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Boeing: „Beispiellose Vertuschung“

Ein US-Pilot strengt eine Sammelklage gegen den US-Flugzeugbauer an, der sich 400 Piloten anschließen könnten. Der Konzern habe die Probleme der 737 Max gekannt.

New York/Chicago. So schnell kommt der US-Flugzeugbauer Boeing nach den Absturzkatastrophen von zwei Maschinen des neuen Typs 737 Max mit 346 Toten binnen weniger Monate nicht aus der Pflicht. Abgesehen von den Forderungen der Hinterbliebenen, den Schadenersatzansprüchen von Fluglinien, die den Jet nach dem weltweit verhängten Flugverbot aus dem Verkehr nehmen mussten, und den „Parkgebühren“ sowie dem Image- und Vertrauensverlust droht dem US-Konzern nun ein weiterer millionenschwerer Rechtsstreit.

Ein Pilot hat das Unternehmen aufgrund der Unglücke und der danach verhängten Startverbote für die betroffenen Maschinen vom Typ 737 Max wegen finanzieller und weiterer Schäden verklagt. Nach Angaben seiner Anwälte wurde die Klage bereits am Freitag bei einem Gericht im US-Staat Illinois eingereicht, wo Boeing seinen Hauptsitz hat. Der Rechtsstreit sei als Sammelklage angelegt, der sich mehr als 400 weitere Piloten anschließen könnten.

 

„Emotionales Leid“

Die Anschuldigungen, die der Kläger, der in den Gerichtsunterlagen als „Pilot X“ der „Airline X“ anonymisiert wurde, erhebt, sind gewaltig: Boeing und auch der US-Luftfahrtbehörde FAA wird „eine beispiellose Vertuschung“ bekannter Fehler der 737 Max vorgeworfen. Die Abstürze und die folgenden Flugverbote seien deshalb „vorhersehbar“ gewesen.

Der Pilot beklagt unter anderem auch „erhebliche Einkommenseinbußen“ sowie „schweres emotionales und mentales Leid“. Er sei gewissermaßen gezwungen gewesen, die Boeing-Maschinen zu fliegen und so nicht nur sich selbst, sondern auch die Crew und Passagiere in Lebensgefahr zu bringen. Boeing habe von Problemen der 737 Max gewusst, Airlines und Piloten aber nicht ausreichend davor gewarnt.

Relativ rasch nach dem zweiten Absturz einer 737 Max in Äthiopien ist klar geworden, dass die Steuerungssoftware MCAS mit schuld an den Katastrophen war. Sie soll den Bug der Maschine nach unten gedrückt haben. Die Besatzung war trotz Versuchen nicht mehr in der Lage, den Fehler zu korrigieren und die Maschine hochzuziehen.

In der Kritik steht freilich nicht nur Boeing, sondern auch die US-Luftfahrtbehörde FAA, die für die Zulassung des Fliegers verantwortlich ist.

Boeing hat inzwischen eine neue Version der umstrittenen Steuerungssoftware entwickelt. Derzeit nehmen Spezialisten der FAA und der europäischen Luftfahrtbehörde EASA die Anpassungen an der Maschine, die Software, die Konstruktion und das Abschneiden in Flugtests unter die Lupe. Die Europäer hatten sich bisher größtenteils auf die Prüfungen durch die FAA verlassen. Wie lange die neuen Prüfungen dauern werden ist ebenso offen wie der Zeitpunkt, zu dem die 737 Max wieder in den Dienst gestellt werden kann. Denn nicht nur die beiden Behörden, sondern auch jene anderer Staaten müssen die Freigabe erteilen.

Die FAA rechnet allerdings fest damit, dass sie das Flugverbot noch in diesem Jahr aufheben kann. Die 737 Max werde definitiv vor dem Jahresende wieder fliegen, sagte der FAA-Sicherheitsexperte Ali Bahrami.

Boeing-Chef Dennis Muilenburg wollte bei der Luftfahrtmesse in Paris hingegen keine Prognose abgeben. Der Zertifizierungsprozess komme zwar gut voran, doch die Entscheidung liege bei den Behörden. „Wir halten es für sinnvoll, das Flugzeug auf der ganzen Welt gleichzeitig wieder in die Luft zu bekommen“, sagte Muilenburg. Noch nicht entschieden ist, ob sich Boeing dazu durchringt, das Unglücksmodell umzubenennen. Dass das allerdings das Vertrauen vor allem der Passagiere wiederherstellen würde, bezweifeln Experten.

Organisiert vom Weltluftfahrtverband IATA fand gestern, Mittwoch, in Montreal ein Meeting von Airline- und Behördenvertretern statt, bei dem Informationen über den jüngsten Stand der Untersuchungen ausgetauscht wurden.

Viele Airlines haben die 737 Max vorausschauend bereits aus dem Sommerflugplan genommen. Was sie viel Geld kostet, da sie just in der Hauptreisezeit, wenn sie am meisten verdienen, nicht so schnell Ersatz finden.

 

Airbus profitiert

Die Krise von Boeing, die den Konzern früheren Angaben zufolge rund eine Milliarde Dollar kosten dürfte, kommt dem europäischen Rivalen Airbus zupass. Bei der weltgrößten Luftfahrtmesse in Paris vor einer Woche sammelte Airbus deutlich mehr Aufträge ein als Boeing. Wobei sich der neue kleine Langstreckenjet A321XLR als Verkaufsschlager erwies. Für die 737 Max gab es nur eine Absichtserklärung für 200 Maschinen von British Airways – die Order will Airbus den Amerikanern aber noch abluchsen, bevor sie fixiert ist. (eid/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2019)