Unterwegs

Neues Sinnbild des Gastarbeiters in Moskau sind Burschen in auffälliger, knallgelber Uniform. Dennoch sind sie unsichtbar.

Vor ein paar Tagen kam ich in Moskau an einem beliebten georgischen Restaurant vorbei. Es war ein lauer Abend und der Gastgarten war voll mit Menschen, die einander vergnügt in die Augen sahen. Neben den Tischen saß ein junger Mann auf einer Bank. Obwohl er in Dottergelb gekleidet war und neben ihm eine große, quadratische Box in ebendieser auffälligen Farbe stand, beachtete ihn niemand.

Er ist einer von vielen. Ein Heer junger Männer aus den „Stans“ bevölkert die Straßen der russischen Metropole: Im Winter in Turnschuhen eilig durch den Schnee stapfend, jetzt schwitzend auf Fahrrädern. Es sind Essensausträger der russischen Firma Yandex, die mit ihren Internet-Apps (Staubarometer, Taxidienst und eben der Lieferservice) immer stärker den Alltag der Großstadt-Russen prägt. Die emsigen Kulinarik-Boten haben gute Chancen, zum neuen Sinnbild des zentralasiatischen Gastarbeiters zu werden: Der Dienstleister löst den Bauarbeiter ab.

Nun mögen Marktverteidiger sagen, dass die jungen Kirgisen und Usbeken das hart verdiente Geld wiederum in ihrer Heimat investieren und so einen wertvollen Beitrag leisten werden für usw. usf. Das will ich im Einzelfall nicht bestreiten. Was mich umtreibt: Trotz ihrer lächerlichen Uniform ist das Heer der Boten unsichtbar – wie jener Bursche vor dem Georgier, der auf eine Lieferung aus der Küche wartete. Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, wenn ich (als brave Kapitalistin) etwas bei Yandex bestellt oder ihm (in revolutionärer Absicht) beim Aufbau einer gewerkschaftlichen Zelle geholfen hätte. Stattdessen schenkte ich ihm einen Blick.

jutta.sommerbauer@diepresse.com

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