Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Putin fordert USA atomar heraus

REUTERS
  • Drucken

In einer großen Rede setzte Wladimir Putin auf das Abschreckungspotenzial neuer Waffensysteme. Sie sollen Russlands Weltmachtanspruch unterstreichen und die USA in Schach halten. Darunter könnte auch der berüchtigte "Weltuntergangs-Torpedo" sein.

Mit der Ankündigung für mehr Unterstützung für werdende Mütter, mit Straßenbauplänen und der Verurteilung der ineffektiven Bürokratie hatten alle gerechnet, nicht aber mit einer multimedialen Waffenschau. Bei seiner gestrigen Jahresbotschaft vor mehr als 1000 Vertretern vornehmlich aus der Politik beschrieb Wladimir Putin Russlands Weg von einem Schwächling hin zu einem globalen Machtfaktor. Bekräftigt wurde dies durch insgesamt sechs Videos, in denen Putin neue russische Atomwaffen präsentierte, die entweder in der Testphase sind oder bereits in Serienproduktion.

Auf einer riesengroßen Leinwand hinter dem Präsidenten starteten Raketen, die Radarschirme umflogen und auf ein unbestimmtes Ziel weit weg von Russland zusteuerten. Eine nukleare Unterwasserdrohne schlängelte sich durch das Meer, bevor sie ihr Zeil an Land traf. „Russland klein zu halten ist ihnen nicht gelungen“, sagte Putin in Richtung der Vereinigten Staaten. „Sie müssen diese Realität akzeptieren und verstehen, dass es kein Bluff ist, was ich heute gesagt habe.“

Putin stellte die angeblich nicht abfangbaren Nuklearwaffen als Reaktion auf den Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag über Raketenabwehr 2002 und der Installierung von Raketenabwehrsystemen in Europa dar. Man habe Russland zu lange belächelt, die Warnungen des Kreml ignoriert. „Was haben wir also gemacht? Wir haben an unserer eigenen Technik gearbeitet“, erklärte Putin. Eine Militärtechnik, gegen die bisherige Verteidigungssysteme nutzlos seien.

Abschreckende Botschaft

In der zweistündigen Rede, in der Putin mehrmals stark hustete, referierte er 50 Minuten über die Verteidigungsfähigkeit des Landes. Die Rede, die normalerweise zu Jahresende hinter den Kreml-Mauern stattfindet, fand dieses Mal im Manege-Saal statt. Sie diente auch als Wahlkampfveranstaltung und sollte Putins Programm für die nächste Amtsperiode skizzieren. Dass der derzeitige Präsident an seinem Sieg nicht zweifelt, verdeutlichten die zahlreichen Infografiken, in denen die zu erreichenden Kennziffern bis 2024 aufgeschrieben standen. 2024 ist das Ende der nächsten Amtszeit.

Die Präsentation hatte eine klar abschreckende Botschaft: Russland müsse als Atom- und Weltmacht ernst genommen werden. Würde es jemand wagen, Russland oder Verbündete anzugreifen, sei mit einer „sofortigen“ Reaktion zu rechnen, sagte Putin. Menschen, die die neue Weltordnung nicht anerkennen würden, seien „in den wohlverdienten Urlaub zu schicken“.

Nato-Code: Die SS-X-30 "Satan 2"

Was die präsentierte Militärtechnik betrifft, ist dieses Projekt gut bekannt: Es handelt sich um die RS-28 "Sarmat" (Nato-Code: SS-X-30 "Satan 2"; das "X" weist auf den aktuellen Stand als Experimentalwaffe hin), an der seit 2009 konstruiert wird und von der seit 2014 bekannt war, dass solche Raketen gegen 2020 operativ sein sollen. Es handelt sich um eine silogestützte, "superschwere" Atomwaffe des Konstruktionsbüros Makeev, die auf Reichweiten um die 10.000 Kilometer zehn bis 24 einzeln lenkbare Wasserstoffbomben (MIRV) und/oder hyperschallschnelle, noch in Entwicklung befindliche Gleiter mit einer Gesamtexplosionsenergie von 50 Megatonnen TNT-Äquivalent befördern können soll - im heutigen Vergleicht ist das überdurchschnittlich viel.

