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Austria's Most Wanted

Tibor Foco seit einem Vierteljahrhundert auf der Flucht

Tibor Foco auf der Anklagebank.
Tibor Foco auf der Anklagebank.(c) APA (Rubra)
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Am 27. April 1995 gelang dem Ex-Rennfahrer, der als Zuhälter Fuß fassen wollte und eine Prostituierte ermordet haben soll, die Flucht. Tibor Foco droht im Fall seiner Ergreifung weiterhin lebenslange Haft. Zweifel an seiner Schuld bestehen.

Der Fall Tibor Foco zählt mit Sicherheit zu den spektakulärsten der österreichischen Kriminalgeschichte: Manche halten ihn für ein Justizopfer, andere für einen intelligenten Kriminellen. Als im März 1986 in Linz nahe der Westbahn eine Prostituierte erschossen wurde, die man zuvor schwer misshandelt hatte, geriet sofort der Ex-Rennfahrer, der als Zuhälter Fuß fassen wollte, in Verdacht.

Er wurde angeklagt, leugnete den Mord aber stets. Eine für ihn arbeitende Prostituierte sagte in der Verhandlung aus, er und sein angeblicher Komplize hätten sie unter Bedrohung ihres eigenen Lebens gezwungen, das Opfer zu erschießen. Foco wurde schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt, sein Komplize zu 18 Jahren.

Unmittelbar nach der Verurteilung 1987 nahm Foco den Kampf um eine Revidierung des Urteils auf und begann im Gefängnis Jus zu studieren. 1995 nutzte er dann am 27. April einen Studienausgang an die Linzer Johannes Kepler Universität für die Flucht. Dabei hatte er Hilfe: Insgesamt acht Personen wurden 1998 vom Landesgericht Linz wegen Befreiung eines Gefangenen zu bedingten Haftstrafen zwischen drei und acht Monaten verurteilt.

Zweifel an Focos Schuld

Tatsächlich blieben immer Zweifel an dem Fall: Die Kronzeugin widerrief ihre Aussage später und behauptete, sie habe sie unter Druck der Polizei gemacht. Auch Geschworene aus dem Verfahren erklärten später öffentlich, sie seien irregeführt worden.

Focos angeblicher Komplize jedenfalls hatte - nachdem er bereits fünf von seinen 18 Jahren abgesessen hatte und Foco längst über alle Berge war - mit seinem Wiederaufnahmeantrag Erfolg. Sein Prozess wurde im September 1996 wiederholt und endete mit einem Freispruch. In der Folge wurde auch das Urteil gegen Tibor Foco am 28. Februar 1997 aufgehoben und der gesamte Fall nochmals aufgerollt. Im Juli 2000 erhob die Staatsanwaltschaft Linz neuerlich Anklage gegen ihn. Allerdings gab es mangels Angeklagtem keinen Prozess.

Da die letzten Fotos des mittlerweile 64-Jährigen aus der Zeit zwischen 1986 und 1993 - damals war er in den 30ern - stammen, hat das Bundeskriminalamt mittels eines Aging-Programms Bilder erstellt, die zeigen, wie Foco heute aussehen könnte. Außerdem sind auf der Fahndungsseite des Bundeskriminalamts Stimm- und Handschriftenproben "als unveränderliche Merkmale einer Person" abrufbar.

Foco droht weiterhin lebenslange Haft

Würde Tibor Foco gefasst werden oder sich stellen, würde der Mordprozess gegen ihn wohl in Linz wiederholt werden. Ungewöhnlich an dem Fall ist, dass die Strafdrohung - zumindest formal - nach wie vor lebenslang lauten würde, obwohl die Tat bereits 34 Jahre zurückliegt, wie Richard Soyer, Rechtsanwalt und Strafrechtsprofessor an der Johannes Kepler Universität Linz, erklärt.

Durch die rechtskräftige Mordanklage und einen internationalen Haftbefehl sei mit einiger Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass er im Fall einer Festnahme im Ausland nach Österreich ausgeliefert würde, erwartet Soyer, "und er würde dann wohl in U-Haft genommen werden". Ein etwaiges Freies Geleit hingegen könnte der Beschuldigte selbst beantragen. Entscheiden würde darüber das Justizministerium. "Ich würde nicht ausschließen, dass ihm das gewährt wird", meinte der JKU-Professor, "aber da müsste er von sich aus tätig werden", solange er in Freiheit ist.

Foco war bereits zweimal von der Justiz Freies Geleit angeboten worden, er hat es aber nicht angenommen. Dass sich Foco so lange schon dem Verfahren entzieht, müsse Soyers Einschätzung nach nicht zwingend daran liegen, dass er schuldig sei. Möglicherweise habe dieser einfach jedes Vertrauen in die Justiz verloren. Schließlich gab es in dem Fall, wie erwähnt, allerlei ungewöhnliche Aspekte - unter anderem distanzierten sich Geschworene im Nachhinein von ihrem Urteil und besuchten Foco sogar in der Haft.

„Verfahren damals war problematisch“

Soyer sieht den Fall Foco aber keinesfalls als Problem-Causa in der Gerichtsbarkeit, vielmehr zeige er, dass die Justiz funktioniere: "Die Wiederaufnahme ist das Eingeständnis, dass das Verfahren damals problematisch war", das zeuge von einer "hohen Fehlerkultur in einer aufgeklärten Gesellschaft". Schließlich sei es unvermeidbar, dass ab und zu Fehler passieren. "Die Urteilsgrundlagen wurden so erschüttert, dass man sagte: das muss man neu aufrollen", fasste Soyer zusammen und betonte: "Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man zu einem anderen Ergebnis kommt."

In einer Verhandlung, die wohl in Linz stattfinden würde, müsste man alle Zeugen nochmals laden und in der Hauptverhandlung vernehmen, so der Uni-Professor. Auf die alten Einvernahmeprotokolle könne man sich nur beschränken, wenn jemand nicht greifbar sei oder, wenn sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung dem zustimmen würden - "davon ist aber in so einer Sache nicht auszugehen". Auch die Gutachten müssten neu erstattet werden, im Regelfall sei aber davon auszugehen, dass das Gericht so weit wie möglich auf die bisherigen Gutachter wieder zurückgreifen werde, während die Verteidigung versuchen werde, neue Begutachtungen zu erwirken.

„Verjährungshemmung“ durch Flucht

Juristisch interessant sei in dem Fall die Frage der Strafdrohung: Lautet der Vorwurf auf Mord, reicht der Strafrahmen normalerweise bis zu lebenslang. Sind bereits 20 Jahre seit der Tat vergangen, können hingegen nur mehr maximal 20 Jahre verhängt werden, erklärte Soyer. Bei Foco sei durch seine Flucht aber eine Verjährungshemmung eingetreten. "Es gilt daher noch immer die Strafdrohung lebenslang", allerdings könne das Gericht bei der Strafbemessung den langen Zeitraum, der seit der Tat vergangen ist, durchaus strafmindernd berücksichtigen.

Ob sich diese Frage je stellen wird, ist ungewiss. Dennoch: "Es kommt vor, dass jemand erst nach langer Zeit in das internationale Fangnetz gerät. Aber es wäre wohl eher ein Glückstreffer", denkt Soyer.

(APA/Red.)