Schnellauswahl

Und es rauscht, rauscht, rauscht

Über 26 Holzbrücken geht es hinauf: die Myrafälle in Muggendorf. Fünf Millionen Liter Wasser stürzen hier täglich in die Tiefe, die Gesamthöhe der Myrafälle beträgt 125 Meter.
Über 26 Holzbrücken geht es hinauf: die Myrafälle in Muggendorf. Fünf Millionen Liter Wasser stürzen hier täglich in die Tiefe, die Gesamthöhe der Myrafälle beträgt 125 Meter.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Holzbrücken, die kreuz und quer am tosenden Wasser vorbeiführen: Die Myrafälle in Muggendorf eignen sich – gutes Schuhwerk vorausgesetzt – für eine nette kleine Frühlingswanderung.

Die prominentesten Besucher waren schon vor einer ganzen Weile da: der römisch-deutsche Kaiser Franz II. und seine Frau, Maria Theresa, haben die Myrafälle im Jahr 1801 besucht, wie auf einer Gedenktafel zu lesen ist.

Den Wanderweg, der heute die Myrafälle hinauf über zahlreiche Brücken, Stege und Stiegen führt und als „Wander- und Wasserwelt“ beworben wird, konnte das kaiserliche Paar dereinst freilich noch nicht ausprobieren: Denn erst seit 1885 sind die Myrafälle in Muggendorf südwestlich von Wien begehbar, seither werden sie vom Österreichischen Touristenklub (ÖTK) erhalten. Nun, nach Ende der Wintersperre, sind die Myrafälle wieder zugänglich.

Los geht es bei einem kleinen Stausee (der sich im Sommer dank Floßen in einen feinen Wasserspielplatz für Kinder verwandelt), vorbei auch am Gasthaus Myra-Stub'n, in dem man später vielleicht einkehren wird. Spätestens jetzt bekommt man eine Ahnung davon, welche Geräuschkulisse einen während der gesamten kleinen Wanderung begleiten wird: Es rauscht, rauscht, rauscht. Anfangs noch recht leise, doch je näher man den Wasserfällen kommt, umso lauter wird das Getöse, das alle anderen Geräusche übertönt und auch das Zwitschern der Vögel, das man am Eingang noch laut vernommen hat, verschluckt.

Holzbrücken. Mindestens so eindrucksvoll wie das Rauschen aber ist das optische Naturschauspiel, das sich hier bietet: Fünf Millionen Liter Wasser stürzen jeden Tag über die Felsen in die Tiefe – und als Wanderer kommt man diesen Wassermassen auf den insgesamt 26 Brücken wirklich nahe: Für die 125 Meter, die die Myrafälle hoch sind, würde man eigentlich nur eine halbe Stunde brauchen, doch die vielen Holzbrücken, die die Fälle queren und auf denen sich das über die Felsen stürzende schäumende Wasser so wunderbar beobachten lässt, laden zu Pausen ein. Einfach da stehen und das Wasser beobachten – und ja, vielleicht auch das eine oder andere Foto machen.

Derzeit hat man die Myrafälle als Besucher noch fast für sich – im Sommer ist das anders: An warmen Tagen kommen viele Wanderer hierher (nicht nur, aber auch ob der herrlichen Abkühlung). Dann kann es sich mitunter auf den Brücken stauen, wenn sich an den besonders eindrucksvollen Stellen der eine oder andere Wanderer in Selfies mit Wasserfall versucht.

Noch aber ist von Besuchermassen nichts zu spüren, wunderbar friedlich ist der Weg bergauf, und auch wenn die Route nicht übertrieben anspruchsvoll ist: Ohne feste Wanderschuhe sollte man Brücken und Stege gar nicht erst betreten.

Immer wieder gibt es auch Bänke, die zum Rasten einladen, und eine fast schon übertrieben hohe Zahl an Mistkübeln, die das Idyll optisch fast ein wenig stört. Dazwischen informiert eine Reihe von Schautafeln interessierte Besucher, wie die Wasserkraft ab dem 18. Jahrhundert hier zur Holzbearbeitung und später zur Stromerzeugung genutzt wurde. An einer Stelle erkennt man noch die Reste einer Sägemühle, historische Zeichnungen zeugen von dem ursprünglichen Nutzen der Wassermassen, die heute nur noch als Naturschauspiel die Wanderer beeindrucken.

Oben am Ende (oder eigentlich am Anfang) der Myrafälle – der Wald lichtet sich, das Wasser wird ruhiger, es ist spürbar wärmer – muss man sich entscheiden: Müde Wanderer kehren wieder um und steigen die Myrafälle hinab. Wer länger unterwegs sein will, kann den blauen Markierungen folgen, den (hier sehr ruhigen) Myrabach entlangspazieren und gelangt nach einem kurzen Marsch auf der Straße zur Steinwandklamm. Insgesamt ist man, hin und retour, dann etwa vier Stunden und neun Kilometer in der bekannten Klamm unterwegs. Nicht nur bei Kindern beliebt ist das sogenannte Türkenloch, an dem man auf dieser Strecke vorbeikommt: Eine Höhle, die man – am besten mit Taschenlampe – durchqueren kann.

Oben warten mit dem Gasthof Jagasitz und einen halben Kilometer weiter mit der Jausenstation Reischer zwei Einkehrmöglichkeiten. Wer nach den Myrafällen wiederum der gelben Markierung folgt, verlässt das Wasser und nähert sich dem Hausstein, einer 60 Meter hohen Felswand mit bestem Blick über Muggendorf und Umgebung. Von hier aus geht es entweder in einer guten Stunde hinunter nach Muggendorf – oder man geht weiter bergauf und kreuzt beim Gasthof Jagasitz die Steinwandklamm.

MYRAFÄLLE

Die Myrafälle liegen 60 km von Wien entfernt bei Muggendorf. Erhaltungsbeitrag: 5 € (Erw.). Ab Mai sind die Myrafälle am Wochenende abends bis 23 Uhr beleuchtet. Sportliche Wanderer kombinieren die Myrafälle mit der Steinwandklamm (hin und retour ca. vier Stunden). www.myrafaelle.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2019)