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Affäre Khashoggi: Saudi-Führung im Zwielicht

Der Tatort. Das saudische Königshaus hat eingestanden, dass der Journalist Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul umgebracht worden ist.Emrah Gurel / AP / picturedesk.c
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Die saudischen Angaben zum Tod des Journalisten sorgen international für Empörung. Um die Wogen zu glätten, kondoliert das saudische Königshaus der Familie des Getöteten.

Tunis/Riad. Der gewaltsame Tod des saudischen Regierungskritikers Jamal Khashoggi in Istanbul entwickelt sich zur schwersten Glaubwürdigkeitskrise für Saudiarabien seit dem 11. September 2001. Bei dem damaligen Anschlag stammten 15 der 19 Flugzeugentführer aus Saudiarabien.

Nun nimmt durch die mysteriöse Mordaffäre in Istanbul, das anfangs hartnäckige Leugnen und die nun präsentierte dubiose Tatversion die Reputation des Kronprinzen Mohammed bin Salman mehr und mehr Schaden. Aus den westlichen Hauptstädten schlug Saudiarabien am Wochenende Empörung und Kritik entgegen, nachdem das Königshaus eingestanden hatte, dass Khashoggi im Konsulat in Istanbul ums Leben gekommen sei. Das Ganze sei ein Unfall gewesen, gab Riad bekannt. Erst hieß es, der Journalist sei im Konsulat bei einem „Faustkampf“ gestorben. Die am Sonntag verbreitete Version lautete, Khashoggi sei bei einem Handgemenge in einen Würgegriff genommen und dabei aus Versehen umgebracht worden. Seine Leiche sei anschließend in einen Teppich eingerollt und weggebracht worden.

Die Bundeskanzlerin Deutschlands, Angela Merkel, und Außenminister Heiko Maas wiesen die saudische Darstellung als „nicht ausreichend“ zurück. Ähnlich reagierten auch die französische, britische und kanadische Regierung. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und UN-Generalsekretär António Guterres forderten, alle für die Tat Verantwortlichen müssten ohne Einschränkungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Erste Rufe nach Sanktionen

US-Präsident Donald Trump, der das neue saudische Narrativ zunächst als glaubhaft bezeichnet hatte, sprach später dann gegenüber der „Washington Post“ von „offenkundiger Irreführung und Lügen“. Der US-Präsident ging jedoch nicht so weit, den Rücktritt des saudischen Thronfolgers zu fordern, weil dessen Verantwortung für die Bluttat bisher „nicht erwiesen“ sei.

Wohl als Folge des internationalen Drucks sowohl der König Saudi-Arabiens als auch sein Thronfolger in der Nacht zum Montag der Familie des Getöteten kondoliert. Saleh Khashoggi, Sohn des getöteten Journalisten, habe sich für die Anteilnahme bedankt, hieß es. Über den Inhalt der Gespräche lagen keine Angaben vor.

Im US-Kongress, EU-Parlament und Bundestag dagegen werden die Rufe nach Sanktionen und einem Waffenembargo gegen die Vormacht der arabischen Halbinsel immer lauter. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagte am Sonntagabend, dass Rüstungsexporte "in dem Zustand, in dem wir im Augenblick sind" nicht stattfinden könnten.

Unterdessen steht auch die Dienstag in Riad geplante dreitägige Investorenkonferenz Davos in der Wüste, bei der der Kronprinz offizieller Gastgeber ist, steht nach massenhaften Absagen von Ministern, Geschäftsleuten und Bankenchefs auf der Kippe. Kopfschütteln verursachte zudem das jüngste königliche Dekret, das ausgerechnet Mohammed bin Salman beauftragte, nach dem Debakel von Istanbul den saudischen Geheimdienstapparat zu reorganisieren. Beobachter zweifeln, dass der greise König Salman die Tragweite der Krise noch richtig erfassen kann.

Auch wenn jetzt zwei enge Vertraute des Kronprinzen als angebliche Drahtzieher der Operation am Bosporus ihrer Ämter enthoben wurden, die genaue Rolle von MbS, wie ihn seine Untertanen nennen, liegt weiter im Dunkeln. In dem absolutistischen Königreich scheint es ausgeschlossen, dass ein saudisches Einsatzteam eine derart komplexe Operation mit zwei Regierungsflugzeugen auf ausländischem Staatsgebiet ohne Zustimmung des Königssohnes durchführt.

 

„Vollstrecker meines Kronprinzen“

Der eine Entlassene ist Vize des Geheimdienstes, General Ahmad al-Assiri, der bis August 2017 Sprecher der von Saudiarabien geführten Militärkoalition im Jemen-Krieg war. Er hatte nach Angaben aus Palastkreisen immer wieder verlangt, man müsse etwas gegen Khashoggi unternehmen. Der andere ist der Propagandachef des Kronprinzen, Saud al-Qahtani. In einem früheren Tweet pries er sich als hundertprozentig königstreu: „Ich tue nichts ohne Befehl. Ich bin Angestellter und ehrlicher Vollstrecker meines Königs und meines Kronprinzen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2018)