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Der ökonomische Blick

Coronakrise – Arbeitsplätze retten um jeden Preis?

CORONAVIRUS: GESCHAeFT MIT ATEMSCHUTZMASKEN
APA/GEORG HOCHMUTH
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Monika Merz über Konjunkturpolitik.

Die jüngste Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen durch das AMS war ein Paukenschlag: Ende April waren in Österreich über 580.000 Erwerbstätige ohne Arbeit. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von ca. 12 Prozent – ein bisheriger Höchststand in der Zweiten Republik. Hinzu kommen 1,25 Mio. Werktätige in Kurzarbeit, von denen nicht wenige um ihre Stelle bangen. Dies sind klare Indizien dafür, dass der Mitte März abrupt herbeigeführte ‚Lockdown‘ zur Bekämpfung der COVID19 Pandemie und der dadurch verursachte Konjunkturabschwung drastische Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen hat.

Im Gegensatz zu früheren Wirtschaftskrisen wirkt die jetzige weltweit und betrifft mit wenigen Ausnahmen fast alle Branchen. Die Große Rezession von 2008/09 war durch das Platzen lokaler Immobilienblasen verursacht, wodurch die Nachfrage in den betroffenen Ländern stark zurückging. Dieses Mal ist durch unterbrochene Produktionsketten die Angebotsseite schwer getroffen. Während die österreichische Wirtschaft glimpflich durch die Große Rezession kam, steckt sie dieses Mal mittendrin. Die vorläufigen Produktionszahlen für das erste Quartal 2020 legen nahe, dass die Wirtschaftsleistung weltweit stärker und nachhaltiger sinken wird als bei vergangenen Rezessionen, u.a. weil die Dauer dieser Pandemie nicht absehbar ist. Dies erzeugt Unsicherheit – eine der Hauptursachen für die Zurückhaltung Privater bei Konsum und Investitionen. Ob eine Erholung des BIPs tatsächlich dem viel beschworenen V-Effekt, oder doch eher einem quälend langwierigen L-Effekt mit einem einschneidenden Verlust von Arbeitsplätzen folgt, ist derzeit unklar und hängt auch von den wirtschaftspolitischen Maßnahmen in Österreich und den Nachbarländern ab. (1)

„Der ökonomische Blick“ ist ein Blog, der aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen behandelt. Er entsteht in Kooperation mit der Nationalökonomischen Gesellschaft (NoeG) und der Presse. Jeden Montag erscheint eine neue Ausgabe. Mehr: diepresse.com/oekonomischerblick

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

Jede Krise legt Schwachstellen schonungslos offen. In Österreich sind mit Ausnahme der öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheits- und Pflegesektor fast alle Bereiche betroffen. Besonders hart aber hat es den Tourismus samt Hotel- und Gaststättengewerbe sowie den Handel und das Produzierende Gewerbe getroffen, die zusammen fast 50 Prozent der hiesigen Brutto-Wertschöpfung ausmachen. Diese Branchen sind notorisch krisenanfällig. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Maschinenbau und die Automobilzulieferer bereits seit längerem in einer Strukturkrise befinden – der Maschinenbau, weil die überfällige Digitalisierung nicht breit und entschlossen genug eingeführt wurde, und die Automobilindustrie wegen zunehmender Marktsättigung in Europa und der sich anbahnenden Verkehrswende, die Alternativen zum Auto und zu den klassischen Antriebsarten verlangt.

Alle Hilfen bergen die reale Gefahr, dass sie nötige Anpassungen verhindern oder merklich verzögern, indem sie auch Betriebe in Branchen erhalten, die dem Strukturwandel unterliegen und daher wenig Zukunft haben.

Die Regierung Österreichs hat seit Mitte März finanzielle Soforthilfen, Steuerstundungen und Kurzarbeit eingeführt, um gefährdeten Unternehmen und ihren Beschäftigten zu helfen und Arbeitsplätze zu sichern. Diese Maßnahmen reichen aber angesichts der Schwere der drohenden Rezession nicht aus, um dauerhaft Betriebsschließungen und Arbeitslose zu verhindern. Kurzarbeit ist ein teures Mittel, das bestenfalls zur vorübergehenden Stabilisierung von Arbeitsverhältnissen dienen kann, zumal sie anfällig für Missbrauch ist und daher Kontrollen erfordert. Alle Hilfen bergen die reale Gefahr, dass sie nötige Anpassungen verhindern oder merklich verzögern, indem sie auch Betriebe in Branchen erhalten, die dem Strukturwandel unterliegen und daher wenig Zukunft haben. Insolvenzen und steigende Arbeitslosigkeit gehören zu jeder Wirtschaftskrise dazu. Sie um jeden Preis zu verhindern ist aus wirtschaftlicher Sicht unsinnig, denn sie kommen die heutigen oder zukünftige Steuerzahler teuer zu stehen. Die bestehenden sozialen Sicherungssysteme sind stark und wirksam genug, um entstehende Härten abzufedern. Im Fall von Arbeitslosigkeit bestehen zudem umfangreiche staatlich finanzierte Möglichkeiten zur beruflichen Umschulung oder Weiterbildung.

Jede Krise birgt auch Chancen. Die Politik kann mit gezielten Maßnahmen dem bevorstehenden Konjunktureinbruch entgegenwirken und zugleich darauf hinwirken, dass die Wirtschaftsstruktur moderner und resilienter wird. Eine kluge Steuerpolitik kann die Gründung privater Firmen in zukunftsträchtigen Bereichen wie z. Bsp. der Medizin- und Gesundheitstechnik oder der Bio- und Umwelttechnologie beflügeln und so zur Schaffung neuer, zukunftsträchtiger Arbeitsplätze beitragen. Ebenso kann sie helfen, eklatante Defizite bei der Digitalisierung zu beseitigen. Das ist z. Bsp. im Maschinenbau nötig, dem sonst der Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit droht. Aber auch im Dienstleistungs- und Bildungsbereich muss digital kräftig aufgerüstet werden. Ein allfälliges Konjunkturpaket, das idealerweise mit den europäischen Nachbarn koordiniert ist, sollte vor allem öffentliche Investitionen fördern, denn diese bedingen oft nachfolgende Investitionen Privater, fallen aber mit weniger als 3% des BIPs in Österreich notorisch niedrig aus. (2) Denkbar sind der Ausbau und die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur oder der Ausbau des schnellen Internets. Dies steigert die Produktivität und erzielt im Gegensatz zu reinen Liquiditäts- und Einkommenshilfen nachhaltige Renditen.

Die Autorin

Monika Merz ist Professorin für Makroökonomik an der Universität Wien. Sie ist Mitglied im CEPR, London. Sie gehörte von 2012 bis 2019 zu deren Experten, die den Konjunkturzyklus im Euroraum datieren. In ihrer aktuellen Forschung beschäftigt sie sich mit den ökonomischen Bestimmungsgründe von gesamtwirtschaftlicher Marktarbeit.

(1) Der Buchstabe V steht für einen drastischen Produktionsrückgang, dem eine steile, rasche Erholung folgt. L hingegen beschreibt den drastischen Einbruch der Wirtschaftsleistung, die dann sehr lang auf niedrigem Niveau bleiben wird.

(2) Fiskalrat Österreich 2019. „Bericht über die öffentlichen Finanzen 2018 bis 2020.“ Tabelle 17. http://www.fiskalrat.at

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