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Das Freud'sche Vermächtnis

Sigmund Freud ist der Begründer der Psychoanalyse. Viele seiner Theorien aus den 1920ern wirken heute veraltet und absurd. Vergessen sind sie aber nicht.

Freudianer oder nicht – kaum ein Wissenschaftler ist in seinem Fach derart umstritten und polarisiert so stark wie Sigmund Freud. Der Neurologe und Psychologe ist der Begründer der Psychoanalyse, bis heute werden seine Thesen und Methoden, die vor allem auch in den 1920er-Jahren ihren Ausgang nahmen, gelehrt und kontrovers diskutiert.

Wien, wo er 47 Jahre gelebt und gearbeitet hat, bescherte er dadurch den Ruf als einer der Welthauptstädte für Psychologie und Psychiatrie. Zu den sichtbaren Spuren zählen unter anderem die Sigmund-Freud-Privatuniversität im zweiten Bezirk, das Sigmund-Freud-Museum, der Sigmund-Freud-Park mit der Sigmund-Freud-Stele im neunten Bezirk sowie die über Jahrzehnte gewachsene Psychiatrie im Otto-Wagner-Spital im 14. Bezirk, die zuletzt wegen Auslagerungen auf andere Spitäler für Schlagzeilen sorgte.

Und obwohl in der Erinnerung sowie öffentlichen Debatte über Sigmund Freud oft nicht ausreichend zwischen Psychoanalyse, Psychiatrie und der an Universitäten vertretenen Psychologie unterschieden wird, ist sein Name untrennbar verbunden mit allem, was mit psychischen Erkrankungen und Störungen zu tun hat – seit mittlerweile mehr als 100 Jahren.

Erste Ambulatorien in Wien und Berlin

„Aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht sind die 1920er-Jahre vor allem deshalb interessant, weil die Psychoanalyse, also die Psychotherapie, damals große Fortschritte in ihrer Professionalisierung machte“, sagt Gerhard Benetka, Dekan der Fakultät für Psychologie sowie Vorsitzender des Akademischen Senats der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. So wurden in dieser Zeit in Berlin (1920) und Wien (1922) die ersten psychoanalytischen Ambulatorien eingerichtet, die auch zur schrittweisen Formalisierung der Ausbildung führten – mit theoretischen Kursangeboten in einem Curriculum, Lehranalyse und praktischer Ausbildung im Ambulatorium. Weil es damals auch nicht medizinisch ausgebildete Analytiker gab, sogenannte Laienanalytiker, geriet die Psychoanalyse allerdings schnell in ein Spannungsverhältnis mit der Medizin.

Es ging um die Frage des Therapiemonopols, das die Mediziner ausnahmslos für sich beanspruchten. Freud bezog in diesen Debatten Mitte der 1920er-Jahre eindeutig Position für die Laienanalyse.

Konservativer und unpolitischer Mensch

„Freuds Selbstverständnis als Wissenschaftler gehört eigentlich noch ins ausgehende 19. Jahrhundert – in eine Zeit, in der die deutsche, also die deutschsprachige Wissenschaft in ihrer Hochblüte stand“, sagt Benetka. „Das war eine Zeit der großen wissenschaftlichen Entdeckungen. Eine Zeit, in der man aus Freud'scher Sicht noch glauben konnte, dass die Welt als Ganzes durch die Wissenschaft erklärt und verstanden werden kann – auch wenn es, und das gerade auf dem Gebiet des Psychischen, noch viele offene Rätsel zu lösen gab.“

Was die Person von Freud und sein – „von der feministischen Kritik zu Recht zerpflücktes“ – Frauenbild angeht, war er trotz seiner Thesen hinsichtlich sexueller Aufklärung in seiner Lebenshaltung eher konservativ und gleichzeitig unpolitisch. Seine Schriften nahmen an keiner Stelle direkten Bezug auf politische Vorgänge, obwohl sich in seinem Werk sehr wohl politisches Geschehen spiegelt. Beispielsweise in seinem Text über „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ aus dem Jahr 1920, in dem das Phänomen der Massenbildung psychologisch untersucht wird.

