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Wirtschaftskriminalität: Leben unter dem Damoklesschwert

Wirtschaftskriminalitaet Leben unter Damoklesschwert
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Typisch: Alle regen sich über die lahme Justiz auf. Aber für die ewig Verdächtigten ist das Leben auch nicht einfach, echt nicht. Wobei sich mancher erstaunlich gut mit seinem Schicksal arrangiert hat.

Wo ist André Rettberg? Und vor allem: Was macht er so? Seine Anwältin Elisabeth Rech kann nicht wirklich weiterhelfen: „Da bin ich überfragt“, sagt sie. „Ich habe Herrn Rettberg schon länger nicht gesehen.“

Im Gefängnis ist der frühere Chef der 2001 pleitegegangenen Buchhandelskette Libro jedenfalls nicht. Zwar wurde Rettberg Ende 2008 an einer „Nebenfront“ der Libro-Affäre wegen betrügerischer Krida zu drei Jahren Haft verurteilt, acht Monate davon unbedingt. Anfang 2009 wurde allerdings Haftaufschub beantragt und gewährt. Damals wurden familiäre und wirtschaftliche Gründe angegeben – auch ein André Rettberg muss sich schließlich seinen Lebensunterhalt verdienen.

Der Aufschub ist nun im Februar abgelaufen. Doch das hat für Rettberg keinerlei Bedeutung: Seine Anwältin hat einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt – erraten: „Weil neue Beweise aufgetaucht sind.“ Dem Antrag wurde stattgegeben.

Jetzt müssen diese Beweise einer eingehenden Prüfung unterzogen werden, was wiederum Monate dauern wird. Kein Problem für Rettberg: Sein Haftaufschub gilt so lange.

Verzögerungstaktik vom Feinsten. Und die hat sich in der Causa Libro generell bestens bewährt. Der Hauptprozess ist immer noch weit davon entfernt, terminlich fixiert zu werden. Viele, viele Jahre hat die Justiz in der Angelegenheit ermittelt, mehrere Gutachten wurden erstellt, bis die Sache im Herbst 2009 endlich reif für eine Anklage war. Doch zwei der insgesamt fünf Beschuldigten haben Einsprüche geltend gemacht. Und damit liegt die Sache wieder beim Oberlandesgericht Wien.

Wenn es um mutmaßliche Wirtschaftskriminalität geht, ist in Österreich halt ein Höchstmaß an Geduld gefragt. Nicht nur in der Causa Libro, wohlgemerkt. Die spektakuläre Pleite des Internethauses Yline vom Jahre 2001? Da wird immer noch ermittelt. Die Causen Immofinanz und Meinl? Detto. Die Affäre um den Lobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly? Dauert.

Das ist alles sattsam bekannt. Aber wie ergeht es derweil den Verdächtigen (für die allesamt die Unschuldsvermutung gilt)? Wie lebt es sich unter dem juristischen Damoklesschwert?

„Es ist nicht superangenehm, aber auch keine große Beeinträchtigung“, sagte einst Rettbergs Anwalt Elmar Kresbach der „Presse“. Was wohl heißen soll: Alles ist besser, als vor Gericht zu stehen.

Für Rettberg ist es demnach angenehmer, sich mit Beraterjobs im Einzelhandel über Wasser zu halten. Selbst wenn der Erfolg überschaubar sein dürfte: Jahrelang sind Freunde bei der Bezahlung seiner Anwaltshonorare eingesprungen. Mittlerweile musste er sich trotzdem vom teuren Top-Anwalt Kresbach trennen.

