Aufsichtsräte

„Integrität des Aufsichtsrats ist am schwierigsten zu überprüfen“

Ein Aufsichtsrat muss ein Alleskönner sein, so der Grundtenor beim ÖBAG-Forum.
Ein Aufsichtsrat muss ein Alleskönner sein, so der Grundtenor beim ÖBAG-Forum.ÖBAG/APA

Die Zeit, in denen nur betagte Herren in den Kontrollgremien von Staatsbetrieben zu finden waren, ist wohl vorbei.

Wien. Der Aufsichtsrat muss heute viel mehr können als vor 15 oder 20 Jahren. Darüber waren sich alle Sprecher, Diskutanten und Gäste des ersten ÖBAG-Forums „Der Aufsichtsrat in der Praxis“ vergangene Woche einig.

Gut so, denn vor nicht allzu langer Zeit war vielen Aufsichtsräten so gar nicht bewusst, dass ein Aufsichtsratsmandat kein prestigeträchtiges Hobby, sondern eine ernst zu nehmende Aufgabe ist, die Kompetenz, Einsatz und Zeit erfordert. Dementsprechend dilettantisch funktionierten viele Kontrollorgane. In der Wahrnehmung von Eva Dichand, Herausgeberin der Tageszeitung „Heute“, waren Aufsichtsratsmitglieder – vor allem in staatlichen Unternehmen – nur ältere Herren. „Und zwar immer nur dieselben fünf oder sechs. Vor einigen Jahren haben wir erhoben, dass von den damals 197 Aufsichtsräten von ATX-Unternehmen nur sechs Frauen waren. Heute ist die Zahl ein wenig höher.“

Dichand selbst ist seit Mai 2018 Vorsitzende des Universitätsrats der Medizinischen Uni Wien. „Dazu habe ich mich überreden lassen. Und es ist deutlich mehr Arbeit, als ich gedacht habe, wenn man sich wirklich einbringt.“ Der hohe zeitliche Aufwand und die im Verhältnis viel zu geringe Entlohnung seien auch der Grund, weshalb so viele geeignete Menschen nicht bereit seien, ein Aufsichtsratsmandat zu übernehmen, sagt sie. Jüngere Manager haben dafür einfach nicht die Zeit. Denn während es früher gang und gäbe gewesen sei, dass sich Aufsichtsräte erst zehn Minuten vor der Sitzung den anstehenden Agenden widmeten, um dann kurz darauf alles abzunicken, sei das heute nicht mehr möglich, weiß Dichand.

Ein Blick in die Aufsichtsräte multinationaler Unternehmen zeigt, dass sich einiges geändert hat. Heute sitzen dort keine betagten Frühstücksdirektoren mehr, sondern weibliche und männliche Experten jeden Alters und aus aller Welt. Diversität, davon sind ebenfalls alle Anwesenden überzeugt, ist für die Qualität eines Boards entscheidend. Denn neben der Kontrolle der Ergebnisentwicklung und der Rechnungslegung zählen die Beratung des Managements in strategischen Fragen und Personalangelegenheiten des Vorstands zu den wichtigsten Aufgaben des Aufsichtsrats. „Es liegt auf der Hand, dass nicht jedes einzelne Mitglied alles abdecken kann“, sagt Willi Schoppen vom US-amerikanischen Beratungsunternehmen Spencer Stuart.

Mut zum Widerspruch?

Ihm kam bei all den Gesprächen über die Qualität von Aufsichtsräten ein Aspekt beim ÖBAG-Forum zu kurz: „Die Integrität ist eine der wichtigsten Voraussetzungen. Aber genau sie ist am schwierigsten zu überprüfen.“ Schoppen betont damit, was eigentlich selbstverständlich sein müsste. Nämlich, dass der Aufsichtsrat ausschließlich im Interesse des Unternehmens und nicht in seinem eigenen oder dem eines anderen handeln muss. „Genauso hat der Aufsichtsrat darauf zu achten, dass ein Vorstand nicht auf dem Egotrip ist und sich nur mehr selbst verwirklichen will. Mut zum berechtigten Widerspruch ist daher essenziell.“ (hec)[PW278]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2019)