Syrien

Türkische Offensive: Tausende Menschen auf der Flucht

Syrische Zivilisten fliehen nach den Bombardierungen der türkischen Armee auf die Stadt Ras al-Ain.AFP

Die Angriffe der Türkei in Nordsyrien haben mindestens 15 Menschenleben gefordert, tausende Zivilisten sind auf der Flucht. Während die Offensive internationale Kritik auslöst, macht US-Präsident Trump einen skurrilen Vergleich mit der Landung der Alliierten in der Normandie.

Die Türkei hat nach Luftangriffen und Artilleriefeuer gegen kurdische Milizen in Nordsyrien nun auch mit einer Bodenoffensive begonnen. Das gab das türkische Verteidigungsministerium in Ankara bekannt. In einem Tweet des Verteidigungsministeriums in Ankara vom frühen Donnerstagmorgen hieß es, "die heldenhaften Soldaten" rückten mit der "Operation Friedensquelle" im Osten des Flusses Euphrat weiter vor.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete heftige Kämpfe zwischen türkischen Truppen und Einheiten der von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am Eingang und in der Umgebung der Stadt Tal Abyad nahe der türkischen Grenzstadt Akcakale.

Dabei soll die türkische Armee auch die Umgebung eines Gefängnisses beschossen haben, in dem die "gefährlichsten Jihadisten" der IS-Terrormiliz festgehalten würden, heißt es von der SDF. Die SDF-Truppen hatten bei ihren Operationen gegen die Extremisten Tausende IS-Anhänger gefangen genommen. In den ersten Stunden der türkischen Angriffe waren nach Angaben von Aktivisten mindestens 15 Menschen getötet worden. Unter den acht zivilen Opfern seien auch zwei Kinder.

Rauch über der Stadt Tal Abyad.APA/AFP/BULENT KILIC

UNHCR warnt vor neuer Fluchtbewegung

Die Offensive hat nach Augenzeugenberichten die Flucht Tausender Menschen ausgelöst. Massen von Zivilisten würden die Stadt Tel Abyad verlassen. Auch aus der ebenfalls unmittelbar an der Landesgrenze gelegenen Stadt Ras al Ain flohen Tausende Menschen. Der Repräsentant des UN-Flüchtlingshilfswerks in Deutschland, Dominik Bartsch warnte im Interview mit der „Welt“, dass "erneute Kampfhandlungen zu neuen Fluchtbewegungen und neuer Vertreibung innerhalb Syriens führen werden“. Bartsch betonte zudem, dass die "Ressourcen der humanitären Akteure in und um Syrien im neunten Kriegsjahr längst am Limit" seien.

Ziel der vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angekündigten Offensive ist die kurdische YPG-Miliz. Sie kontrolliert auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Ankara will entlang der Grenze eine sogenannte Sicherheitszone einrichten und dort auch syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben.  Erdogan meinte, er wolle einen "Terror-Korridor" an der südlichen Grenze der Türkei auslöschen und in dem Gebiet Frieden schaffen.

Kurdische Demonstranten in Straßburg.APA/AFP/FREDERICK FLORIN

Trump: „Sie werden nach Europa fliehen“ 

Die Offensive löste international scharfe Kritik aus. Senatoren im US-Kongress bereiteten eine parteiübergreifende Resolution für Sanktionen gegen die Türkei vor. Der Entwurf sieht unter anderem vor, dass etwaiger Besitz Erdogans, des türkischen Vizepräsidenten und mehrerer Minister in den USA eingefroren würde. Außerdem würden Visabestimmungen für die politische Führung des Landes verschärft. Am Donnerstagvormittag (Ortszeit) will sich zudem der UN-Sicherheitsrat in New York mit dem Vorgehen der Türkei beschäftigen.

Möglich wurde die Offensive durch den von Trump angeordneten Abzug von US-Soldaten aus der Region. Die YPG-Miliz war ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen die IS.

Mit einem gewagten historischen Vergleich hat US-Präsident Donald Trump den Abzug von US-Soldaten aus Nordsyrien verteidigt: Die jetzt von einer türkischen Militäroffensive betroffenen Kurden hätten die USA schließlich nicht im Zweiten Weltkrieg und bei der Alliierten-Landung in der Normandie 1944 unterstützt.

Zu den Vorhaltungen, einige inhaftierte Kämpfer des IS könnten im Chaos der türkischen Angriffe entkommen und woanders eine Bedrohung darstellen, spielte Trump eine Gefahr für sein Heimatland herunter: "Nun, sie werden nach Europa fliehen. Dort wollen sie hin.“

(Reuters/AFP/APA)