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Nordstream-Boss Matthias Warnig: "Herr Putin hat kein Handy"

Als Stasi-Offizier spionierte Matthias Warnig im Westen. Heute ist kein Ausländer in Russland enger mit Putin befreundet als er. Er ist Aufsichtsrat in russischen Top-Konzernen. Und Chef der umstrittenen Ostseegaspipeline Nord Stream 2. Der "Presse" gab der medienscheue Drahtzieher ein Interview.

"Die Presse": Eines fällt besonders auf: Sie agieren nie aus der ersten Reihe, sondern bleiben stets im Hintergrund und ziehen die Fäden von dort. Ist das Ihr Naturell oder Taktik?

Matthias Warnig
: Das ist gewollt. Ich bin nicht gerne vorne in der ersten Reihe oder in der Zeitung auf dem Titelblatt. Vielleicht hängt das auch mit meiner Vita zusammen. Ich will keine Popularität nach außen, sondern ich will meine Dinge machen, die ich für richtig und wichtig halte.

Wenn Sie Vita sagen, so meinen Sie die geheimdienstliche Vergangenheit?

Klar. Meine Tätigkeit bei der Staatssicherheit ist natürlich etwas, was mich mein ganzes Leben begleiten wird. Es gibt viele Menschen, die das nach wie vor kritisch und äußerst negativ sehen. Und ich möchte nicht Diskussionen und Konfrontationen auslösen, die ich an der Stelle auch nicht brauche.

Ihre Karriere zeigt, dass Sie ein ausgesprochenes Talent haben, Netzwerke zu knüpfen und Vertrauen zu gewinnen. Haben Sie das gelernt oder ist es eine Gabe?

Jein. Um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, muss man auch mal zuhören und auf Menschen eingehen können. Ich habe gelernt, mit unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Ich war in verschiedenen Positionen, hatte verschiedene Herausforderungen in unterschiedlichsten Bereichen. Das bringt auch Erfahrung.

Und Vertrauen niemals zu enttäuschen, ist ein heiliger Grundsatz?

Das ist richtig. Es gibt Leute, mit denen kann man eine professionelle, mit anderen eher eine freundschaftliche Balance finden und mit manchen findet man gar keine. Ich habe nie auf Teufel komm raus eine Beziehung aufbauen wollen.

Ihre Karriere als Ausländer in Russland ist beispiellos. Gab es Schlüsselmomente für Ihr auffallend enges Vertrauensverhältnis zu Putin?

Darüber habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht. Aber die Zeit 1991 in St. Petersburg war sicher sehr speziell. Der Stadt ging es sehr schlecht. Ich habe in einem Hotel mit 1000 Zimmern gewohnt, und wir waren drei oder vier Gäste. So viele Ausländer sind da nicht gekommen und haben an die Tür geklopft. Die Dresdner Bank, für die ich damals gearbeitet habe, wollte die erste Niederlassung in Petersburg aufbauen. Und mit dieser Vision stand ich eines Tages vor Putin. Er hat die Chance sofort erkannt.

Und das war…
…der Einstieg in unsere Verbindung, ja Freundschaft. Es hat lange gedauert, bis wir dann über unsere Vergangenheit gesprochen haben. Da gab es Parallelen, wir hatten ähnliche Probleme, Sorgen und Ängste: Ich hatte zwei Kinder, er auch. Er fragte sich, was nach dem Zusammenbruch des Systems kommt. Ich stand vor denselben Fragen. Beide kamen wir aus dem Geheimdienst und hatten einen neuen Job. Über all das haben wir uns ausgetauscht.

Wie oft treffen Sie Putin heute?

Mal häufiger, mal eine Zeit lang nicht. Wie das halt im Leben so ist. Herr Putin hat kein Handy. Aber wenn ich was möchte und das Bedürfnis habe, ihn zu sehen, kriegen wir das schon auf die Reihe.

Wenn ich das Bedürfnis habe, Vladimir Putin zu sehen, dann kriegen wir das schon hin

Matthias Warnig


Sie haben einige bedeutende Aufsichtsratsmandate in russischen Top-Konzernen. Steht dahinter auch ein großer ganzer Auftrag?

