Ingo Appelt: "Ich habe mich selbst torpediert"

Ingo Appelt im Gespräch im Hotel Triest. Am Samstag spielt er im Wiener Stadtsaal.
Ingo Appelt im Gespräch im Hotel Triest. Am Samstag spielt er im Wiener Stadtsaal.Valerie Voithofer

Ingo Appelt über seine Rolle als „Martin Rütter der Männlichkeit“, darüber, warum seine Show gescheitert ist und er mit Geld nicht umgehen kann.

Von Ingo Appelt hat man als nur gelegentlicher Konsument deutschen Fernsehens so ein Bild im Kopf: Die Stirnfransen wie ein umgedrehtes Hörnlein ins Gesicht gebürstet, dazu ein leicht irrer Blick. Der Ingo Appelt, den man heute trifft, der hat damit nur noch wenig zu tun. Ein bisschen älter, ein bisschen fülliger, ein bisschen friedlicher, aber immer noch da (und am Samstag im Wiener Stadtsaal). Wann einer in Comedy-Pension gehen kann, das hänge ja immer auch von der Versorgungslage ab, sagt er. „Ich hab ja auch schon viel versemmelt, ich muss noch arbeiten. Ich seh mich mit 80 noch auf Altenheim-Tour.“

Früher, da hatte Appelt, der Maschinenschlosser aus Würzburg, auch eine eigene Fernsehshow. „Ich war auch reich, hab Millionen im Jahr verdient, aber ich kann damit nicht umgehen. Weil ich ja als Gewerkschafter gesagt habe: Millionäre sind doof, Leute, die Erfolg haben, auch. Ich hab mich daher immer selbst torpediert.“

Wie man das macht? „Das läuft unbewusst ab“, sagt Appelt. „Das heißt, du kaufst Immobilien im Osten, von denen du nichts verstehst, und du hast mit Leuten zu tun, die du nicht leiden kannst, weil sie die ganze Zeit nur über Geld reden.“ In solchen Situationen neige er dazu, „genau das Gegenteil von dem zu machen, was vielleicht schlau wäre“. Überhaupt sei er jemand, „der nicht sonderlich konstruktiv ist. Ich könnte auch nicht in der Politik arbeiten, auch wenn ich das anfänglich gemacht habe. Ich bin aber immer einer der Quertreiber – die wir ja auch brauchen. Es gibt nichts Schlimmeres als Konsens.“

Neben Barth ein Minderleister

Heute, mit 52, spielt Appelt wieder vor 300 oder 500 Leuten. Neben seinen deutschen Kollegen wie Mario Barth zählt er damit natürlich zu den „Minderleistern“. Den Fehler, deshalb frustriert zu sein, habe er aber nur kurz gemacht. „In Wirklichkeit macht mir das mehr Spaß. Maximal 600 oder 700 Leute, dann ist Feierabend, dann stehst du vor einer Masse Mett. Ich sag immer: Wenn der Letzte in der letzten Reihe noch mit mir reden kann, dann bin ich glücklich.“

Begonnen hatte die Karriere von Ingo Appelt vor 30 Jahren; 1989 hatte er auf der Bundesjugendkonferenz der IG Metall seinen ersten großen Auftritt. Man hatte dort junge Künstler aus dem Gewerkschaftsbereich vorstellen wollen, Appelt war ein guter Parodist, hielt eine Ansprache als Helmut Kohl – auf den Schultern eines Einrad fahrenden Kollegen. „Ich hatte Angst, dass ich auf die Fresse fliege, schon damals. Aber die Gefahr des Absturzes muss sein, sonst macht es mir keinen Spaß. Da bin ich ganz Mann.“ Er gehöre auch zu jenen, „die vor dem Bauklötzchenturm stehen und überlegen: Noch eins drauf – oder kaputt machen? Aber das ist ja im Moment überhaupt so die Mentalität.“

Überhaupt, die Männer. Wollte Appelt früher sie beeindrucken, hat er mittlerweile Image und Zielgruppe getauscht. Schon als Kind, erinnert er sich, habe er „immer versucht, die Mama zum Lachen zu bringen, weil sie ein Scheißleben hatte. Ich glaube, das liegt mir mehr als für die Jungs die coole Sau zu machen.“

Inzwischen versteht er sich eher als „Martin Rütter der Männlichkeit“, sieht bei seinen Geschlechtsgenossen „das größte Problem“. Obwohl auch die Frauen schwierig sind, „weil sie sich immer die größten Deppen aussuchen“. Der Frust darüber stecke in den Männern tief drin. „Entweder du bist ein Drecksack oder ein Loser. Nun bin ich die Drecksack-Nummer auch selbst mal gefahren, da war ich auch sehr erfolgreich, aber es liegt mir halt nicht. Immer nur auf böse und frech, das war auf Dauer ganz schön anstrengend. Immer noch gemeiner, und irgendwann bist in einer humoristischen Beschaffungskriminalität. Die ,Ingo Appelt Show‘ musste scheitern, weil der Ingo das nicht kann. Der ist gar nicht so.“

Sein neues Programm trägt den Titel „Der Staats-Trainer“. „Ich wollte immer schon so gerne eine offizielle Funktion haben“, sagt er. „Bundespräsident ist vergeben, Außenminister ist ein gefährlicher Job.“ Er sieht sich nun als eine Art Motivationstrainer – nur mit umgekehrten Vorzeichen. „Ich bin eher so ein Demotivationstrainer. Die Leute sind frustriert, und ich nehme das gern auf. Ich sage ihnen: Es wird noch schlimmer. Aber das ist nicht so schlimm, weil so ist das Leben, und ihr werdet sowieso nie glücklich werden. Egal, was man euch in den Hintern bläst, ihr werdet jammern.“ Das, in guter Laune vorgetragen – „ich glaube, das gibt's in der Form noch nicht“.

ZUR PERSON

Ingo Appelt wurde 1967 in Essen geboren. Er ist gelernter Maschinenschlosser und steht seit 30 Jahren als Comedian auf der Bühne. Auch im Fernsehen ist er immer wieder zu sehen, u. a. bei Dieter Nuhr. Mit seinem neuen Programm „Der Staats-Trainer!“ gastiert er morgen, Freitag, im Grazer Orpheum, am Samstag im Wiener Stadtsaal.

Web: www.ingo-appelt.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2019)