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Der ökonomische Blick

Die Kurve flach halten – koste es, was es wolle?

UeBER 100 NGOS UND 500 EXPERTEN WOLLEN EINEN 'KLIMA-CORONA-DEAL'
APA/HERBERT PFARRHOFER
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Warum Österreich der Corona-Krise anders begegnet als der Klimakrise, evidenzbasierte Klimapolitik jedoch das auch medizinische wie wirtschaftliche Gebot der Stunde ist.

Mit dem Auftreten von COVID-19 haben Regierungen weltweit radikale Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Österreichs Regierung zählte zu den Vorreitern. Wissenschaftliche Expertise wurde in die Krisenstäbe geholt, auf dieser Basis die Vorgehensweise festgelegt.

Obwohl wir um eine weitere Bedrohung mit deutlich größerem zerstörerischem Potential in den nächsten Jahrzehnten wissen – die immer evidenter werdende Klimakrise – sind Regierungen und die Zivilgesellschaft nicht in gleichem Maße dazu bereit effektive Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Die Klimaveränderung ist beispielsweise verantwortlich für das Auftauen des Permafrosts (i) was einem Öffnen der Büchse der Pandora in der Arktis gleichkommen würde (ii). Die im Permafrost enthaltenen Krankheitserreger der Pocken (iii) oder der Influenza von 1918 (iv) können Ausgangspunkt für kommende Pandemien sein, die das was wir eben mit Covid-19 erlebt haben weit in den Schatten stellen würden. Warum entscheiden wir uns nicht dafür, die (Temperatur)Kurve unseres Planeten flach zu halten und gesundheitliche wie wirtschaftliche Klimawandelfolgen auf ein Niveau zu begrenzen, mit dem wir noch umgehen können, in demokratisch-liberalen Gesellschaften?

„Der ökonomische Blick“ ist ein Blog, der aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen behandelt. Er entsteht in Kooperation mit der Nationalökonomischen Gesellschaft (NoeG) und der Presse. Jeden Montag erscheint eine neue Ausgabe. Mehr: diepresse.com/oekonomischerblick

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

Weil die Corona-Krise als unmittelbar bedrohlicher erlebt wird? Die Anzahl der zukünftigen statistisch vorzeitigen Todesfälle durch die Klimaveränderung ist viel höher als die wahrscheinlich durch COVID-19 je erwarteten Sterbefälle. Aber es ist ein langer Prozess, bis dieses Bewusstsein von allen geteilt wird. In Österreich war es ein Hochwasser-Extremereignis im Jahr 2002, das mit seinen Folgekosten dazu beitrug, eine Regierungsperiode vorzeitig zu beenden. Die erste von der Bevölkerung wirklich bewusst wahrgenommene Klimaveränderung war wohl der sehr warme Winter 2006/07 mit seinen Folgen für den Tourismus. Letztere waren auch Anlass für die erste parlamentarische Enquete in Österreich zum Klimawandel. Zwei weitere folgten bisher, aber die Treibhausgasemissionen Österreichs stiegen in den letzten Jahren und liegen auf einem sogar höheren Niveau als 1990. Ganz gegenläufig zum Trend in der EU, die ihre Emissionen insgesamt in diesem Zeitraum bereits um mehr als ein Viertel gesenkt hat.

Ein „Koste es, was es wolle“ war auf Klimapolitik bezogen jedenfalls in Österreich noch von keiner Regierungsmehrheit zu hören.

Denn Minderung der Emissionen und Anpassung an den Klimawandel unterscheiden sich in zwei weiteren Aspekten von Pandemie-Maßnahmen: Sie nützen nicht (nur) den aktuell lebenden Menschen, sondern in weit stärkerem Maße der heute jungen – und zukünftigen – Generation(en). Auch in der geographischen Verteilung der Nutznießer gibt es einen wesentlichen Unterschied. Anpassungspolitik (wie Hochwasserschutzdämme oder Grünraumausweitung zur Dämpfung der städtischen Hitzeinseln) nützt zwar ebenso wie die Corona-Maßnahmen der hier lebenden Bevölkerung, ist aber in ihrer langfristigen Wirksamkeit davon abhängig, ob – und zwar global – ausreichende Emissions-Minderungspolitik betrieben wird. Aber vor allem: Emissionsminderung nützt nicht nur uns, sondern allen Menschen weltweit.

Demgegenüber wird die Wirksamkeit von Ausgangsbeschränkungen und physical distancing innerhalb von Wochen sichtbar, diese Maßnahmen können auch allein innerhalb des jeweils eigenen Territoriums für dieses wirksam umgesetzt werden. Regierungen können unmittelbar danach bewertet werden, wie gut sie ein Land durch diese Krise steuern. Die Politik hat einen starken Anreiz, als erfolgreicher Problemlöser wahrgenommen zu werden. Gerade auch mit Blick auf die nächste Wahl.

