Schaurige Pfade durch die Mozartstadt

Salzburg kann durchaus auch gruselig sein: Hier der Blick von der Kirche am Mönchsberg in Richtung der Festung.
Salzburg kann durchaus auch gruselig sein: Hier der Blick von der Kirche am Mönchsberg in Richtung der Festung.(c) Eva Maria Griese (Eva Maria Griese)

Beim Gruselwandern lässt einen Salzburgs dunkle Vergangenheit erschaudern: Von Hexenprozessen und Zauberertreffpunkten.

Hunderte Male ist man an dem Gebäude schon vorbeigegangen. Doch heute ist es anders. Ein beklemmendes Gefühl steigt in einem hoch, als man den gesichtslosen Bau aus den 1960er-Jahren betrachtet, an der Ecke, an der sich die Wolf-Dietrich-Straße mit der Paris-Lodron-Straße kreuzt. Ein Wandrelief erinnert an den Hexenturm, der hier einmal stand. Unschuldige Menschen wurden in diesem Turm gefangen gehalten, gefoltert und dann zur Richtstätte gebracht. Es ist ein Ort des Schauderns. Ein Ort, der für ein sehr dunkles Kapitel in der Salzburger Geschichte steht.

Im Jahr 1675 – zu dieser Zeit regierte in Salzburg Fürsterzbischof Max Gandolph Graf von Kuenburg – begann eine Massenhysterie, die sich gegen vermeintliche Hexen und Zauberer richtete. Der Wahn um den Zauberer Jackl kostete 138 Menschen das Leben und ist damit eine der größten Hexenverfolgungen Europas. Wegen der vielen Verhaftungen wurden die vorhandenen Gefängnisse bald zu klein, deshalb richtete man in dem zum Befestigungsring der Stadt gehörenden Turm 14 zusätzliche Zellen ein.

Doch alles der Reihe nach: Der Stadtspaziergang „Orte des Schauderns“ beginnt beim alten Salzburger Rathaus nahe der Getreidegasse auf der anderen Seite der Salzach. Als sich die Salzburger Justiz im 17. Jahrhundert auf die Suche nach dem Zauberer Jackl und seinen vermeintlichen Gesellen machte, residierte im Rathaus das Stadtgericht samt Gefängniszellen und Folterkammern. Dutzendweise wurden Menschen, die verdächtigt wurden, zur Bande des Zauberers zu gehören, angeschleppt, ins Gefängnis gesteckt und gefoltert. Die Häftlinge litten unter Kälte, Nässe, Ungeziefer, Finsternis und kargem Essen. Angesichts dieser Bedingungen gaben sie bei Verhören zu, was die Schergen der Justiz hören wollten: dass sie sich der Hexerei und des Schadenszaubers schuldig gemacht hätten. Unter den Opfern – viele davon vagabundierende Kinder und Jugendliche – waren großteils Männer.

Begonnen hatte die Hysterie mit dem Verschwinden des Mauterndorfer Abdeckersohns Jakob Koller – dem angeblichen Zauberer Jackl. Nach dem Tod seines Vaters Kilian Tischler zog er mit seiner Mutter Barbara durch die Lande. Bettelei, Opferstock-Einbrüche und Betrügereien begründeten seinen Ruf als Verbrecherfürst und Zauberer.

Die Mutter wurde Anfang 1675 in Golling verhaftet und gestand unter Folter, dass sie und ihr Sohn sich durch Zauberei an Bauern gerächt hätten, die ihnen nichts gegeben hatten. Sie wurde im August 1675 auf einem Scheiterhaufen hingerichtet, ihr Sohn verschwand spurlos und wurde von der Justiz fieberhaft gesucht. In der allgemeinen Hysterie reichte es aus, in Verdacht zu stehen, zur Bande des Zauberers Jackl zu gehören, um verhaftet und verhört zu werden. Man warf den Verdächtigen Delikte wie Zauberei, Teufelsbuhlschaft, Hostienschändung und Hexentaufen vor.

Die schaurige Runde führt vom Rathaus über die Staatsbrücke und die Linzergasse zum Hexenturm in der Wolf-Dietrich-Straße. In der Paris-Lodron-Straße sieht man noch Reste der alten Stadtmauer, bevor es wieder zurück an die Salzach und auf die linke Altstadtseite geht. Entlang der Salzach gelangt man zum Mozartplatz, wo in der neuen Residenz der Hofrat tagte. Auf der Galerie unter dem Turm des Glockenspiels verkündete die Justiz ihr Urteil über Tod oder Leben.

Es geht weiter über die Kaigasse und die Schanzlgasse durch das Nonntal hinaus zum Kommunalfriedhof in Gneis. Wer zwischendurch auf andere Gedanken kommen will, kann zuvor im Café 220 Grad eine Pause einlegen. Die ehemalige Richtstätte liegt bei der Adolf-Altmann-Straße. Die Opfer wurden mit dem Schwert oder dem Fallbeil enthauptet, einige wurden sogar lebendig verbrannt. Man will sich gar nicht vorstellen, wie im Jahr 1678 bei fünf Massenexekutionen dort insgesamt 53 Menschen hingerichtet wurden.


Treffpunkte der Zaubererbande. Da ist ein anderer Spaziergang, der zu den angeblichen Treffpunkten der Zaubererleute führt, schon etwas weniger bedrückend. Diese Runde führt aus der Altstadt hinaus in Gegenden, die weit abseits der touristischen Trampelpfade liegen. Der Start ist im Festspielbezirk. Dort, wo sich heute die Felsenreitschule befindet, gab es einen stillgelegten Steinbruch an der Mönchsbergwand, der den Bettlern und Vagabunden als Unterschlupf diente. In den Hexenprozessen wurde der Ort oft als Treffpunkt der Zauberer-Jackl-Bande genannt.

Der Weg führt über die Gstättengasse und die Müllner Hauptstraße weiter in die Augustinergasse. Rund um die Müllner Kirche wurde in den vergangenen Jahren der alte Friedhof renoviert. Von der Himmelsterrasse bietet sich ein schöner Ausblick auf die Stadt und die Salzach, während die Grabsteine andere Geschichten aus dem Leben der Stadt erzählen.

Doch weiter zu den Treffpunkten der Zauberer. In der Gärtnerstraße in der Riedenburg gab es früher einen erzbischöflichen Ziegelstadel – auch das ist ein in den Hexenprozessen erwähnter Treffpunkt der Bettler. In der Leopoldskronstraße befindet sich eine kleine Brücke über den Almkanal. Gleich daneben soll ein angeblicher Badeplatz der Zaubererbande gewesen sein.

Über den Leopoldskroner Weiher geht es über die Buckelreuth zurück in die Stadt. Vorbei an jenem einsamen Häuschen auf den Wiesen unterhalb der Festung, das im Volksmund als Henkerhäusl bezeichnet wird. Doch das ist falsch: Nicht der Henker, sondern der Krautwächter – er bewachte die Gemüsefelder der Mönche von St. Peter – wohnte einst an diesem Ort. Nicht alle Orte, die gruselig klingen, sind tatsächlich mit einer dunklen Vergangenheit belastet.

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Die Stadtspaziergänge rund um die Hexenprozesse und den Zauberer Jackl stammen aus dem neuen Buch „Gruselwandern in Salzburg“ (Verlag Anton Pustet). Der Autor und Journalist Clemens M. Hutter hat rund 60 Touren beschrieben, die in Stadt und Land Salzburg zu Orten führen, denen man oft wenig Beachtung schenkt und die mit Zauberern, Morden, Gespenstern und anderen schaurigen Gestalten verbunden sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2019)