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Cool wool: Karl-Heinz Grasser und die Leichtigkeit des Seins

Vom jüngsten Finanzminister der Republik zum Dauergast der Gerichte. Die politische Geschichte eines vom Erfolg Verwöhnten. Dokumentiert mit Interviews, Kommentaren und Gesprächen aus zehn Jahren.

Bei der Verhandlung vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien am Donnerstag erlaubte der Richter allen Beteiligten, die Röcke auszuziehen. Alle folgten dem Rat, nur der Privatankläger Karl-Heinz Grasser behielt den Rock seines feinen Nadelstreifanzugs an. „Cool wool eben“, kommentierte eine Journalistin sarkastisch. Darin schwitze man nicht, jedenfalls wenn man Karl-Heinz Grasser heißt.

Cool wool – das könnte gut für das Bild stehen, das Grasser lange Zeit der Öffentlichkeit von sich gab und das wohl auch irgendwie seinem Selbstbild entspricht. Ständig mit Gerichten zu tun zu haben, als Kläger oder Beklagter, Zeuge oder Angeklagter, passt freilich nicht gut in dieses Bild. Der schon viele Rollen gespielt hat muss jetzt eine neue lernen.

Beginnen wir mit dem Juni 1998. Grasser hatte gerade den ersten spektakulären Bruch seiner Karriere hinter sich. Er sollte ein Hintergrundgespräch mit innenpolitischen Journalisten in Wien führen. Als er eingeladen wurde, war er noch Landeshauptmann-Stellvertreter in Kärnten gewesen, zum Zeitpunkt der Veranstaltung war er schon Sprecher des Magna-Konzerns. Ob er jetzt noch interessant sei, fragte er am Telefon kokett, denn er wusste die Antwort: Natürlich, jetzt erst recht. So viele Gäste, auch uneingeladene, von denen sich mindestens einer nicht an die vereinbarte Vertraulichkeit hielt, waren weder vorher noch nachher jemals zu diesem regelmäßigen Anlass gekommen. Grasser enttäuschte die Erwartungen nicht und machte sehr abschätzige Bemerkungen über den psychischen Zustand Jörg Haiders und kündigte an, er werde wieder in die Politik zurückkehren.

Das erstaunte alle sehr. Am 4. Februar 2000 wurde er Finanzminister der schwarz-blauen Koalition. Zwei Jahre später landete Wolfgang Schüssel einen Coup und trat mit Grasser als parteilosem Ministerkandidaten an: „Grasser war für die ÖVP ein Geschenk. In ihrem Nachwuchs finden sich vergleichbare Typen nicht: Der Beau aus Kärnten ist das, was man mit dem schwer übersetzbaren Wort „smart“ bezeichnet. Vorläufig wirkt der Tefloneffekt noch. (Kommentar Dezember 2002)

Aber nicht mehr lange. Es kam das Jahr 2003 mit der Affäre um seine Homepage: „Ebenso reich an skurrilen Elementen ist Karl-Heinz Grassers Kampf gegen eine vielarmige Hydra von Vorwürfen unklarer finanzieller Vorgänge in seiner Amtsführung. Was einen daran frappiert, ist nicht etwa die kriminelle Energie, mit der Grasser vorgegangen wäre, sondern der Mangel an Gespür für das, was man in einem öffentlichen Amt darf und was nicht.“ (Kommentar 12.7.2003)

Mit Haider, der ihn einmal als „moralischen Flachwurzler“ bezeichnet hatte, war Grasser zu dieser Zeit längst wieder gut:

Man sieht Sie wieder mit Haider beim Biertrinken. Haben Sie sich ausgesöhnt?

GRASSER: Unsere Beziehung war eine emotionale Hochschaubahn. Intensiven Phasen folgten massive Zerwürfnisse, mehrmals. Jetzt haben wir gesagt: Schwamm drüber. Wir müssen ofessionell miteinander umgehen. Und das tun wir. (Interview 25.12.2003)

Grasser ist immer auf der Suche nach einem Vater. In älteren interessanten oder erfolgreichen Männern suchte er einen Vaterersatz, obwohl er das selbst nicht zu merken scheint:

Haider, Zernatto, Stronach, Schüssel: Es fällt auf, dass Sie sich immer wieder auf Vaterfiguren stützen.

GRASSER: Ich brauche keine politische Vaterinstanz, ich habe einen Vater, den ich über alles liebe. Es gibt immer nur einen, der Chef ist, und an diese Bezugsgröße halte ich mich im Beruf.“

Wie eng ist Ihre Beziehung zum Kanzler?