Viele haben diese Theorie, aber der große Masterplan existiert nicht. Warum ich diese Mandate habe, hat zwei Gründe, die zufällig und voneinander unabhängig sind. Ich habe die meisten Aufsichtsratsmandate ja 2012 übernommen. 2012 war Nord Stream 1 fertig, und mein Vertrag war am Auslaufen. Da war ich auch offen für neue Aufgaben. Parallel kam dazu ein Konflikt zwischen dem damaligen Präsidenten, Dmitri Medwedjew, und der Regierung. Medwedjew hat verfügt, dass alle Minister und Top-Beamte ihre Aufsichtsratsposten aufgeben müssen. Und dann brauchte man Leute, um diese Positionen zu besetzen.

Es klingt fast zu durchkomponiert, wie eine göttliche Fügung: Sie suchen und die anderen brauchen gerade…
Ja, manchmal ist es so. Bewusst eingesetzt wurde ich nur bei Rusal (weltweit größter Aluminiumkonzern, Anm.). Der Konzern hat eine sehr komplizierte Eigentümerstruktur mit sehr unterschiedlichen Charakteren als Hauptaktionäre, die damals vielfältige Konflikte hatten. Man hat einen unabhängigen Moderator gesucht.

Solche Personalien werden in Russland von Putin abgesegnet, oder?
Also das können Sie mir glauben oder nicht: Ich wurde von Rusal angesprochen, nicht von Herrn Putin. Aber ich habe hinterher verstanden, dass er informiert war.

Es riecht danach, dass Sie auch die Funktion haben, als Putins Vertrauensmann eine gewisse Kontrolle über die Konzernführung auszuführen.
Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht das Sprachrohr des Kremls. Und ich berichte auch nicht im Kreml und erzähle auch nicht am Kamin, was da vorgeht.

Kommen wir zum umstrittenen Ausbau von Nord Stream, also Nord Stream 2. Wie fordernd ist der Job?
Fordernd ist nicht das richtige Wort. Es ist das Anspruchsvollste, was ich in meinem beruflichen Leben bisher erlebt habe.

Weil?

Weil ein kommerzielles Projekt in der Zwischenzeit völlig politisiert ist.

Das wird Sie wohl nicht überraschen, oder?

In der Konsequenz, in der Härte und Vielschichtigkeit sehr wohl. Das erste Nord Stream-Projekt wurde auch politisiert. Aber das heute hat einen ganz anderen Charakter. Die Diskussion ist teilweise schon nicht mehr rational. Wir sind mit politischen Themen konfrontiert. Aber das ist keine Ebene, auf der ich mich als Manager bewegen möchte oder konstruktiv agieren kann.

Nordstream 2 ist ein kommerzielles Projekt. Aber es gibt Kreise, die uns zu einem politischen Spielball erkoren haben.

Matthias Warning


Wer erschwert denn das Projekt mehr – die USA oder die Uneinigkeit der EU?

Es ist ein Cocktail: Der Wechsel in der US-Administration, das Thema der Einflussnahme Russlands in die US-Wahlen, die Position einiger Teile der EU-Kommission bis hin zum Widerstand der polnischen Regierung. Dazu eine neue Gesetzgebung in Dänemark, obwohl ich Skandinavien immer als transparente Gesellschaft kennengelernt habe. Durch das jetzige Gesetz muss ein negativer Bescheid dort nicht mehr begründet werden, das Parlament hat keine Möglichkeit nachzufragen, und einen Rechtsweg gibt es auch nicht.

Warum ist es Ihnen nicht gelungen, die Wirtschaftlichkeit des Projekts zu vermitteln?

Wir verfolgen nach wie vor unsere Linie, dass es ein kommerzielles Projekt ist. Aber es gibt andere Kreise, die uns zu einem politischen Spielball erkoren haben. Die Möglichkeiten, diese Wahrnehmung zu beeinflussen, sind beschränkt.

Aber Sie lobbyieren doch im Unterschied zu Nord Stream (1) mit weitaus mehr Aufwand.
Das ist tatsächlich eine andere Dimension. Der Aufwand dafür ist enorm. Aber wenn Sie sich die Lobbyisten aus der Ukraine oder Polen in Brüssel oder in Washington ansehen, dann ist er auf deren Seite eher größer.