Modell einer SS-18 "Satan". Der Typ soll von der optisch wohl sehr ähnlichen Sarmat" abgelöst werden.
Modell einer SS-18 "Satan". Der Typ soll von der optisch wohl sehr ähnlichen Sarmat" abgelöst werden.Twitter

Angeblich wird die Möglichkeit zum "Fractional Orbital Bombardment" gegeben sein, das heißt, dass Kernsprengköpfe in Umlaufbahnen nur geparkt und bei Bedarf zum Absturz gebracht werden. Dazu soll die Sarmat ein ganzes Bündel von Ablenk- und Störkörpern mitführen, um die Abwehr zu überlisten bzw. schlicht und einfach zu überlasten. Die regionale Wirkung eines Schlages mit einer einzigen voll beladenen Sarmat wird in dieser englischen Grafik gezeigt:

Daily Mail

Beginnend mit einem Stationierungsort im Raum Orenburg an der kasachischen Grenze könnte Sarmat schon in den 2020ern alle landgestützten strategischen Kernwaffen Russlands ablösen. Doch alles in allem wird sie eine evolutionäre Entwicklung darstellen. Revolutionär hingegen könnte die von Putin erwähnte, aber nicht näher erklärte  Unterwasserdrohne werden.

Die Unterwasserdrohne des Jüngsten Gerichts

Sicher ist, dass sie nicht bloß ein nuklear bestückter Torpedo sein werden dürfte, wie es sie schon seit den 1950ern gibt und die primär zur Versenkung ganzer Gruppen von Schiffen oder der Zerstörung eines kompletten Hafens dienen können: Im Extremfall könnte es vielmehr um ein fürchterliches System gehen, von dem seit wenigen Jahren spekuliert wird und das erst Mitte Jänner im Dokument der USA zur neuen nationalen Nuklearstrategie auf eine Art und Weise erwähnt worden ist, die die aktuelle oder baldige Existenz dieser Waffe außer Zweifel stellt.

Von einigen Medien auch "Weltuntergangs-Torpedo" genannt, handelt es sich dabei um etwas, das im Russischen "Ozeanisches Mehrzwecksystem Status-6" heißt, im Westen auf "Kanyon" getauft wurde. Es geht um ein unbemanntes Gefährt, das vermutlich wie ein viel zu groß geratener Torpedo aussehen wird, nuklear betrieben und autonom gesteuert mit Geschwindigkeiten von etwa 100 bis 190 Stundenkilometern (!) in Wassertiefen bis zu 1000 Meter bis zu 10.000 Kilometer weit fahren soll, um letztlich einen thermonuklearen Sprengkopf an eine feindliche Küste zu bringen, der Spekulationen und Behauptungen zufolge bis zu 100 Megatonnen Explosionsenergie entwickeln würde.

Zum Vergleich: Die stärkste je gezündete Bombe, die "Zaren-Bombe", die im Oktober 1961 von einem sowjetischen Flugzeug abgeworfen in 4000 Metern Höhe über Nowaja Semlja im Eismeer explodierte, kam auf etwa 50 bis 60 Megatonnen, was rund 4000 Hiroshimabomben entsprach. Der Feuerball berührte damals beinahe den Boden. Der Atompilz wurde bis zu 64 Kilometer hoch, konnte noch in 1000 Kilometern Entfernung gesehen werden, am Boden wurde ein verlassenes Dorf in 55 Kilometern Entfernung komplett pulverisiert. Häuser wurden noch in mehr als 100 km Distanz zerstört, Scheiben brachen auf dem sibirischen Festland und in Nordnorwegen noch in mehr als 900 km Entfernung.

Moderne strategische Kernwaffen haben eine Sprengkraft von höchstens etwa 20 Megatonnen, meist aber deutlich weniger, eine Megatonne und weniger.

