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Indiens Durst nach Milch

Indiens Durst nach Milch
Milchmänner(c) AP (AIJAZ RAHI)

Indien ist der weltweit größte Milchproduzent – weit vor den Vereinigten Staaten von Amerika. Das Vieh verschafft Millionen von Bauern ein geregeltes Einkommen.

Kaliban lehnt unter einem Baum auf ihrem bescheidenen Hof in Devpura. Devpura ist ein Dorf nahe Anand, im Bundesstaat Gujarat, 500 Kilometer nördlich von Bombay (Mumbai). Kaliban trägt einen gelben Sari und macht sich daran, ihre Büffelkuh zu melken. Die zwei Büffel hat sie um 30.000 Rupien (525 Euro) gekauft, sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Einkommen der Familie, von dem allein sie aber nicht leben kann.

Wenn sie mit dem Melken fertig ist, bringt sie die Milchkanne zur Sammelstelle, wo die Milch auf ihren Fettgehalt untersucht wird. Von dort tritt die Milch ihrer Büffel die Reise in die Molkerei der Kooperative Amul an, des größten Molkereiunternehmens Indiens. Rund 150 Rupien, 2,6 Euro, bringt die Milch ein. Amul sammelt das weiße Gold morgens und abends ein und bezahlt die Mitglieder der Kooperative.

Nirgendwo sonst auf der Welt wird mehr Milch produziert: 110 Millionen Tonnen Milch waren es im Jahr 2009. Die USA liegt mit 86 Millionen Tonnen an zweiter Stelle (Österreich: 3,2 Mio. Tonnen). Und im Gegensatz zu den großen Milchproduzenten sind es vor allem Kleinbauern, die sich in Kooperativen organisiert haben, die den Großteil der Produktion stellen. Milch hat in Indien eine besondere Bedeutung: Als Opfermilch, die in Hinduritualen über die Götterfiguren vergossen wird und natürlich als Proteinquelle für die rund 400 Millionen sich vegetarisch ernährenden Inder.

In Gujarat – auf Höfen wie jenem von Kaliban – begann, was in Indien die „Weiße Revolution“ genannt wird. Die Bauern sollten effizienter und produktiver arbeiten, der Staat half den Bauern, ihre Produkte auf den Markt zu bringen. „Operation Flood“ – so heißt das anfangs von der Europäischen Union geförderte Regierungsprogramm – war höchst erfolgreich: In der letzten Dekade wuchs Indiens Milchwirtschaft um vier Prozent, „doppelt so schnell wie im Rest der Welt“, sagt Shri Ravi Shankar von der Nationalen Milchentwicklungsbehörde.

Dabei sinkt der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten stetig. Waren vor 20 Jahren noch 70 Prozent in der Landwirtschaft tätig, sind es heute nur mehr 60 Prozent. CL. Dadhich, Sekretär der Indischen Gesellschaft für Agrarökonomie, meint, dass sich dieser Trend noch beschleunigen wird: „Im Jahr 2015 werden 50 Prozent der Inder in den Städten leben.“

Immer weniger Bauern werden die steigenden Ansprüche einer wachsenden städtischen Mittelschicht zu befriedigen haben. Vegetarier steigen auf Fleischkonsum um, das einst arme Indien holt mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 8,8 Prozent stetig auf. „Vegetarismus ist ein Synonym für den armen indischen Bauern. Moderne Inder wollen sich von diesem Stigma lösen. Nur mehr 40 Prozent der indischen Bevölkerung sind Vegetarier“, sagt Roxanne Davur, Tierschützerin und Gründerin der Organisation „Terra Anima Trust For Animal Welfare“.

Pensionierte Kühe. Doch wie soll der Durst nach Milch gestillt werden? Ravi Shankar und sein Kollege B. M. Vyas, Direktor von Amul, setzen auf Kleinbetriebe, während Agrarökonom Dadhich von Farmen mit bis zu 1000 Kühen träumt. Er weiß, dass dies in einem Land wie Indien schwer zu machen sein wird – trotzdem: Neben dem Fokus auf eine höhere Produktivität der Kuh soll auch die Anzahl der Kühe steigen, sagt er. Dadhich: „Zumindest rund um die Stadt wird es große, mechanisierte Farmen mit neuen Technologien geben. Im Hinterland bleiben die kleinbäuerlichen Strukturen.“

B. M. Vyas, Direktor von Amul, der größten Molkerei Indiens, ist Mitte 40, strenger Vegetarier und hat einen festen Glauben an die heilige Kuh. „Wenn meine Frau keine Vegetarierin wäre, könnte ich nicht mit ihr beisammen sein“, sagt er und lacht.

