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Corona Briefing Tag 14

Von Corona-Skeptikern und dem neuen Star der Sozialdemokraten

imago images/Viennareport
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Es gibt zwei höchst unterschiedliche Gruppen, die an der Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen immer lauter Zweifel üben.

Guten späten zeitversetzten Morgen! Nennen wir sie höflich die Ausgangsbeschränkungsskeptiker, bzw. Corona-Virus-Skeptiker. Anfangs argumentierten sie mit der Grippe, die jährlich je nach Ausmaß mindestens ein paar Hundert Leben fordere und gegen die sich die meisten nicht impfen ließen. Dann kamen die Toten und Leichenwägen von Bergamo, dann wurde das zur italienischen Ausnahme umgedeutet. Dort seien chinesische Sklavenarbeiter, viele Alte, schlechte Spitäler und Enkel sowie erwachsene Kinder leben noch gerne zu Hause bei den Großeltern. Das stimmt so zwar alles nicht wirklich, zumindest gibt es bisher keine empirischen Beweise, aber irgendwie verliert das Grauen so seinen Bezug zu Österreich. Nach den früh getroffenen, damals harten, heute vergleichsweise nicht so harten Ausgangsbeschränkungen wurde die Wirtschaft plötzlich auch regional hart getroffen. Auf internationaler Ebene war es schon passiert, das Ausbreiten des Virus hatte Aktien und Weltwirtschaft bereits auf Talfahrt geschickt.

Nun werden von nicht wenigen diese Maßnahmen mehr oder weniger deutlich infrage gestellt. Noch vor wenigen Tagen wurde mit dem Beispiel Südkorea argumentiert: Dort wurde das öffentliche Leben nicht derart abrupt gestoppt, sondern mit Tausenden Tests die Ausbreitung einigermaßen in den Griff bekommen. Allerdings waren es nicht nur die Tests, sondern die Konsequenzen aus solchen mit positiven Ergebnissen: Ausforschung jeden Kontakts jedes Infizierten, Einsatz von elektronischen Handfesseln, also Mobil-Telefon-Tracking. Würde man einem südkoreanischen Mediziner oder Regierungsbeamten die Corona-Sage von Ischgl erzählen, er würde sie ins Mittelalter datieren. Nach Südkorea waren Großbritannien und dann die Niederlande die neuen Hoffnungsgebiete, die anfangs auch dem Virus mit liberaler Reaktion begegnen wollten, mittlerweile aber wieder zu einem rigideren Kurs umgeschwenkt sind.

Interessanterweise gibt es zwei höchst unterschiedliche Gruppen, die an der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen immer lauter Zweifel üben. (Es gibt noch eine dritte Gruppe, die der älteren Herren, die immer alles negieren und massiv hinterfragen. Nun vor allem auch, dass sie die gefährdetste Gruppe sind.) Einerseits sind es Betroffene in der Wirtschaft, bei denen sich im schlimmsten Fall gerade die existenzielle Grundlage auflöst. Andererseits herrscht auch mittelinks bei vielen ein diffuses Gefühl vor, Regierungschefs wie Sebastian Kurz nützten die Krise, um die Bevölkerung auf einen etwas autoritären Kurs und einen starken Staat einzustimmen. Und dass die heimische, von Sozialdemokraten errungene Wohlfahrtsmedizin es mit jedem Virus aufnimmt. Gefühle braucht man nicht begründen, aber man kann Zweifel säen. Da hoffen nun manche Publizisten inständig, dass Schweden als einziges Land der Welt mit harmlosen Beschränklungen, viel Laissez Faire und guten Spitälern durchrutscht. Wir wünschen es den Schweden.

Einer der sehr vorsichtig in diese Richtung argumentiert ist Peter Hacker, der das Gesicht des Krisenmanagements in Wien ist. (Nun ist keine Zeit für politische Strategien, aber interessant ist es auf jeden Fall, dass Michael Ludwig diese Dauer-Aufmerksamkeit der Medien nicht für sich nutzt, sondern wenig Monate vor der Wahl immer seinen Gesundheitsstadtrat schickt.)

Hacker spürt man das Unbehagen und den leichten Widerwillen förmlich an, wenn die Rede auf das Krisenmanagement der Regierung Kurz II kommt. Für viele am linken Flügel der Wiener SPÖ war Hacker schon immer der erklärte Favorit in der Stadtregierung, mit Corona scheint er es nun bundesweit zu werden. Das ist klar: Er formuliert als einziger im Land von Anfang an Kritik an der Politik in der Krise, damit hat er ein kleines Monopol. Die bundespolitische Opposition folgte erst später.

Peter Hacker ist ein ganz seltener Typus in der Politik, er hat weder eine echte Hausmacht in der eigenen Partei, noch kümmert er sich um Strukturen oder gar Gepflogenheiten. Und er hat sich eine ganz seltene Angewohnheit bewahrt, die normalerweise in unserer Zeit zu einem raschen Aus führt: Er sagt fast immer, was er sich gerade denkt. Und wenn nicht, dann zeigt er es mit Miene und Körperhaltung. Sein Vorteil ist, dass er vermutlich mehr nachdenkt als die meisten seiner politischen Zeitgenossen. Fachpolitisch gesehen gehört er definitiv in die seltene Gruppe der Nerds. Egal ob er als Drogenkoordinator der Stadt Wien, später als Flüchtlingskoordinator und nun als Gesundheitsstadtrat. Keiner liebt Details so sehr wie Hacker, keiner beschäftigt sich so intensiv damit. Er setzt nicht auf Mikromanagement, es ist schon Molekularmanagement.

Weitere Eigenschaft, die bei Hacker nun wieder zum Vorschein kommt: Er packt immer selber an, das Attribut „hemdsärmelig“ lebt er. Wenn er etwa sagt, dass er keine Zeit habe im Krisenstab der Bundesregierung zu sitzen, ist das wahr und nicht besonders professionell zugleich. Er suggeriert, dass im Krisenstab nur geredet und Presskonferenzen vorbereitet werden.

Weitere Kehrseite der Hacker-Medaille: Ähnlich wie einst Alfred Gusenbauer lässt er einerseits ungerne eine Pointe aus, auch wenn es einen Parteifreund kostet. Zweitens teilt er das Wissen um die eigene Intelligenz gerne mit seinem Umfeld und allen sozialen Kontakten. Soll heißen: Er ist keineswegs arroganter als andere Politiker, man merkt es nur leichter. Eins steht fest: Peter Hacker wird noch eine besondere Rolle im Wiener Wahlkampf spielen – vielleicht sogar in der Bundespolitik. Das schließt er natürlich vehement aus, aber zum Abenteuer in der Wiener Stadtregierung hat er sich dann doch überreden lassen. Wir werden ihn noch am begeisterten Falter-Cover sehen.

Ja, ich kann auch Sozialdemokraten loben.

Und jetzt noch bitte eine wichtige Werbedurchsage: Wir haben die elfte Jubiläumsausgabe der Presse am Sonntag produziert, die dank großartiger Interviews und Begegnungen wirklich der interessanteste Lesestoff wurde, den Sie heute bekommen können. Mehr geht in einer solchen Situation publizistisch nicht.

Bis morgen, wenn wir mehr über die Corona-Zahlen Österreichs wissen.

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