Nur eine seiner zahlreichen Schriften, die bis in die Gegenwart Relevanz aufweisen und wohl auch künftig Generationen von Psychologen bzw. Psychiatern beschäftigen dürften. Benetka: „Was von Freud bleiben wird, ist zunächst die Einsicht, dass Wünsche, Intentionen, die uns augenblicklich, also in einer bestimmten Situation nicht bewusst sind, unser Handeln in dieser Situation beeinflussen können.“

Das dialogisches Prinzip bei der Traumdeutung

Das wichtigste Vermächtnis ist aber die Freud'sche Methode, das dialogische Prinzip: Im psychoanalytischen Setting wird in der Interaktion zwischen Patient und Arzt neues Wissen generiert. Die Grundlage der Freud'schen Methode sind die freien Einfälle, etwa in der Traumdeutung. Ein Traum wird in seine Einzelteile zerlegt, der Träumer soll zu jedem Einzelteil frei assoziieren – also alles, was ihm gerade durch den Kopf geht, festhalten bzw. dem Therapeuten mitteilen.

„Vieles von dem, was Freud geschrieben oder gesagt hat, ist aus heutiger Sicht natürlich nicht haltbar“, sagt Benetka. „Sei es, weil es uns als bloß zeitbedingt gültig erscheint oder als schlichtweg falsch.“ Über die Gültigkeit oder Brauchbarkeit der Psychoanalyse sage das aber nichts aus. „Wissenschaft lebt davon, dass sie aus Irrtümern lernt. Was in der Wissenschaft zählt, ist nicht ein einzelner Lehrsatz, sondern immer die Methode, mit der man zur Aufstellung von Lehrsätzen kommt.“

Wie das Fach zum Beruf wurde

Jedenfalls führte die Entwicklung des Fachs in den vergangenen 100 Jahren dazu, dass die Psychologie (und zwar, von Wien ausgehend, im deutschsprachigen Raum – in den USA entwickelte sich die Psychologie in eine andere Richtung) zu einem Beruf wurde. Denn zu Beginn der 1920er-Jahre haben nur einige wenige Psychologen – genauer gesagt Philosophie-Doktoren, die ihre Dissertation über ein psychologisches Thema geschrieben haben – praktisch als Psychologen gearbeitet, etwa im Zuge städtischer Berufsberatungsämter, in denen sie Schüler in Bezug auf ihre berufliche Eignung beurteilen sollten.

Heute arbeiten Psychologen zum einen im klinischen Kontext – in Einrichtungen wie Krankenhäusern, psychiatrischen Kliniken und Rehabilitationskliniken. Zum anderen aber auch in niedergelassenen Praxen in der Diagnostik bzw. der Behandlung von psychischen Störungen, in der Kinder- und Jugendwohlfahrt, der Schule, in wirtschaftlichem Kontext (Personalauswahl und Personalentwicklung), im rechtlichen Bereich (Forensik etwa, auch als Gutachter etwa in familienrechtlichen Fragen) und auf Gebieten, in denen sogenannte Eignungsfeststellungen notwendig sind, beispielsweise bei der Fluglotsen- und Pilotenauswahl.

„Mit der Berufswerdung geht auch eine Änderung öffentlicher Diskurse einher, in denen zunehmend soziale Probleme als psychologische identifiziert und bezeichnet werden, etwa die Thematisierung von Arbeitsleistung“, sagt Benetka. „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das noch eine moralische, zu Beginn der 1920er-Jahre schon eine psychologische Frage, die im Übrigen die Eignungspsychologie zu beantworten hatte. Heute ist das eher eine Frage, auf die die Motivationspsychologie Antworten verspricht.“

