Schnellauswahl

Der Sieg über das IS-„Kalifat“ hat nicht nur einen Vater

Der IS hat seine beiden wichtigsten Hochburgen in der Amtszeit Trumps verloren.
Der IS hat seine beiden wichtigsten Hochburgen in der Amtszeit Trumps verloren.APA/AFP/NAZEER AL-KHATIB
  • Drucken

Trump sagt, dass die Jihadisten nur durch seine Politik in die Flucht geschlagen worden seien. Er hat tatsächlich wichtige Entscheidungen im Kampf gegen den IS getroffen. Und vollständig befreit wurden Mossul und Raqqa in seiner Amtszeit. Den Grundstein dafür legte aber schon Obama.

Stolz verkündete der US-Präsident einen großen Sieg: „Der IS gibt auf. Sie nehmen die Hände hoch. Niemand hat bisher so etwas gesehen.“ Auf die Frage, warum das nicht früher geschehen sei, meinte er einfach: „Weil ihr da noch nicht Trump als euren Präsidenten hattet.“ Das Interview fand im Oktober 2017 statt – damals, als die letzten Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) aus ihrer Hauptstadt Raqqa vertrieben wurden. Mittlerweile ist das Kalifat des IS weitgehend zerschlagen. Und Donald Trump betont, dass das nur seiner Präsidentschaft zu verdanken sei.

Tatsächlich hat der IS seine beiden wichtigsten Hochburgen in der Amtszeit Trumps verloren. Im Herbst 2017 fiel Raqqa, und im Juli davor wurden die letzten Viertel der nordirakischen Großstadt Mossul befreit. Zuvor war die Zahl der US-Soldaten im Einsatzgebiet erhöht, die Luftangriffe waren intensiviert worden. Die US-Kommandeure hatten größere Entscheidungsbefugnisse und die verbündeten Milizen in Nordsyrien mehr Waffen erhalten. Unter Trumps Präsidentschaft wurde dem IS-„Kalifat“ der Todesstoß versetzt. Der Grundstein für diesen Sieg wurde aber bereits in der Amtszeit seines Vorgängers Barack Obama gelegt.

Noch im Jänner 2014 hatte Obama die Gefährlichkeit der IS-Vorgängerorganisation Isis in einem Interview heruntergespielt – mit einem Vergleich aus dem Baseball, bei dem die alte al-Qaida die Rolle einer Top-Mannschaft und Isis die der Ersatzspieler einer Highschool-Mannschaft einnahmen. Einige Monate später wurde klar, wie falsch Obama damit lag. In Syrien hatte sich Isis bereits sukzessive ausgebreitet und dabei zunächst vor allem andere Rebellengruppen verdrängt. Im Juni 2014 übernahmen die Jihadisten Iraks Millionenmetropole Mossul. Im August griffen sie – mittlerweile unter dem Namen IS – die jesidische Minderheit im Irak und Iraks Kurdenregion an. Zugleich bedrohten sie Iraks Hauptstadt Bagdad. Obama befahl vereinzelte US-Luftangriffe.

Im Herbst 2014 erreichte das IS-„Kalifat“ die größte Ausdehnung. Es erstreckte sich über weite Gebiete im nördlichen Teil Syriens, zog sich in den Nordirak und weiter bis vor Bagdad. Doch das Blatt begann sich zu wenden. Mit US-Luftunterstützung beendeten kurdische Kämpfer die Belagerung der nordsyrischen Stadt Kobane durch den IS. Ein wichtiger Sieg. Denn vom Brückenkopf Kobane und anderen kurdisch kontrollierten Gebieten aus wurde der IS nun in die Zange genommen und mit US-Hilfe im Laufe des Jahres 2015 sukzessive aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet vertrieben.

Iraks Kurden eroberten derweil weite Teile des Nordirak zurück. Iraks Armee brachte mit amerikanischer und iranischer Hilfe IS-Hochburgen wie Tikrit und Ramadi unter ihre Kontrolle. Die Offensivkraft des IS war nun weitgehend gebrochen. Er musste ab 2015 herbe Gebietsverluste hinnehmen.

Mossul-Offensive startete vor Trump

Nach monatelangen Vorbereitungen starteten Iraks Streitkräfte und kurdische Truppen im Oktober 2016 die Großoffensive gegen die IS-Hochburg Mossul. Unterstützt wurden sie von US-Kampfflugzeugen und US-Artillerieeinheiten am Boden. Trump war damals noch nicht einmal als US-Präsident gewählt. Im Jänner 2017 war der Ostteil Mossuls bereits völlig zurückerobert. Trump übernahm da gerade erst sein Amt. Die Schlacht um den Westteil stand noch bevor.

Der neue US-Präsident ließ aber die Anstrengungen im Kampf gegen den IS verstärken. Er schickte zusätzliche US-Einheiten mit Artillerie nach Syrien zur Unterstützung des Großangriffs auf Raqqa. Und Washington rüstete die verbündete Allianz aus kurdischen und arabischen Einheiten in Syrien noch stärker auf als bisher. Zudem wurden die Richtlinien für Luftangriffe gelockert. Die US-Kommandanten im Kampfgebiet konnten eigenständiger und ohne Umweg über das Weiße Haus Entscheidungen treffen.

Parallel dazu verstärkte auch Syriens Armee, die lange vor allem gegen andere Rebellengruppen gekämpft hatte, mit Russlands Hilfe die Aktionen gegen den IS.

Unter Trump wurden dem „Kalifat“ die letzten schweren Schläge versetzt. Dass der Sieg nur seiner Präsidentschaft zu verdanken sei – wie er behauptet –, zählt aber zu den vielen Trump'schen Übertreibungen.


[O55NB]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2018)