Doch was passiert mit den alten Kühen, die keine Milch mehr geben? „Da müssen sie die Bauern fragen, ich weiß das nicht.“ Tierschützerin Roxanne Davur glaubt die Antwort zu kennen: „Die Kühe, die auf der Straße stehen, das sind die Pensionisten.“ Sterben die Kühe, dann werden zumindest die Häute zu Leder verarbeitet. Christen und Muslime essen freilich auch Rindfleisch – auch wenn das in konservativen Hindusiedlungen nicht gern gesehen wird. In Bombay hüten dort wohnende steaksüchtige Expats Telefonnummern meist muslimischer Rindfleischdealer wie einen Schatz. Und es bleibt den Fleischfreaks noch ein Schlupfloch: Büffel sind zumindest nicht heilig und Büffelfleisch ist für Fleischfeinschmecker eine Delikatesse.

Billiger als Mineralwasser.Vijay Jawandhia ist Bauer und einer der bekanntesten Agraraktivisten Indiens. Er lebt in Wardha, im Zentrum Indiens, ganz in der Nähe des Sewagram-Ashram, wo Mahatma Gandhi von 1934 bis 1940 sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. „Was ist der Traum eines indischen Bauern?“, fragt Vijay Jawandhia, um sich gleich selbst die Antwort zu geben: „Er will als europäische Kuh wiedergeboren werden. Eine EU-Kuh bekommt am Tag drei Dollar Subventionen, ein indischer Arbeiter muss mit zwei Dollar auskommen. Eine EU-Kuh hat jeden Tag ausreichend zu essen, ein indischer Taglöhner weiß am Morgen nicht, was er am Abend auf den Tisch stellen soll.“

„Die Milchproduktion leistet einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung“, sagt Jawandhia, „da sie unseren landlosen Bauern ein Einkommen verschafft.“ Denn 70 Prozent aller Milchproduzenten seien landlose Kleinbauern, mit ein oder zwei Kühen, der Großteil der Milchproduktion ist unorganisiert. Der Sektor wuchs in einer relativ geschützten und regulierten Wirtschaft – Quoten und hohe Zölle schützten den indischen Markt vor Importen. In den 1990er-Jahren sollte sich das ändern: Die Milchproduktion stieg, doch der Preis verfiel. „Heute bekommt ein Bauer 14 bis 15 Rupien (40 Euro-Cent) pro Liter. Mineralwasser ist mit 20 Rupien pro Liter billiger“, beklagt sich Jawandhia. „Billige Importe aus dem Ausland zerstören die lokale Produktion und reduzieren die Anzahl lokaler Beschäftigter. Wenn es weniger Beschäftigung gibt, nimmt auch die Kaufkraft ab. Also: Bitte, hört damit auf! Wir sind nicht gegen den Handel, wir wollen jedoch einen fairen Handel“, sagt Jawandhia. Gegen die hoch subventionierten Agrarprodukte aus den Westen seien indische Bauern nicht konkurrenzfähig, sagt er.

Für die indischen Konsumenten sind niedrige Nahrungsmittelpreise freilich von Vorteil. Und so schlimm sei die Konkurrenz nicht, meint Agrarökonom Dadhich. „Importe sind wichtig, um den Milchpreis zu regulieren. Denn es müssen sowohl die Interessen der Konsumenten als auch jene der Produzenten berücksichtigt werden.“ Unbegrenzte Milchimporte lehnt Dadhich aber ab: „Es geht auch um Nahrungsmittelsicherheit. Mit 1,2 Milliarden Menschen können wir es uns nicht leisten, von Importen abhängig sein.“ Die Milchimporte haben sich im ersten Quartal 2010 im Vergleich zum vergleichbaren Vorjahreszeitraum vervierfacht.

Supermärkte schießen aus dem Boden. Der indische Nahrungsmittelmarkt ist im Umbruch: In den Städten schießen Supermärkte wie das Grün nach dem Einsetzen des Monsunregens aus dem Boden. Für den indischen Konsumenten bedeuten die moderne Logistik und eine funktionierende Kühlkette frische Waren und eine erweiterte Produktpalette.

In Mahalakshmi, einem zentral gelegenen Viertel in Bombay, befindet sich eine von 500 Reliance-Fresh-Supermärkten, die dem Wirtschaftsmagnaten Mukesh Ambani gehören. Im Kühlregal der Filiale findet sich Milch, Butter, Lassi und Joghurt. Die Butter, die in der Reliance-Filiale in Bombay verkauft wird, stammt von Amul. Das ist jene Kooperative, an die Kaliban, die Bäuerin aus Devpura mit dem gelben Sari, liefert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)