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Die neuen Glasfabrikanten

Das verbliebene Trio: Simon Weber-Unger, Marcus und Christoph Matschnig (v. l.) am neuen Standort der Glasfabrik in der Felberstraße.
Das verbliebene Trio: Simon Weber-Unger, Marcus und Christoph Matschnig (v. l.) am neuen Standort der Glasfabrik in der Felberstraße.(c) Mirjam Reither
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Möbel. Christoph und Marcus Matschnig und Simon Weber-Unger eröffnen morgen beim Westbahnhof: über aussterbende Kenner und Vintage aus China.

Ein wenig ungewohnt ist es noch, das neue Domizil. Früher, wenn sie voneinander etwas wollten, da hätten sie sich einfach in den Hof gestellt und in die Hallen hineingebrüllt, erzählen die Glasfabrikanten. Jetzt, auf drei Ebenen plus Keller, geht das nicht mehr. Am besten, überlegen sie, wär wohl ein Walkie-Talkie.
Drüber in Ottakring, „Die Presse“ berichtete, muss die alte Glasfabrik nach 20 Jahren demnächst Wohnungen weichen. Doch ein Ausweichquartier wurde gefunden. Morgen, Samstag, eröffnet das Altwarenparadies in einer ehemaligen ÖBB-Druckerei neben dem Westbahnhof. Der Name ist mitübersiedelt, abhandengekommen sind ein paar der Kollegen: Die Händler von Lichterloh betreiben seit vergangenem Samstag in der Brotfabrik das Lilo's als zweiten Ableger neben dem Stammgeschäft in der Gumpendorferstraße.

Geblieben sind Christoph und Marcus Matschnig und Simon Weber-Unger mit ihrem Sammelsurium: Lampen und Platten, Wirtshaussessel vom Schneeberg, Schreibtischlampen aus den Siebzigern, südfranzösische Olivenaufbewahrungsgefäße, sogar ein Kasten mit ausklappbarem Schiffswaschbecken ist aktuell im Angebot. Alle drei sind Veteranen des Geschäfts. Schon vor 32 Jahren haben die Matschnig-Brüder in der Liebiggasse den Antikkeller übernommen, den Marcus mit Fokus auf Bücher bis heute betreibt. Aufgewachsen inmitten von 400 Radios, waren sie schon als Kinder mit den Eltern auf Pfarrflohmärkten unterwegs. Im Alter von zehn, zwölf verkauften sie ihren ersten Postkarten und Abziehbilder. „Wir haben“, sagt Christoph Matschnig, „immer schon gehandelt.“

In Ottakring hatte er ursprünglich ein Lager an der Rückseite des ehemaligen Glasbiegewerks Ullwer & Bednar. Als dann eine Halle frei wurde, mietete er sie an. Vorbild waren große Antikcenter, wie er sie in Deutschland oder Frankreich gesehen hatte. Von Vintage und Shabby Chic war da noch keine Rede. Bis heute verwendet man in der Glasfabrik diese Worte ungern. Trends sahen die drei kommen und gehen. Sie erlebten Anstürme, weil Menschen etwas in einem Wohnmagazin oder auf Pinterest gesehen hatten, und wissen: Kurze Zeit später gibt's das Gleiche bei der Möbelkette in x-facher Fertigung aus China.

Heute, beobachten die drei, gehe es um Dekoration und Einrichtung, nicht um Antiquitäten. Früher hätten Kunden noch auf die Rückwand eines Kastens geschaut, um zu sehen, ob es sich um ein Original handelt. Ob das Stück 300, 100 oder 50 Jahre alt ist, sei heute egal, nur die Optik muss passen. Kundige Sammler, die vitrinenweise Biedermeiergläser und Wände voll mit Miniaturen hatten, sterben aus. „Da geht viel Wissen verloren.“

Spiegel der Zeit

Was den Glasfabrikanten gefällt, ist die Entwicklung weg vom Restaurieren hin zum Konservieren. Kleine Schäden und Patina sind erlaubt, Stücke dürfen ihre Geschichte erzählen. „Früher musste alles wie neu ausschauen. Heute darf ein altes Möbelstück auch alt sein.“ In allem spiegle sich stets auch die jeweilige Zeit. Ganze Speisezimmergarnituren kauft mangels Speisezimmer derzeit niemand mehr. Da schon eher das Geschäftsschild einer alten Parfümerie, das Weber-Unger zum großen Tisch umgebaut hat.
Auch er ist ein Leidenschaftlicher.

Aufgewachsen zwischen Wänden voller Thonet-Sessel, übernahm er mit 21 das von seinem Vater, einem Arzt, gegründete wissenschaftliche Kabinett in der Spiegelgasse, 2014 auch noch den Album-Verlag für Fotografie und Wissenschaftsgeschichte. Er hat an Antiquitätenmessen wie an jener in der Hofburg teilgenommen, fungiert heute für das Dorotheum als Experte. Altwaren, sagt er, „waren mir immer schon lieber als das Hochgestochene“. Zu dritt setzt man so nun weiter auf Zusammenarbeit. Kann aushelfen, wenn einer krank ist. Oder gemeinsam über Bedeutung oder Preis eines ausgefallenen Stücks beraten: „Allein ist derjenige, der es gefunden hat, oft doch zu emotional.“