GRASSER: Die Beziehung zum Bundeskanzler ist für mich eine Freundschaft. (Interview 25.12.2003)

Schüssel seinerseits mochte an Grasser alles, was ihm selbst fehlte:

Sie haben offenkundig ein sehr persönliches Verhältnis zu Grasser. Was schätzen Sie so an ihm?

SCHÜSSEL: Er hat eine gewisse Leichtigkeit, Humor, ein breites Lächeln. Einer, der in der Lage ist, das Leben nicht nur als eine Abfolge von Krawattenbinden bis Haarkämmen zu begreifen, sondern als lustvolles Miteinanderleben. Er ist ein ausgesprochen erfreulicher Mensch.

Die Eigenschaft, sympathisch zu sein und den Menschen zu gefallen, haben Sie nicht genannt. Weil Sie Ihnen selbst abgeht?

SCHÜSSEL: Jeder ist anders. Ich habe nie den Ehrgeiz gehabt, mich mit einem zu vergleichen, der über zwanzig Jahre jünger ist als ich. (Interview 2006)

Das Verhältnis Grassers zur ÖVP, die ihn „als einen von uns“ (Andreas Khol) sah, war gleichwohl immer schwierig. Einmal, er war noch Minister der auslaufenden schwarz-orangen Koalition, wollte er sich im Parteivorstand von seinem Kabinettschef vertreten lassen, was als Provokation empfunden wurde: „Grassers Verhalten illustriert wieder einmal sein zwiespältiges Verhältnis zur Partei, der er nicht angehört, für die er aber politisch steht. Grasser genießt in der Parteispitze und unter den Abgeordneten zwar einige Sympathien, als Parteiobmann kann ihn sich aber niemand vorstellen. Keine Partei kann einen Obmann haben, der nicht aus einem ihrer Kernbereiche kommt. Auch von seinem Lebensstil her passt Grasser nur schwer in das kleinbürgerliche Gefüge der ÖVP. Er wäre überdies der erste Parteiobmann, der kein regelmäßiger sonntäglicher Kirchgänger ist. (Kommentar 17.11.2006)

Die in der ÖVP, allen voran Khol, die verhindert hatten, dass Grasser 2006 als Vizekanzler und womöglich Parteichef installiert wurde, sahen sich durch Interviews wie das folgende bestätigt:

Warum, glauben Sie, sind Sie mit Ihrem Privatleben ins Gerede gekommen? Haben Sie da vielleicht etwas falsch gemacht?

GRASSER: Ehrlich gesagt: Da ich ein Lieblingsobjekt der Medien bin, ist es ziemlich egal, was ich mache, ich kann es vielen nie recht machen. Viele Ihrer Leser, die am Wochenende zu ihrer Frau oder Lebensgefährtin fahren, würden sich bedanken, wenn vor der Haustür, hinter der Mülltonne, auf dem Baum Fotografen auf sie lauern und sie im Privatleben verfolgt werden.

Aber haben Sie nicht selbst damit begonnen, Ihr persönliches Leben zu exponieren, etwa durch die Fotos auf der Homepage?

GRASSER: Man muss versuchen, auch etwas vom Menschen und von der Person Karl-Heinz Grasser zu transportieren. Wenn man etwa in einer TV-Talkshow von seinem Privatleben erzählt, vermittelt man auch Facetten der Menschlichkeit und seiner Sozialkompetenz. Das machen viele.

Kommt das Interesse an Ihnen auch daher, dass Sie Ihre Person als politisch-ästhetisches Produkt vermarktet haben?

GRASSER: Die Frage, die ich mir gestellt habe, war: Will ich eine graue Maus sein oder will ich gestalten, beeinflussen, verändern, will ich mit meinen Überzeugungen auch prägen? Ich habe mich von Beginn an für den Weg entschieden, zu gestalten.

Und dazu muss man sich inszenieren?

GRASSER: Sie müssen Ecken und Kanten haben, Sie müssen für die Bevölkerung erlebbar sein. Das werden Sie nicht sein, wenn Sie sich 300 Tage im Jahr im Finanzministerium einsperren. In Linz habe ich dieser Tage tausend junge Leute bei einer Veranstaltung gehabt. Wenn ich völlig unscheinbar wäre, würden zu einer Veranstaltung des Finanzministers halt zehn oder fünfzig Leute kommen. Auch solche Finanzminister hat es gegeben. Ich habe das Glück, dass ich interessant bin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2010)