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Stand-up ohne Barrieren mit David Stockenreitner

David Stockenreitner ist nur auf der Bühne mutig, sonst nirgends, sagt er.
David Stockenreitner ist nur auf der Bühne mutig, sonst nirgends, sagt er.Carolina Frank
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Der gehandicapte Comedian David Stockenreitner spricht über den Mut, auf die Bühne zu gehen, und die Wirkung, die er damit nicht erzielen will.

Zwischen den hörnchenförmigen Zuschauerinseln wird es dunkel und auf der kleinen Bühne des Wiener Kulturvereins Tschocherl treten die Scheinwerfer in Aktion. Mangels Hintereingang kommt David Stockenreitner an diesem Abend von vorn. An der Grenze zum Licht bleibt der Kärntner Stand-up-Comedian stehen, zieht einen Sessel näher, stützt sich und macht den letzten Schritt nach oben. Welche Behinderung er genau hat, wisse er gar nicht mehr, erzählt er einen Tag nach seinem Auftritt. „Die genaue Bezeichnung müsste ich nachlesen. Es ist ein ganzer Satz“, der so viel bedeutet wie „der rechte Arm ist bewegungslos und das linke Bein lässt sich sehr eingeschränkt steuern“.

Bei seinem ersten Auftritt musste er sitzen, erinnert er sich. Mit 21 Jahren hatte sich der heute 28-Jährige zu einem Kabarettwettbewerb angemeldet, „eine Woche bevor ich überhaupt eine Nummer geschrieben hatte“. Er war der Jüngste und wurde Dritter. „Das war ein Ego-Boost.“ Der Versuch gefiel ihm, obwohl er schüchtern war und die ganze Zeit den Boden im Visier hatte. „Ich war so aufgeregt, ich konnte nicht stehen, weil ich so gezittert habe.“ Mit der Mutprobe in den Knochen ist später sein erstes Programm entstanden, es hieß „Stuhl. Bitte.“. Mittlerweile spielt er den Nachfolger „Down“ und arbeitet nach wie vor an seiner Haltung. „Ich spiele oft nur die erste Reihe an, aber das ist unfair. Ich muss aufrechter stehen“, korrigiert er sich. Sessel braucht er übrigens keinen mehr.

Mit viel Witz gibt David Stockenreitner Einblick in ein wenig bespieltes Thema.
Mit viel Witz gibt David Stockenreitner Einblick in ein wenig bespieltes Thema.Carolina Frank

Wiener sind schwierig

Einer der ersten Comedians, die sein Potenzial erkannten, war Soso Mugiraneza aus dem ostafrikanischen Burundi. Er ist einer der Gründerväter der Wiener Stand-up-Szene, die nicht nur international, sondern eben auch in Österreich fest mit der englischen Sprache verwickelt ist. Bei Mugiraneza (der sich aktuell im Rahmen von „Dancing Stars“ über den Fernsehbildschirm dreht) konnte sich David Stockenreitner ausprobieren. Bei ihm hatte er auch seinen ersten bezahlten Gig. Eine Grundlage, um mit dem weiterzumachen, was er wollte: auftreten.

„So blöd das auch klingt: Es gibt Leute, die brauchen die Bühne als Gefühl der Wertschätzung.“ Dass seine Selbstliebe dadurch vielleicht gewachsen ist, aber auch an den Bühnenerfolg gekoppelt ist, sieht er kritisch. „Wenn ein Auftritt nicht gut läuft, bin ich auch nicht so gut drauf bis zum nächsten. Zum Glück werden die Abstände kürzer.“ Wenn er sein Publikum zum Lachen bringen kann, fühlt er sich eben besser. In Österreich hat die Stand-up-Szene allerdings noch mit dem Ruf der Niveaulosigkeit zu kämpfen. In Graz läuft es vergleichsweise besser, sagt Stockenreitner. „Wiener sind allgemein sehr schwer zu unterhalten, dagegen ist sogar das Londoner Publikum einfach.“ Wann er sein Talent selbst erkannt hat, weiß er nicht mehr genau. Irgendwann war nur klar, dass er Comedy machen will. Interessiert hat ihn das Fach aber immer schon. „Als Kind habe ich mich gefragt, was es wohl braucht, um Erwachsene zu unterhalten. Meine Eltern habe ich relativ selten gefragt, wie die Dinge so funktionieren. Ich hab nur nachgefragt, wenn ich einen Witz nicht verstanden habe.“

"Es nicht mein Anspruch, als Motivationstrainer zu wirken, weil ich selbst auch nicht immer motiviert bin."
"Es nicht mein Anspruch, als Motivationstrainer zu wirken, weil ich selbst auch nicht immer motiviert bin."Carolina Frank

Keine Beratungsstelle

Für seine eigenen Pointen inspirieren ihn heute Alltagsbeobachtungen, die Fragezeichen hinterlassen. Zum Beispiel: Warum gibt es bei so vielen Treppen nur an einer Seite einen Handlauf? „Weil es sonst für Rollstuhlfahrer zu eng wird?“ Allzu lang hält er sich in dieser speziellen Thematik aber nie auf. Er will in kein Eck gedrängt werden. „Wirkung und Veränderung sind nicht mein primärer Anspruch beim Stand-up, ich will nicht predigen. Unterstützt mein Programm andere Betroffene, ist das natürlich schön. Wenn ich zum Beispiel über die Behinderung erzähle, kommen danach oft Leute auf mich zu und sagen, dass sie es mutig und gut finden und es ihnen auf die eine oder andere Weise geholfen hat.“ Als humorbegabten Motivationstrainer will sich Stockenreitner nicht definieren, vor allem weil er selbst auch nicht oft motiviert sei, sagt er.

Thematisch sollten der Satire jedenfalls keine Grenzen gesetzt sein, es komme nur immer darauf an, wie es gemacht wird, findet er. Und natürlich von welcher Seite der Spaß kommt. Stockenreitner sagt auf der Bühne „Krüppel“ oder verpackt einen Witz in das selten besprochene Thema Sex mit einer Behinderung. „Ich darf das gerade noch, ich bin an der Grenze. Ich sitze aber zum Beispiel nicht im Rollstuhl und weiß nicht, wie sich ein Rollstuhlfahrer fühlt oder wie sich Menschen fühlen, die eine schwerere Behinderung haben als ich. Ich kann als behinderter Künstler eben nicht für alle behinderten Menschen sprechen, weil es eine unglaublich heterogene Gruppe ist.“ Eines ist ihm in den vergangenen Jahren allerdings schon immer wieder aufgefallen: „Kein Haus, in dem ich bisher gespielt habe, war barrierefrei.“

Tipp

David Stockenreitner ist am 4. 5. (22  Uhr) in der deutschen Version des Stand-up-Formats „Roast Battle“ auf Comedy Central zu sehen. Sein Solo „Down“ spielt er am 18. 5. im Tschocherl und am 22. 5. im Theater am Alsergrund. Weitere Termine: facebook.com/stocki.comedy

Der Künstler selbst veranstaltet im Grind einen gemischten Stand-up-Abend, der nächste findet am 18. 4. statt.

("Die Presse-Kulturmagazin", 12.04.2019)