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Darf man erst wieder reisen, wenn es einen Impfstoff gibt?

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Weltweit forschen tausende Wissenschaftler nach einem Impfstoff. Experten zufolge dürfte es diesen in ausreichender Menge frühestens in einem Jahr geben.(c) APA/AFP (DOUGLAS MAGNO)
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"Die uneingeschränkte Reisefreiheit, wie wir sie gekannt haben, wird es nicht geben, solange es keinen Impfstoff gibt", sagt Sebastian Kurz. Die Opposition sieht nun die Reisefreiheit in Gefahr.

51 Prozent der Menschen in Österreich vermissen das Reisen, ergab eine Gallup-Umfrage, die am Sonntag veröffentlicht wurde. Bis sie aber wieder reisen dürfen, könnte es noch lange dauern: Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sagte in einem Interview mit den Bundesländerzeitungen (Sonntagsausgabe): „Solange es keine Impfung oder keine wirksamen Medikamente gibt, wird uns diese Krankheit begleiten. So lange wird es auch die uneingeschränkte Reisefreiheit, wie wir sie gekannt haben, nicht geben.“

Heißt das, man darf bis dahin nicht mehr ins Ausland fahren oder Menschen nach Österreich reisen dürfen? Der Kanzler kann sich nicht jedenfalls vorstellen, „dass wir in Österreich diese Krankheit besiegen und sie dann fahrlässig aus anderen Ländern wieder importieren“. Wie die „Zeit im Bild“ aus dem Bundeskanzleramt erfuhr, soll es aber kein generelles Reiseverbot geben, sondern Beschränkungen sollen für Risikoländer gelten, die erst definiert werden müssten.

Reisewarnungen für Risikogebiete

Auch Außenminister Alexander Schallenberg vertrat am Sonntag eine ähnlich restriktive Linie: „Selbst wenn wir dem Coronavirus in Österreich Herr geworden sind, werden wir nicht unmittelbar zu uneingeschränkter Reisefreiheit zurückkehren können." Man müsse davon ausgehen, „dass einige Länder noch länger brauchen werden, um das Virus unter Kontrolle zu bekommen und daher weiterhin als Risikogebiete gelten werden" meinte Schallenberg. "Davor müssen wir uns alle schützen." Im Außenministerium werde man die Reisewarnungen auch in Zukunft laufend der Gefahrenlage anpassen.

Die offenen Grenzen Europas wieder zu gewährleisten, nannte Kurz in dem Interview mit den Bundesländerzeitungen als langfristiges Ziel, warnt aber: „In dieser Ausnahmesituation darf man auf keinen Fall voreilig falsche Schritte setzen."

Sorge um Reisefreiheit

Freiheitliche und die Neos sorgen sich nun aber um die Reisefreiheit für Österreicher. "Schockiert" über die Aussagen zeigte sich der stellvertretende Neos-Klubobmann und Gesundheitssprecher Gerald Loacker. "Laut Experten dauert es bis zur Impfung noch mindestens ein Jahr", meinte er. "Eine völlige Abschottung Österreichs bis 2021 ist absolut unvorstellbar - aus persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Gründen."

Nicht weniger besorgt zeigte sich auch FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl. Er ortet in den Aussagen des Bundeskanzlers eine "DDR-Geisteshaltung, die man in Europa längst überwunden glaubte".

Weltweites Warten auf Impfstoff

Vor „importierten Fällen“, von denen Kurz spricht, gibt es auch in anderen Ländern Angst. Südkorea musste die Öffnung der Schulen verschieben, weil die Fallzahl wieder gestiegen war. China setzte geplante Lockerungen der Beschränkungen wegen des Virus aus.

Auch Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza sagte in der Zeitung "La Repubblica“: „Unsere Aufgabe ist es, die Bedingungen zu schaffen, um mit dem Virus leben zu können", zumindest bis ein Impfstoff entwickelt sei. Es sei zu früh, um sagen zu können, wann die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder aufgehoben werden können. Und manche der Maßnahmen müssten wohl beibehalten werden.

Weltweit arbeiten derzeit hunderttausende Wissenschaftler an neuen Behandlungsmethoden und forschen nach Impfstoffen. Wann sie einen Durchbruch erzielen werden, lässt sich derzeit schwer abschätzen.

Nach Einschätzung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) könnte es mindestens ein Jahr dauern, bis ein Impfstoff zugelassen ist und in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Die us-amerikanischen National Institutes of Health, mit denen die Biotech-Firma Moderna, die als einer der Hoffnungsträger in der Impfstoff-Forschung gilt, kooperiert, gehen davon aus, dass es ein bis eineinhalb Jahre bis zu einem anwendbaren Impfstoff dauern wird.

>> Interview in der „Kleinen Zeitung"

(her/APA/dpa)