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Feminismus

Der feministische Flirt der Neuen Rechten

Feministin gegen den ´linksliberalen´ Feminismus: Camille Paglia
Feministin gegen "linksliberalen" Feminismus: Camille Paglia(c) imago/Leemage (imago stock&people)

US-Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia ist als scharfe Kritikerin eines "linksliberalen" Feminismus bekannt. Der rechte Antaios-Verlag hat nun ein Buch von ihr auf Deutsch veröffentlicht. Paglia fordert die Vernichtung der Auflage.

Am Anfang war Natur“, lautet der erste Satz ihres Hauptwerks „Sexual Personae“ („Masken der Sexualität“). In ihm lief die US-amerikanische Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia 1990 Sturm gegen den akademischen Feminismus, der Geschlechterrollen als bloßes gesellschaftliches Konstrukt betrachtete, Sturm gegen den Ausschluss der Biologie aus dem Nachdenken über Gesellschaft überhaupt. Die brillante Intellektuelle nennt sich eine „liberale Demokratin“ und wählt die Grünen, dennoch ist sie keinem ideologischen, geschweige denn politischen Lager zuzuordnen. Sie ist ein radikal individualistischer Freigeist, und hat bis heute – sie ist jetzt 70 – die Lust am polemischen Konflikt nicht verloren. Das geht oft zulasten der Nuance, vieles ist lustvoll ambivalent bis widersprüchlich. Dennoch sind ihre Texte über Kunst, Natur sowie deren heikle Schnittstelle – die Sexualität – hoch interessant.

Häretikerin des Feminismus

Und doch ist „Masken der Sexualität“ heute vergriffen. Die in ihrer Heimat so bekannte Paglia ist im deutschsprachigen Raum auch sonst publizistisch nicht präsent. Ihr jüngstes Buch, sagte sie diese Woche im Interview, „wollte keiner der führenden deutschen Verlage veröffentlichen“. Man habe in Deutschland zu sehr „Angst, abweichende Ideen von Feminismus zuzulassen“.

Nun ist die Essaysammlung „Free Women, Free Men“ doch noch auf Deutsch erschienen – und zwar in erstaunlicher Gesellschaft: bei Antaios, publizistischer Basisstation für die deutschsprachige Neue Rechte. Der Verlag hat „Finis Germania“ des Historikers Rolf Peter Sieferle verlegt, das zum umstrittenen „Spiegel“-Bestseller wurde; er publiziert deutsche Vertreter der „konservativen Revolution“ und französische Vordenker der Neuen Rechten. Und nun – unter dem Titel „Frauen bleiben, Männer werden“ – die amerikanische Freidenkerin, die häretische Linke Camille Paglia.

Besser gesagt: Hat publiziert. Denn der überraschende Coup hat ein überraschendes Nachspiel. Weder Paglia noch ihre Agentur haben offenbar genau hingesehen, als sie die Übersetzungsrechte für das Buch verkauften. Am Mittwoch wurde nun bekannt, dass die New Yorker Agentur der Autorin die Vernichtung aller Exemplare vom Antaios-Verlag fordert. Dieser habe das Werk unzulässig verändert. Camille Paglia spricht sogar von „Verstümmelung“ ihres geistigen Eigentums.

Antaios-Verleger: "Vertrag nicht genau gelesen"

Was hat der Verlag wirklich verändert? Nicht sehr viel, wie ein der "Presse" vorliegendes Exemplar zeigt. Außer dem Titel des Buchs sind die meisten (im Original für europäische Leser oft unverständlichen) Kapiteltitel neu. Sie klingen in der deutschen Ausgabe reißerisch, auch wenn sie meist auf Formulierungen, die Paglia in eigenen Texten verwendet, beruhen. Zwei Kapitel wurden gestrichen – zu redundant, sagt Götz Kubitschek der „Presse“; tatsächlich fehlen sie beim Lesen nicht, die Ausgabe hätte noch mehr Streichung vertragen. Sie enthält viele neue Fußnoten – die für europäische Leser freilich nützlich bis nötig sind. Schließlich hat man das inhaltlich eher entbehrliche Vorwort der Autorin durch ein neues ersetzt. Und hier wird es heikel. Gar nicht wegen des (im Großen und Ganzen kenntnisreich die Autorin vorstellenden) Inhalts, sondern wegen der Verfasserin: Ellen Kositza, Ehefrau des Antaios-Verlegers Götz Kubitschek, ist eine der bekanntesten Publizistinnen der Neuen Rechten und des „rechten Feminismus“.

Was sagt der Antaios-Verleger Götz Kubitschek im Gespräch mit der „Presse“ zum Vorwurf des Vertragsbruchs? „Das stimmt. Es war mein großer Fehler, den Vertrag nicht genau zu lesen.“ Im Wunsch, das Buch zur Leipziger Buchmesse zu präsentieren, sei beim Redigieren auch einiges übereilt entschieden worden. „Wir haben nun den gesamten Vertrieb gestoppt. Wir wären ja bereit, Aufkleber mit neuem Titel für die Bücher zu produzieren, Paglias Vorwort nachzudrucken und einzulegen. Wenn Paglia aber trotzdem nicht einlenkt, werden wir am 16. April die ganze Auflage vernichten.“

Dabei könnte das Buch „Frauen bleiben, Männer werden“ eine kundige Einführung in Paglias Denken sein. Wäre da nicht der Triumphton, mit dem Ellen Kositza das von einer Million Usern angeklickte YouTube-Video mit Paglia als Beweis dafür anführt, dass „Antifeminismus läuft“; wäre da nicht die primitive marktschreierische Häme, in die Paglias scharfer Ton in der Übersetzung zum Teil abgleitet (am stärksten im Kapiteltitel: „Raus aus dem Elfenbeinturm, ihr Gendertanten!“). Und wäre da nicht der Umstand, dass Paglia hier als intellektuelle Stütze für eine politische Agenda missbraucht wird, die dem Denken dieser Autorin fern liegt.

Für Paglia ist die Natur „faschistisch“

Denn Paglia erfreut sich in ihrem radikalen Freiheitsdrang keineswegs an geschlossenen Kulturen und der Ausgrenzung anderer Identitäten, im Gegenteil. Selbst in der Tyrannei der Natur (wie sie selbst sagt) gibt es für sie fließende Geschlechtergrenzen. Schon gar nicht verklärt sie „gewachsene Kulturen“ und „natürliche“ Geschlechterrollen. Die Natur ist Paglias großer Feind, sie findet sie „faschistisch“, stets notdürftig im Zaum gehalten von Gesellschaft, Staat und Religion. Paglia ist überzeugt, dass keine #MeToo-Debatte der Sexualität die Aggressivität austreiben wird; dass Menschen auf zu viel Freiheit reagieren, indem sie sich selbst versklaven; dass die Beseitigung von Hierarchien zu neuen Hierarchien führt. Für Paglia ist die Natur offenbar eine Bestie, die man füttern muss, damit sie Ruhe gibt.

Daher kommt auch ihre Aussage, dass man Frauen bei der Lebensgestaltung die Wahl lassen müsse, statt sie unterschiedslos auf den männlichen Karriereweg zu zwingen. Ihre „Erdenschwere“, die „Last der Schwangerschaft“ könnten Frauen nicht abschütteln. Doch gefiele ihr ein Gesellschaftsmodell, das das „kulturell Gewachsene“, das „Natürliche“ feiert und gegen andere in Stellung bringt? Paglia wäre wohl die Erste, die dagegen rebellieren würde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2018)