seelenfutter oder das süße Glück der Hirngerichteten" setzte sich Franzobel, der zuletzt den viel beachteten Roman "Das Floß der Medusa" veröffentlicht hat, in Klagenfurt mit der Bedeutung von Literatur in unserer Zeit auseinander.

"Gegen Vergänglichkeit schreiben? Glaube ich nicht mehr"

"Alles verändert sich. Die Literatur so sehr, dass einem die Augen rausspringen. In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift", übte sich Franzobel - beziehungsweise sein zum Zeugen angerufener "Freund Grünlich" - zunächst in Pessimismus.

"Lange dachte ich, der Sinn der Literatur wäre es, gegen die eigene Vergänglichkeit anzuschreiben, etwas zu schaffen, das Generationen überdauert", so der Autor. "Heute glaube ich nicht mehr an diese Möglichkeit. Die Sprache ändert sich, und verstanden wird immer nur das, was man verstehen will, was mit dem eigenen Weltbild in Einklang steht. Nichts überlebt. Alles ist vergänglich, auch ein Text."

Franzobel, unermüdlicher Schreiber.
Franzobel, unermüdlicher Schreiber.APA/GERT EGGENBERGER

Die Welt warte nicht auf neue Texte, die Literatur sei ein Nischenmarkt. "Es hat ja niemand mehr Zeit zum Lesen - zumindest für nichts, das länger ist als eine Facebook-Statusmeldung oder eine Whatsapp-Nachricht. Der Vereinswechsel eines Zweitligaspielers bekommt wesentlich mehr Öffentlichkeit als der neue Roman eines Bachmannpreisträgers, von dem der Durchschnittsbürger wahrscheinlich gar nicht weiß, was das ist."

Literatur darf Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein

Andererseits werde es "immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung", so der Autor, der sich in seiner Rede auch mit Ibsen, Edgar Allen Poe oder Nietzsche beschäftigte.

"Da werden Billiarden für Rüstung ausgegeben, fehlt aber angeblich Geld für Bildung. Aus Profitgier und Hegemonialstreben werden die Kyoto-Protokolle zum Klimaschutz ebenso ignoriert oder umgangen wie sämtliche Menschenrechtschartas. Jährlich ertrinken 5000 Flüchtlinge im Mittelmeer, noch immer verhungern Kinder oder fehlt es ganzen Völkern an Medikamenten, Wasser, Grundnahrungsmitteln. Wir alle wissen das - diese ungeheuerliche Verlogenheit", doch die Welt sei "merkwürdig unpolitisch geworden, selbst die Politik ist zu einem Dschungelcamp verkommen, in dem es nur noch um Entertainment mit Grauslichkeiten geht".

"Die moderne Welt macht uns zu nachgemachten Menschen"

Immer noch glaube er "aus ganzem Herzen unerschütterlich an das Gute im Menschen. Aber die moderne Welt zerseelt, entfremdet und macht uns zu nachgemachten Menschen. Selbst der Teufel braucht heute keine angebluteten Verträge mehr, er versteckt seinen Seelenkauf einfach in den Einverständniserklärungen mit Nutzungsbedingungen, die wir alle ständig gutgläubig ungelesen anklicken."

Doch "Literatur ist Kampf! Kampf für Unterdrückte, für unangenehme Wahrheiten, unkonventionelles Denken, neue Formen, das Unmögliche." Literatur habe "die Verantwortung, sich für Unterdrückte einzusetzen, auch für unterdrückte Wahrheiten. Und sie hat die Verantwortung, sich einzulassen auf die Welt. Literatur kann das. Sie hat Substanz und Relevanz - und die machtversessenen, kaltherzigen, verlogenen Betonköpfe wissen und fürchten das. Mehr als tausend Autoren, der PEN-Club hat sie aufgelistet, sind derzeit inhaftiert. Viele davon in Staaten wie Eritrea, Burma, Uganda, auf die unsere Wahrnehmung kaum je fällt, andere in Ländern, die Hauptrollen im internationalen Staatengefüge spielen: China, Saudi-Arabien, Russland. Schon in der Türkei säße ich für eine Rede wie diese wahrscheinlich im Gefängnis - und Sie auch, wenn Sie am Ende klatschen", sagte Franzobel, während draußen vor dem ORF-Theater ein schweres Gewitter heraufzog.

Gegen "Hinrichtungen und Hirnrichtungen" müsse unermüdlich angeschrieben werden, denn Literatur habe "die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer".

 

(APA/Red.)