Sie wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig von der US-Administration zu Gesprächen eingeladen…
… es war, als ich in einer US-NGO in Russland Direktor war, was sich zeitlich bereits mit dem Projekt Nord Stream überschnitt.

Also haben Sie guten Einblick in amerikanische Politik. Vor Weihnachten hat Nord Stream 2 außerdem das Projekt im State Department gehabt. Ihr Eindruck?
Bei der Präsentation war ich selbst nicht dabei, aber unsere Leute erlebten die Situation dort als extrem schwierig. Uns begegnete eine grundsätzlich ablehnende und von teilweise wenig Sachkenntnis geprägte vorgefasste Meinung. Man versteht den europäischen Energiemarkt und die europäische Preisbildung kaum und fokussiert alles auf eine Bedrohung von Russland.

Bei US-Außenminister Rex Tillerson, Ex-Chef von Exxon Mobil, kann man nicht behaupten, dass er den Energiemarkt nicht versteht.
Stimmt, aber bei den handelnden Personen, mit denen wir zu tun haben, sind verschiedene Fakten weniger präsent und werden politische völlig anders interpretiert. Und weil Tillerson jetzt Außenminister ist, hat auch er zu verschiedenen Dingen weniger eine wirtschaftliche als vielmehr eine politische Sichtweise. Das sehen wir in der Bewertung unseres Projektes auch.

Aber auch in Europa selbst herrscht nun einmal Angst, sich Russland durch mehr Gasimport auszuliefern. Können Sie diese Angst nicht auch verstehen?
Wir argumentieren ja täglich dazu. Manche Leute überzeugen wir, andere werden nachdenklich. Aber es gibt viele, die ihre Position beibehalten. Russland hat über 40 Jahre verlässlich Gas geliefert, und es gibt eine gegenseitige Abhängigkeit. Und man kann sogar fragen, wer vom anderen mehr abhängig ist.

Die Presse



Ihre Antwort?
Russland natürlich. Das ist relativ einfach. Jetzt muss ich der EU-Kommission einmal ein Kompliment machen: In den letzten Jahren ist eine Vielzahl von Maßnahmen gesetzt worden, einen Markt mit unabhängigen Zugangsmöglichkeiten für Lieferanten zu schaffen: Nehmen Sie nur die mehr als 20 Flüssiggas-Terminals. Stressszenarien haben gezeigt, dass Europa selbst bei einem russischen Lieferstopp in einer guten Position ist. Russland aber hat nach wie vor Exportpipelines nur nach Europa inklusive Türkei. Und diese Exporte leisten einen substanziellen Beitrag zur Finanzierung des Staatshaushalts.

Glauben Sie noch daran, dass der Bau von Nord Stream 2 wie geplant 2018 startet?
Es ist mein Job, dass wir 2018 beginnen.

Die nächsten Monate werden entscheidend. Was muss wann unter Dach und Fach sein, um 2018 mit dem Bau zu starten?
Wir haben technisch und faktisch alle Hausaufgaben gemacht und sind dabei, Kontraktoren zu mobilisieren. Was wir brauchen, sind die Genehmigungen der Anrainer. Von Deutschland haben wir sie soeben bekommen.  In Schweden sind die Arbeitsprozesse abgeschlossen, in Finnland noch nicht, aber das erwarten wir in den nächsten Monaten. Und dann müssen wir sehen, wie Dänemark entscheidet. Es kann durch das neue Gesetz ein Veto auferlegen oder nicht. Ich muss sagen, wir hatten bei Nord Stream (1) mit Dänemark die professionellsten und konstruktivsten Arbeitsbeziehungen.

Warum ist das gekippt?
Das kann ich auch nicht beantworten. Wir konnten nur sehen, dass Washington, Warschau und Kiew in den vergangenen drei Jahren in Kopenhagen massiv lobbyiert haben.

Wenn die Genehmigungen nicht kommen, wie sieht Ihr Plan B aus?
Jedes professionelle Unternehmen muss sich auch auf andere Szenarien vorbereiten. Die Anrainer werden wir immer brauchen. Aber wenn wir mit einer Alternativroute nicht durch dänisches Territorialgewässer gehen, würde uns das neue dänische Gesetz nicht betreffen.