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Die Ver-E-Scooter-isierung der Gesellschaft

Im Stehen ist man schneller.
Im Stehen ist man schneller.APA/AFP/GETTY IMAGES/MARIO TAMA

Stiegen gehen? Wir fahren lieber Rolltreppe. Gehen, Radfahren, Tretroller? Das lassen wir lieber den E-Scooter machen. Und wer will schon gerne stehend überholt werden?

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich stehend fortbewegen - in einer leicht dämlichen Pose, Hände leicht nach vorne gestreckt, Knie leicht gebeugt, begleitet von einem staubsaugerähnlichen Geräusch, nur leiser. Hatten wir das nicht schon mit den Segways endgültig als uncool abgetan? Willkommen in der Welt der E-Scooter, einer Welt, in der kein unnötiger Schritt gemacht wird. Und wir reden hier von den "echten" kleinen Rollern, Microscooter, die mit E-Antrieb ausgestattet sind - nicht von den oft gleich benannten Mopeds mit E-Antrieb. Es gibt nichts Eigenartigeres, als von stehenden Menschen überholt zu werden, während man sportlich elegant per Fuß beschleunigt.

Aber die Skepsis gegen E-Scooter ist mehr als pure Eitelkeit des Fußgängers. Es ist viel mehr der Hang zur unbegründete Faulheit, die das Gerät fragwürdig erscheinen lassen. So ein E-Scooter mit maximal erlaubten 25 km/h zahlt sich nämlich in der Stadt absolut nicht aus. Wegen der Behinderungen durch Fußgänger und die tretenden Kollegen und Kolleginnen. Dabei darf man auf dem Gehweg übrigens gar nicht fahren, sondern nur auf dem Radweg, sofern die nötigen Reflektoren angebracht sind. Auf der Straße jedoch nur, wenn das Gerät schneller als 25 km/h zugelassen ist, Licht, Rückspiegel, Sitz (!) und Bremsen hat - dann braucht es aber bereits eine Nummerntafel - als Motorfahrrad.

Statt drei Tritte auf dem herkömmlichen Microscooter oder auf dem Longboard zu machen, steht man lieber fahrend herum. Konsequent. Man nimmt ja auch lieber die Rolltreppe als die Treppe oder quetscht sich in den Aufzug, um nicht einen Schritt mehr in Richtung Rolltreppe oder gar Treppe machen zu müssen.

Und dann wundern wir uns über Bewegungsmangel? Wir verbrauchen Strom, anstatt unsere Muskeln zu stärken? Man kann den Gesundheits-Faktor selbstverständlich kleinreden und auf anderes schieben: Ernährung, Computerspiele, das Übliche. Aber es gibt wirklich kaum einen Grund, einen E-Scooter zu kaufen, außer man ist in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt oder man will sich eine Distanz von mehreren Kilometern auf eher freier Verkehrsfläche den Bus vom Dorf in die Stadt ersparen. Dann können die in vielen Geschäften ausverkauften Dinger durchaus eine praktische Alternative sein. Aber für alle anderen: Bitte, gehen wir doch die paar Schritte, treten wir in die Pedale oder schieben wir unseren Roller mit Beinkraft an. So viel Schweiß kostet das nicht.