Neue Krankheitsbilder

Nicht nur die Behandlungsmethoden, auch die zu behandelnden Krankheitsbilder haben sich in den vergangenen 100 Jahren verändert. „Tatsächlich scheinen sich psychische Krankheiten bzw. Störungen in einem zeitbedingten Jargon zu äußern“, sagt Benetka. „Gerade am Krankheitsbild der Hysterie, an dem die Psychoanalyse ja ursprünglich entwickelt wurde, ist das offensichtlich.“

So sind die klassischen Formen der Konversionsneurose, also der Umwandlung eines psychischen Konflikts in körperliche Symptome wie Lähmungen, die für das Zeitalter der modernen Nervosität Anfang des 20. Jahrhunderts typisch waren, heute eher selten und wurden durch andere Symptome ersetzt. Dabei sind die Zusammenhänge mit sozialen Veränderungen nicht zu übersehen, etwa bei den – vor allem auch von der neueren Psychoanalyse thematisierten – narzisstischen Störungen im tendenziell individualistischen Selbstverständnis westlicher Gesellschaften. Ein Zusammenhang besteht auch zwischen der Ideologie des Selbstmanagements (jeder hat sein eigenes Selbst in der Art eines Unternehmens zu entwickeln, zu „managen“) mit allgemeinen Erschöpfungszuständen, Burn-out und Depressionen.

Soziale Faktoren und Rolle der Politik

Bei anderen Krankheitsbildern ist die Zunahme an Diagnosen schwieriger zu erklären: etwa bei Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom) und bei Störungen aus dem Autismus-Spektrum. „Zwar müssen wir auch hier soziale Umstände berücksichtigen, beispielsweise den Umstand, dass Eltern ihre Kinder immer mehr der Interaktion mit Medien überlassen, aber es gibt auch andere soziologische Faktoren, die die öffentliche Thematisierung bestimmen“, sagt Benetka. „Beispielsweise Interessen der Pharmaindustrie, die Rolle der Politik und von Angehörigenverbänden, sie spielen vor allem bei Autismus eine große Rolle.“

All diese Faktoren würden zur Schärfung der Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Krankheitsbild bei Fachleuten und Laien beitragen. Die gesteigerte Aufmerksamkeit wirke sich auf den Umgang mit den betroffenen, also „auffälligen“ Kindern aus – und führe zu „self-fulfilling prophecies“: „Am Ende steht dann die Ausbildung von regelrechten Modediagnosen.“

Zunehmende Bedeutung der Psychologie

Bleibt die Frage nach der Zukunft der Psychologie: „Ich glaube schon, dass die Bedeutung der Psychologie noch weiter zunehmen wird“, sagt Benetka. „Weniger deshalb, weil psychologische Forschung irgendetwas entscheidend Neues entdecken wird.“ Denn eigentlich habe die Psychologie in den vergangenen Jahrzehnten den Anspruch auf große Erklärungen aufgegeben. Erfolgreich sei sie eher als „praktische Disziplin“, zum Beispiel bei der Einübung sozialer Fertigkeiten, die es Menschen mit psychiatrischen Krankheitsbildern wie Schizophrenie erlaubt, außerhalb von Anstaltsmauern ein sozial integriertes Leben zu führen.

Wenngleich man nicht zu viel erwarten dürfe: „Früher war das größte Missverständnis in der Bevölkerung, dass Psychologen mit Psychiatern verwechselt wurden“, sagt Benetka. „Heute halte ich die überzogenen Erwartungen an die Neurowissenschaften für ein grobes Missverständnis der Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Psychologie.“

Steckbrief

Gerhard Benetka ist Dekan der Fakultät für Psychologie sowie Vorsitzender des Akademischen Senats der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. Er hatte Gastprofessuren für Psychologie an den Universitäten Wien, Innsbruck, Graz und Klagenfurt sowie an der Universität für Humanwissenschaften im Fürstentum Liechtenstein.

Schwerpunkt: Die 20er-Jahre

Zeit für Neues, Zeit der Extreme: Was die 1920er und die 2020er eint und was sie trennt. Dieser Artikel ist Teil eine Schwerpunktausgabe der "Presse am Sonntag" anlässlich des neuen Jahrzehnts.

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