Möglicherweise hat Rettberg aber sein wirtschaftliches Fortkommen auch nur falsch angepackt. Was man Karl Petrikovics sicher nicht vorwerfen kann. Der ist zwar seinen lukrativen Job als Chef der Immofinanz-Gruppe los und harrt der juristischen Dinge. Im Immobilienbusiness ist er aber nach wie vor recht umtriebig. Schon zu Immofinanz-Zeiten hat er privat mit seiner KPE Liegenschaftshandels GmbH („KPE“ steht für Karl Petrikovics) in Immobilien und Bauherrenmodelle investiert. Jetzt hat er seine Söhne mit ins Boot geholt und dazu auch noch die STF Immobilienhandels GmbH gegründet.

Leben kann er davon offenbar recht gut: Seine Hietzinger Villa bewohnt Petrikovics immer noch. Da kann sich die Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue und der Bilanzfälschung ruhig noch mehr Zeit lassen.

Auch der frühere Yline-Chef Werner Böhm hat wohl nichts gegen den Müßiggang der Justiz. „Ich warte, was da kommt, und hoffe, dass nichts herauskommt“, sagte er vor Jahren in einem Interview. Seit Anfang 2002 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn, und derweil ist Böhm seinem Metier treu geblieben: Der Konkursrichter ist sein ständiger Begleiter.

Zunächst, nach der Yline-Pleite, hat sich Böhm als Buchautor verewigt. „Geld, Macht & Ehre“ heißt sein Œuvre, Untertitel: „Wirtschaftliche Grenzgänger und ihr Erbe“. Danach hat Böhm akribisch seine eigenen Grenzen ausgelotet: Als Direktmarketing-Unternehmer ist er jedenfalls baden gegangen. Seine Firmen Hans Pressel Direct Mail Services, Hans Pressel Beteiligungs GmbH und die Lemongrass Agentur für Direktmarketing sind alle in die Insolvenz geschlittert. Geblieben ist ihm die MEXX Media Business Services AG, die „Dienstleistungen im Bereich Medien und Informationstechnologie“ anbietet.

Aber was soll's: Das Leben geht bekanntlich weiter, und irgendwie muss man sich halt durchg'fretten, solange ermittelt wird. Auch wenn es oft echt hart ist.

Alfons Mensdorff-Pouilly bemüht sich sehr, Haltung zu bewahren. Bei Society-Events wird der „Graf“, gegen den seit 2007 wegen Bestechung, Geldwäsche und Betrugs ermittelt wird, immer wieder gern gesehen. Lustig soll er sein wie eh und je – und deshalb werden wohl die Jagdausflüge, die er im burgenländischen Luising anbietet, nach wie vor gerne von etlichen Promis gebucht. Am Hungertuch nagt er also offenbar nicht, „Graf Ali“ leistet sich gerade eine Jagdsafari in Afrika.

Wiewohl die Geschäfte schon einmal besser gelaufen sind. Mensdorffs Haupttätigkeit ist die „internationale Managementberatung“ – im gewöhnlichen Sprachgebrauch auch „Lobbying“ genannt. Bei seiner MPA Handelsges.m.b.H. allerdings „ergeben sich jetzt weniger Geschäftsmöglichkeiten als vor drei Jahren“, heißt es dort. Es sei aber „schwer zu sagen, ob der Grund dafür die Ermittlungen sind, da die Wirtschaftskrise zeitgleich begonnen hat“. Einen Lichtblick gebe es aber: „Trotz der unzähligen Vorverurteilungen der Medien genießen wir nach wie vor das Vertrauen unserer langjährigen Kunden.“

So viel Fortune hätte Julius Meinl auch gern. Seitdem ihm der Staatsanwalt auf den Fersen ist, fühlt sich Meinl in der Wiener Gesellschaft eher nicht so wohl, weshalb er oft in London weilt. Und wirtschaftlich hat er auch schwer zu tragen: Von den privaten Meinl-Bank-Kunden wurden bereits 250 Millionen Euro abgezogen. Die von Institutionellen verwalteten Vermögen haben sich von vier auf zwei Milliarden Euro halbiert.

Das tut natürlich weh. Aber für eine ganze Armee an Rechtsanwälten reicht es immer noch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2010)