Klimapolitik ist demgegenüber differenzierterer. Wie gelingt es auch darin, zu effektivem und einem der so evidenten Gefährdung entsprechenden Handeln zu kommen?

Das Bewusstsein braucht es wohl – als Anstoß. Ein Bewusstsein, wie es die real betroffene heute junge Generation schon hat und u.a. in Form von Fridays for Future authentisch zum Ausdruck bringt. Wenn Eltern diesbezüglich „aufmüpfige“ Jugendliche erleben und von ihnen lernen, verbreitet sich dieses Bewusstsein, das es braucht, um eigene Gewohnheiten zu hinterfragen. Als Anstoß, auch individuell lukrative fossile Erbpachten neu zu bewerten und der Realität ins Auge zu sehen.

Denn die fossilen Strukturen kosten unsere Volkswirtschaft bereits heute – allein für Klimaanpassung, Klimaschäden (v), Wertschöpfungsverluste durch fossile Importe und kontraproduktive Subventionen – zumindest 15 Mrd. Euro. Jedes Jahr. Tendenz deutlich steigend.

Wir können Lösungen entwerfen, Hindernisse überwinden und unser Wirtschaften umstellen auf eines, das uns – und zwar auch hier und jetzt – in vielerlei Hinsicht besser dient: mit einem erneuerbaren dezentralen Energiesystem, das die Wertschöpfung ins Land zurück holt und in unseren Gebäuden auch langfristig die Ausgaben für Energiedienstleistungen senkt, mit einem über die Verkehrsträger integrierten Mobilitätssystem, das Ressourcen wieder freigibt (Lebensraum, Ausgaben), mit einer Kreislaufwirtschaft, die unser Wirtschaftssystem robuster gegen Krisen macht. (vi) Den Peak der Klimakrise zu vermeiden „kostet“ uns also vor allem Grips, Engagement und Veränderung.

Allein es braucht das Losgehen: Die Experimentierräume zu vermehren. Die Rahmenbedingungen umzugestalten, sodass sie nicht mehr hinderlich oder gar kontraproduktiv (wie eine Corona-PKW-Abwrackprämie mit fossilem-Lock-in), sondern förderlich sind (wie eine Innovationsprämie).

Das Weltwirtschaftsforum hat erneut im Jänner 2020 die Klimakrise als die letztlich größte wirtschaftliche Bedrohung ausgemacht. Wir können nun die Lösungskompetenz aus der Corona-Zeit mitnehmen. Aus Solidarität mit unseren Kindern und Enkelkindern.

Die Autoren

Lukas Kenner ist Professor für experimentelle Pathologie und Labortierpathologie an der Medizinischen Universität Wien und der Universität für Veterinärmedizin in Wien sowie seit 2009 Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.

Karl W. Steininger ist Professor für Klimaökonomik und Nachhaltige Transition am Wegener Center für Klima und globalen Wandel der Universität Graz sowie Leiter der Monitoring-Gruppe Klimaübereinkommen und Verkehr.

Karl W. Steininger und Lukas Kenner
Karl W. Steininger und Lukas Kenner

Hintergrundinformationen: http://klimawissen.uni-graz.at

Quellen

i Emerson JB et al. Host-linked soil viral ecology along a permafrost thaw gradient. Nat. Microbiol. 2018 3(8):870-880. doi: 10.1038/s41564-018-0190-y.

ii Canavan BC Opening Pandora's Box at the roof of the world: Landscape, climate and avian influenza (H5N1). Acta Trop. 2019 196:93-101. doi: 10.1016/j.actatropica.2019.04.021

iii Thèves C et al. History of Smallpox and Its Spread in Human Populations. Microbiol Spectr. 2016 4(4). doi: 10.1128/microbiolspec.PoH-0004-2014.

iv Reid AH et al. Origin and evolution of the 1918 "Spanish" influenza virus hemagglutinin gene. Proc Natl Acad Sci U S A. 1999 16;96(4):1651-6.

v Steininger KW. et al., Consistent economic cross-sectoral climate change impact scenario analysis: method and application to Austria, Climate Services 2016 1: 39-52; doi: 10.1016/j.cliser.2016.02.003

vi Schleicher S et al., Dekarbonisierung und Carbon Management für Österreich, Diskussionsbeiträge für Strategien, 2018, Wissenschaftlicher Bericht 79-2018, Wegener Center Verlag Graz, ISBN 978-3-9504501-8-7

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