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Auge statt Schere

Farbige Beeren etwa bieten auch im Winter reizvolle Anblicke.
Farbige Beeren etwa bieten auch im Winter reizvolle Anblicke.(c) Ute Woltron
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Der Winter kommt zwar noch nicht so bald, aber wer verhindern will, dass der Garten grau, kahl und langweilig wird, muss die richtigen Pflanzen setzen und die Gartenschere besser ruhen lassen.

Die Hortensie stand wie eine einsame Insel im makellosen Rasenmeer eines ansonsten kahlen Vorgartens. Monatelang durften sich Vorübergehende an ihrem Anblick erfreuen und denken: Genau so soll eine Prachthortensie ausschauen. Wahrscheinlich handelte es sich um die unempfindliche und oft kultivierte Sorte „Annabelle“. Sie wächst an günstigen Stellen übermannshoch und bildet Unmengen weißer, großer Schneeballblüten. Diese hier hatte so viele, dass keine Blätter zu sehen waren, eine Augenweide.

Dann war sie weg. Abgeschnitten bis auf ein paar Zentimeter lange Stummel. Der ohnehin nackte Garten war seiner letzten Zierde beraubt, in doppelter Hinsicht zu früh. Zum einen kommen die Triebe der Schneeballhortensien idealerweise erst im Februar unter die Schere, dann aber so kräftig, wie hier zu sehen. Zum anderen wäre der Anblick der abgetrockneten Blüten gerade auch im Winter reizend gewesen, womit wir beim Thema wären.


Der Winter kommt

Auch wenn jetzt noch der bunte Herbst die Gärten mit starken Farben überpinselt – möge er lang und prächtig werden –, rückt die karge Saison näher. Weder für den Zier- noch für den Gemüsegärtner muss sie verloren sein. Der Wintergarten kann in jeder Phase Reizvolles bieten, vorausgesetzt, die richtigen Pflanzen malen das entsprechende Bild.

Zum letztlich gar nicht so kniffeligen Thema, wie man einen Garten anlegen solle, der auch in der Wintersaison attraktiv sei, gab der niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf vor Jahren In einem Interview den Tipp, den Charakter der Pflanzen nicht nur im Sommer zu studieren, wenn ohnehin alles blüht und gedeiht. Er riet vielmehr dazu, besonders im Frühjahr und im Winter kritische Betrachtungen anzustellen. Sein vielleicht bester Rat lautete: „Anstelle der Schere sollte man besser die Augen gebrauchen.“

Kahl und entlaubt zeigen Bäume und Sträucher ihre Wuchs- und Astform. Stauden, Gräser und Sommerblumen offenbaren ebenfalls oft charmante Wintercharaktere, wenn der Raureif dürre Blätter, die unterschiedlichsten Samenstände überzieht und damit bizarre Skulpturen formt.

Im Fall meines damals noch recht jungen Gartens fiel das Urteil nach Oudolfs Kriterien vernichtend aus. Von Frühling bis Sommer war er für sein jugendliches Alter ganz in Ordnung gewesen. Doch sobald der erste Frost die Stauden angehaucht und verbrannt hatte, glich die Anlage einer öden Wüstenei. Keine Höhen, nur braune Flächen, Fadesse, wohin das Auge irrte.

Mehrere entscheidende, doch einfach zu korrigierende Fehler sind begangen worden, und heute, viele Jahre später, hat Piet Oudolf in allem recht behalten: Der Garten entbehrte anfangs eines ganz wichtigen, niemals zu unterschätzenden Elements. Es fehlte die dauerhafte, auch im Frost erkennbare Struktur durch kleine und große Sträucher. Diese erwiesen sich in den folgenden Jahren übrigens zwischen und in den Blumenrabatten auch sommers als Beschatter als Wohltat.

Die in der kalten Saison dank trockener Blüten- und Samenstände attraktiven Staudenpflanzen wurden fürderhin nicht mehr im Spätherbst abgeschnitten. Da es insgesamt zu wenige von ihnen gab, machte ich mich auf die Suche nach mehr. Auch fehlten immergrüne und winterblühende Pflanzen, sowie solche, die Beeren tragen.


Beeren im Schnee

Es dauerte Jahre, viele Grabarbeiten und Recherchen waren nötig, doch die nicht geringe Mühe hat sich ausgezahlt. Der Winter kann kommen, wenn auch bitte nicht so bald. Die Zeiten, da der Frost das Ende der Schönheit bedeutete, sind vorbei. Selbst wenn Schnee liegt, ist der Garten mit Güpfen und verhüllten Ästen, mit Beeren und vereisten Sämereien ansehnlicher als jede kahle Fläche.

Die niedergeschnipselte Hortensie hätte ebenfalls einen herrlichen Anblick geboten. Hortensienblüten trocknen gewöhnlich zu feinen Skulpturen ab. Sie halten den Winter über die Form, glitzern im Raureif, leuchten hellgrau in Nebel und Dämmerlicht und erfreuen Vorübergehende auch dann noch mit ihrem Anblick.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2018)

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