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Wien will Geld zu Brennpunktschulen verlagern

Wenn eine Schule mehr bekommt, bekommt eine andere weniger, so Bildungsdirektor Himmer. Außer es gibt zusätzliches Geld.
Wenn eine Schule mehr bekommt, bekommt eine andere weniger, so Bildungsdirektor Himmer. Außer es gibt zusätzliches Geld.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Schulen mit schwierigen Bedingungen sollen in Wien mehr Mittel bekommen. Den anderen könnte dafür etwas weggenommen werden – sofern es nicht mehr Geld vom Bund gibt. Treffen könnte das unter anderem die Gymnasien.

Wien. Eigentlich sollte Wiens Bildungsdirektor Heinrich Himmer (SPÖ) gestern hauptsächlich die neuen Maßnahmen gegen Gewalt in den Wiener Schulen vorstellen. Doch mittendrin ließ er plötzlich eine Bombe platzen: Ab kommendem Schuljahr will man die Ressourcen in Wien auf Basis eines sogenannten Chancenindex an die Schulen vergeben. Die sogenannten Brennpunktschulen sollen damit mehr Personal und Mittel bekommen – Schulen mit weniger sozialen Problemen könnten dafür Ressourcen weggenommen werden.

Wien drängt seit Langem darauf, die Mittel österreichweit anders zu vergeben: Jene Schulen, die etwa von mehr Schülern mit anderer Umgangssprache und aus armen bzw. weniger gebildeten Familien besucht werden, sollen entsprechend mehr Ressourcen bekommen – was aus Wiener Sicht mehr Geld für die Hauptstadt bedeuten würde, wo sich viele soziale Probleme konzentrieren. Das fordert Himmer auch jetzt. Wenn die Regierung dieses Modell nicht umsetzt, will er ab Herbst 2019 innerhalb Wiens damit beginnen.

 

Gymnasien könnten verlieren

„Wir werden das, was wir bekommen, neu aufteilen: Belastete Schulen sollen mehr Geld bekommen“, sagte Himmer, der nunmehr der sogenannten Bildungsdirektion vorsteht, die im Zuge der Bildungsreform den Stadtschulrat abgelöst hat. Wenn es nach ihm geht, soll diese Neuverteilung nicht nur Pflichtschulen – im Wesentlichen Volksschulen und Mittelschulen – betreffen, sondern auch die sogenannten Bundesschulen – darunter fallen Gymnasien sowie berufsbildende mittlere und höhere Schulen wie HTL. Aus Himmers Sicht ist das rechtlich möglich.

Was es für andere, weniger schwierige Schulstandorte bedeutet, wenn mehr Geld an Brennpunktschulen geht, erklärte Himmer gestern überraschend direkt: „Umverteilung bedeutet bei gleichen Mitteln, wenn der eine mehr bekommt, muss der andere weniger bekommen.“ Weiter ins Detail ging er nicht. Treffen könnte das aber unter anderem die Gymnasien, an denen es viel weniger sozial benachteiligte Schüler gibt als an den Wiener Mittelschulen (siehe Faktenkasten unten).

 

Druck auf das Bildungsressort

Die ungewohnt direkte Wortwahl des Wiener Bildungsdirektors war wohl nicht unbeabsichtigt: Wien will mit dem Vorstoß auch Druck auf den Bund ausüben, in Zukunft mehr Ressourcen für die Hauptstadt locker zu machen. „Wenn wir nicht mehr Mittel bekommen...“, schränkte Himmer denn die möglichen Einschnitte für Schulen ein, die eine bessere soziale Ausgangslage haben: Das Finanzministerium und das Bildungsministerium von Heinz Faßmann (ÖVP) seien gefordert.

Laut einem Modell der Arbeiterkammer, die ebenfalls seit Langem auf eine solche indexbasierte Finanzierung pocht, wie sie in Hamburg und den Niederlanden schon lange praktiziert wird, wäre deutlich mehr Geld notwendig: Um die Brennpunktschulen ausreichend gut auszustatten, ohne anderen Schulen etwas wegzunehmen, brauche es demnach österreichweit rund 300 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich.

Von Wiens Neos kam gestern umgehend Kritik an Himmers Ansagen: Das Geld für die Schulen innerhalb der Hauptstadt einfach umzuschichten, löse die Probleme der Schulen in Wien nicht dauerhaft. Man brauche eine massive Aufstockung des Budgets – in dem „aufgeblähten Politsystem“ der Hauptstadt gebe es genügend Einsparungsmöglichkeiten.

Auf einen Blick

Brennpunktschulen. Bei den Bildungsstandards wurden in Wien 35 Prozent der Volksschulen als Standorte sehr hoher sozialer Benachteiligung eingestuft. In der Sekundarstufe ist die Belastung je nach Schultyp sehr unterschiedlich: Während zwei Drittel der Neuen Mittelschulen anhand der Schülerklientel als stark benachteiligt eingestuft wurden, sind es bei den Wiener Gymnasien zwölf Prozent der Schulen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2018)