Wohngeschichte

Zwischen Ordnung und Charme

Pâtissière Alexandra Marischka in ihrer Wohnung in Wien-Leopoldstadt.
Pâtissière Alexandra Marischka in ihrer Wohnung in Wien-Leopoldstadt.Von Doris Babier

Lebenselixier Urbanität. Vor sieben Jahren hat Pâtissière Alexandra Marischka im zweiten Wiener Bezirk ihre Zelte aufgeschlagen.

Die Wohnung ist ihre stille Oase, aber auf der Straße kann es Alexandra Marischka gar nicht urban genug sein. Da müssen um jede Uhrzeit Menschen sein, es muss Restaurants, Bars, Kinos, Theater, Galerien geben – wie in der Leopoldstadt eben. Den Donaukanal direkt vor der Haustür zu haben, sich im Gewurl anonym zu fühlen, entspannt sie nach einem harten Arbeitstag in der Backstube. „Ich kaufe mir ein Bier und setze mich ans Wasser. Die bunten Lichter, das Treiben im Hintergrund, Kopfhörer auf und mich in Gedanken verlieren, fertig.“
In ihre Wohnung hat sie sich sofort verliebt. „Ich habe sie gesehen und wusste, die ist es. Und ich habe gekämpft, um sie haben zu können.“ Kein Wunder, der Erker, die originalen geätzten Glasscheiben in den Flügeltüren, die Küche mit Tageslicht und Parkettboden sowie die eigenartige Nische im Schlafzimmer machen ihr Zuhause zu einem besonderen Refugium. „Ich mag sogar die Straßenbahn, die vorbeifährt. Und gleich ums Eck ist eine Rettungsausfahrt. Wenn man nachts die Sirenen hört, hat man fast das Gefühl, in einer Großstadt zu leben“, schmunzelt sie.


Unpersönliches aneignen


Die Küche ist für die gebürtige Wienerin gleichermaßen Ort der Entspannung und der Arbeit. „Eine Küche muss gut organisiert, funktional und auf jeden Fall aufgeräumt sein“, erklärt Marischka. „Es ist mir sehr wichtig, dass alle Dinge auch ästhetisch ansprechend sind, egal ob das jetzt Geschirr ist, ein Werkzeug oder eine Maschine. Deswegen steht da eine verchromte Kitchenaid, auch wenn die Kenwood einen hundertmal stärkeren Motor hat.“ Nach Mikrowelle, Fernseher, elektrischem Dosenöffner oder Nespressomaschine sucht man in der Küche vergebens. „Was man dringend braucht, ist ein scharfes Messer und ein guter Ofen.“ Und: „Eine Abwasch ist ein Werkzeug und muss daher leer sein.“
Der Einrichtungsstil spiegelt ihre Persönlichkeit wider: Einiges ist von Flohmärkten, Altwarentandlern und Willhaben, ein erstaunlich hoher Anteil sind Geschenke von Freunden und Familie oder einfach Dinge, die sie auf der Straße gefunden hat. Wie zum Beispiel ihr geliebter Barwagen im Wohnzimmer. „Was mir wichtig zu sein scheint, ist, mir unpersönliche, austauschbare Dinge irgendwie zu eigen zu machen. Ich kaufe etwa bei Ikea diese Küchenoberkästen, um sie als Sideboard im Vorzimmer zu verwenden. Dazu kommen eine Dose Charleston Gray und die wundervollen Origamifliesen vom Londoner Designduo Raw Edges und Mutina.“

 

Globensammlung auf dem Piano.
Globensammlung auf dem Piano.Doris Barbier

Der letzte Zuwachs ist der ausziehbare Art-déco-Esstisch. Eine Freundin ihrer Mutter hat gefragt, ob sie ihn haben wolle. Sie wollte. „Ich habe beim Wohnen ein starkes Bedürfnis nach Aufgeräumtheit und Unaufgeregtheit, wahrscheinlich deswegen, weil mein Leben abenteuerlich und streckenweise totales Chaos ist. Ich brauche das Potenzial, die theoretische Möglichkeit einer aufgeräumten Umgebung.“ Die Dinge müssen einen Platz haben, und sie dürfen nicht zu viele werden. „Ich empfinde es als sehr befriedigend zu wissen, dass in meinen Kästen und Schubladen alles ordentlich und symmetrisch ist.“ Die einzige Farbe für Bettwäsche und Handtücher: weiß. Ihr Lieblingsplatz ist der Ohrensessel im Erker. „Dort kommt am Tag das Licht von allen Seiten und ich habe freien Blick auf das Odeon.“ Die kleine Lampe im Fenster ist immer an. „Sie ist mein Leuchtturm, wenn ich nach Hause komme. Am Abend stehen da eine Kerze und ein Glas Wein.“
Auch in puncto Farben wurde nichts dem Zufall überlassen. Ihre Lieblingsfarbe Grün – „als Kind Wiesengrün, jetzt sehr dunkles Waldgrün, Olivgrün und Mintgrün mit einem Stich ins Graue“ – kommt in allen möglichen Schattierungen zum Einsatz. Ohne dass es beabsichtigt wäre, finden sich diese Farben in der Wohnung immer wieder. „Ich scheine Dinge eher aufzuheben, wenn sie grün sind“, meint sie. „Schwarz und weiß sind mir ebenso sehr lieb. Ich mag aber auch ein klares Rosa, und, bei kleinen Dingen, Rot.“ Natürlich sind gewisse Parallelen zwischen Wohnstil und ihren auch optisch ansprechenden Pâtisserien kein Zufall. „Die Wahl der Dinge, mit denen man sich umgibt, arbeitet oder auf andere Art Zeit verbringt, ist etwas sehr Intimes.“

Zum Ort, zur Person

► Die Leopoldstadt ist ein mittlerweile sehr beliebter Wohnbezirk mit kreativem Flair um den Karmelitermarkt und in Donaukanalnähe. Die Preise für Mietwohnungen liegen zwischen acht und 13 Euro/m2, gebrauchte Eigentumswohnungen kosten 1758 bis 4211,3 Euro/m2, neue 2613 bis 5327 Euro/m2.
► Alexandra Marischka führt eine Pâtisserie in der Gredlerstraße 10 und liefert an Betriebe. Zu finden ist sie auch im soeben erschienen Buch „Die Wiener Zuckerbäcker“ (Verlag Pichler).

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