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Der ökonomische Blick

Warum Österreich mehr Risikokapital braucht

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APA/HARALD SCHNEIDER

Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Christian Keuschnigg über einen „österreichischen Wachstumsfonds“.

Innovative Start-ups müssen Neues wagen. Viele scheitern nach wenigen Jahren. Die Erfolgreichen erneuern die Wirtschaft und erobern die Märkte auf der ganzen Welt.

Ohne Risiko geht gar nichts. Aber die meisten wollen Sicherheit. Die Sparer wollen das mühsam Ersparte in Sicherheit wissen und verzichten gerne auf höhere Renditen. Die Banken müssen auf die Sicherheit der Spareinlagen achten und wollen ihre Kredite zu einem festen Zins möglichst sicher zurückhaben. Die Arbeitnehmer wollen gute und vor allem sichere Löhne.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Und wer trägt das Risiko? Ein Land, das Wachstum mit Sicherheit verbinden will, braucht nichts dringender als risikotragendes Eigenkapital. Risikokapital übernimmt das Risiko, das andere nicht tragen wollen. Innovative Start-ups und die weltweit tätigen Champions sind einem höheren Risiko ausgesetzt und brauchen mehr Risikokapital als andere.

Wir brauchen nicht nur eine dynamisch wachsende, sondern auch eine krisenresistente Wirtschaft. Wenig Eigenkapital bedeutet Überschuldung, und dieses ist das erste Insolvenzrisiko. Zudem ist die Ausstattung mit Eigenkapital die Voraussetzung für eine hohe Kreditfähigkeit und damit für weitere Kredite, die das Wachstum finanzieren.

Es genügt nicht, das Eigenkapital mit einbehaltenen Gewinnen anzusparen. Das dauert viel zu lange und bremst das Wachstum der innovativen Unternehmen. Da hat die Konkurrenz schon längst die lukrativen Marktanteile besetzt. Innovative Unternehmen mit hohem Potential müssen schnell sein, rasch wachsen und brauchen Risikokapital von außen. Die Großen holen es sich über die Börse, die Kleinen von den Beteiligungsgesellschaften. Die Akteure sind in Top-Form, allein es fehlt das Volumen.

Österreich braucht mehr Risikokapital

Wenn Österreich zu einem führenden Innovationsland aufsteigen will, braucht es mehr Risikokapital. Wenn es die Krisenrobustheit ausbauen und den Menschen mehr Sicherheit bieten will, braucht es ebenfalls mehr Risikokapital. Ganz Europa liegt weit hinter den U.S.A. zurück. Aber Österreich ist in der Bedeutung der Kapitalmärkte sogar innerhalb Europas weit abgeschlagen. Das ist mit den Notwendigkeiten eines innovativen Landes in unserer Liga nicht vereinbar.

Im wichtigsten Bereich der Wagnisfinanzierung (Venture Capital) ist der Rückstand besonders groß. Wagnisfinanzierung ist auf das innovativste und riskanteste Segment der Start-up Finanzierung spezialisiert und kann helfen, zwei Hindernisse zu beseitigen: Mangel an risikotragendem Eigenkapital und Managementdefizite. Die Folgen sind ungenutzte Wachstumschancen und vermeidbares Scheitern. Wagnisfinanziers bieten Risikokapital und strategische Beratung und Kontrolle aus einer Hand. Sie wählen unter vielen Projekten die erfolgversprechendsten aus und trimmen sie auf Wachstumskurs. Damit treiben sie den Strukturwandel voran und stärken innovatives Wachstum und Beschäftigung.

Der Ausbau des heimischen Kapitalmarkts und bessere Rahmenbedingungen für Wagniskapital haben höchste Priorität. Doch wie soll es gehen? Eine einzelne Initiative reicht nicht. Das WPZ hat dazu ein Zehn-Punkte-Programm entwickelt, das von der Beseitigung der steuerlichen Diskriminierung des Eigenkapitals, dem Insolvenz- und Kapitalmarktrecht bis zur Errichtung eines österreichischen Wachstumsfonds reicht.

Das Problem ist, dass die Wagniskapitalfonds zuerst sich selbst Kapital von Pensionskassen, Versicherungen, Banken und anderen Investoren beschaffen müssen, bevor sie es in Start-ups investieren können. Doch diese halten sich zurück, weil sie wenig Risiko eingehen und lieber in Triple A Anlagen investieren. Am ehesten kann ein Dachfonds, ein österreichischer Wachstumsfonds, helfen. Dieser beschafft zentral das notwendige Kapital und investiert es dann in etwa zehn private Fonds, die das eigentliche Beteiligungsgeschäft mit Start-ups betreiben.

Abbildung: Der österreichische Wachstumsfonds
Abbildung: Der österreichische WachstumsfondsChristian Keuschnigg

Der Dachfonds kann das Kapital mit vor- und nachrangigen Anleihen beschaffen. Vorrangige Anleihen werden im Insolvenzfall zuerst bedient, sind daher sehr sicher und auch für Pensionskassen, Versicherungen und andere risikoscheue Investoren interessant. Allfällige Verluste werden nämlich vom nachrangigen Kapital getragen. Wenn der Staat eine Verlustgarantie für nachrangige Anleihen gibt, sind auch diese so gut wie Triple A und für risikoscheue Kapitalgeber interessant. So kann es gelingen, mehr Wagniskapital in einem wenig kapitalmarktfreundlichen Umfeld zu mobilisieren.

Wenn sich der private Dachfonds etabliert hat, kann der Staat auch eine Garantiegebühr verlangen. Dann muss er keine Subvention mehr geben, sondern lässt sich die Haftung zu einem fairen Preis abkaufen. Dennoch kann er mit der Garantie eine Marktbarriere beseitigen und mehr Finanzierungsvolumen für den Wagniskapitalsektor mobilisieren. Schon jetzt vergibt der Staat Exportgarantien mit einem Haftungsvolumen von etwa 26 Mrd. Euro. Ein Haftungsvolumen von nicht einmal 100 Mio. Euro könnte 1 Mrd. neues Wagniskapital ermöglichen, um mit innovativen, wagnisfinanzierten Start-ups die nächste Generation von Exporteuren heranzuzüchten.

Der Autor

Christian Keuschnigg ist Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und leitet das Wirtschaftspolitische Zentrum WPZ in Wien. Mehr auf www.wpz-fgn.com.

Christian Keuschnigg
Christian KeuschniggWilke

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