Verseuchung über Jahrzehnte, Gigantischer Tsunami

Eine Kanyon-Drohne, die dicht vor einer Küste oder Hafenstadt mit unglaublichen bis zu 100 Megatonnen TNT-Äquivalent hochgehen würde, hätte schon im Vergleich zu aktuellen Kernwaffen höllische Verheerungen zur Folge. Städte wie New York, Los Angeles oder Schanghai würden komplett vernichtet, ebenso mehr oder weniger das Umland in Dutzenden, ja einigen hundert Kilometern Entfernung. Das Technikmagazin "Popular Mechanics" spricht von einem bis zu 500 Meter hohen Tsunami, zudem sei die Bombe als Kobaltbombe konstruiert: Heißt, dass dabei das radioaktive Kobalt-Isotop Kobalt-60 frei wird, dessen Halbwertszeit etwas mehr als fünf Jahre beträgt, letztlich das betroffene Gebiet über viele Jahrzehnte verseucht.

Status-6 ist sozusagen die größte aller Waffen und würde wohl nur im Zuge eines allgemeinen nuklearen Schlagabtauschs zum Einsatz kommen oder einen solchen auslösen. Weltuntergang, mehr oder weniger.

Im November 2016 haben US-Aufklärer ein russisches Forschungs-U-Boot, die "Sarow", angeblich bei einem Test der Nukleardrohne (Designer ist das U-Boot-Unternehmen "Rubin") im Arktischen Ozean beobachtet. Mindestens zwei aktuelle russische U-Boot-Klassen kommen als Trägersysteme für den Start von je bis zu vier Stück in Frage.

Die extrem hohe Geschwindigkeit unter Wasser könnte mit Hilfe eines Superkavitationsantriebes erreicht werden; einfach gesagt wird ein Objekt dabei mit Hilfe eines Düsenantriebs unter Wasser so stark beschleunigt, bis das Wasser um es herum aus physikalischen Gründen in einen dampfförmigen Zustand übergeht, deswegen an Dichte verliert und der Wasserwiderstand nachlässt. Das Geschoss gleitet wie in einer Dampfkapsel ohne großen Widerstand durchs Wasser. Spezielle Beschichtungen sollen es trotzdem sehr leise und damit schwer zu detektieren machen, überhaupt sei dessen Bekämpfung praktisch unmöglich.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Vor wenigen Jahren hielt ein russischer Offizier bei einer Besprechung im Kreise von Putin wie zufällig ein Dokument so, dass eine TV-Kamera es ebenso "zufällig" zeigen konnte. Man erkannte darauf die Skizze von Status-6, und danach wurde darüber debattiert, ob das ein absichtlicher Wink mit dem Finger oder Desinformation gewesen sei.

Russische Skizze zu Status-6
Russische Skizze zu Status-6DefenseNews

Die Präsentation hatte eine klar abschreckende Botschaft: Russland müsse als Atom- und Weltmacht ernst genommen werden. Würde es jemand wagen, Russland oder Verbündete anzugreifen, sei mit einer „sofortigen“ Reaktion zu rechnen, sagte Putin. Menschen, die die neue Weltordnung nicht anerkennen würden, seien „in den wohlverdienten Urlaub zu schicken“.

Staatseinfluss in Wirtschaft verkleinern

Im Rest der Rede stellte er dann die Bürger und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Russland stehe vor großen Herausforderungen, die es in den nächsten Jahren zu bewältigen gelte. Dazu zählte Putin Investitionen in Gesundheitsbereich und Bildung, den Ausbau von Transportkorridoren, die Regionalentwicklung und Hochtechnologie. Putin überbot sich in der Ankündigung von Programmen und dem Verlautbaren von Kennzahlen, die bis zum Ende der nächsten Amtsperiode erreicht werden sollten. Und er überraschte mit der Idee, dass der Staatsanteil in der Wirtschaft sinken solle. Gerade unter der 18-jährigen Regentschaft von Putin als Präsident und Premier ist der staatliche Einfluss in der Ökonomie stetig gestiegen.

Unerwartet auch die Ankündigung, die Zivilgesellschaft, die Unabhängigkeit der Gerichte und lokale Selbstverwaltung fördern zu wollen. Aus früheren Jahresbotschaften weiß man auch, dass längst nicht alle Pläne in die Tat umgesetzt werden.

Putin ließ gestern keinen Zweifel, dass er sich auch in Zukunft als starken Mann Russlands sieht. Ein Land, zu dem die Welt ehrfürchtig aufblicken soll, das seinen Sonderweg zielstrebig verfolgt. Die versammelten Gäste zollten es ihm mit anhaltendem Applaus.