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Der ökonomische Blick

Begrenzung der Erderwärmung als größtes Kooperationsexperiment aller Zeiten

FILE PHOTO: The lignite power plants of 'Neurath New', Niederaussem, and 'Neurath Old' of German energy supplier and utility RWE are pictured in Neurath
REUTERS
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Martin G. Kocher über den Klimawandel.

Im Jahr 1950 revolutionierten drei nordamerikanische Forscher die Sozialwissenschaften, als sie das weithin bekannte Gefangenendilemma zum ersten Mal formalisierten. Schon als Schulkinder lernen wir dessen Struktur aus manch leidvoller Erfahrung: Bei einer Gruppenarbeit gibt es immer wieder das eine Gruppenmitglied, das die gute Note abstaubt, ohne dafür auch substantiell etwas zur Gruppenarbeit beigetragen zu haben. Es ist quasi Schwarzfahrer auf Kosten der anderen.

In den letzten 70 Jahren wurde diese Interaktionsstruktur, die zeigt, dass individuell rationales und egoistisches Verhalten zu einem gesellschaftlich suboptimalen Ergebnis führen kann, auf die verschiedensten sozialen Situationen angewendet: Wahlbeteiligung, Teamarbeit, Übernutzung von natürlichen Ressourcen, Preiswettbewerb oder atomare Aufrüstung, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Für viele dieser Beispiele gibt es eine recht einfache Lösung: indem eine zentrale Autorität Schwarzfahrer bestraft oder jene, die viel beitragen, belohnt, bringt man alle dazu etwas beizutragen, also kooperativ zu sein. Schwierig wird es dann, wenn eine solche zentrale Autorität nicht existiert und auch nicht eingerichtet werden kann. Die großen internationalen Probleme unserer Zeit sind aber genau dergestalt: zum Beispiel die Vorbereitung auf eine Pandemie oder die Reduktion von Treibhausgasen. Schlimmer noch als beim atomaren Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion, gibt es mehr als zwei Beteiligte, und alle oder zumindest viele müssen kooperieren und sich dabei koordinieren, will man die Erderwärmung einbremsen.

Die Begrenzung des Erderwärmung ist daher mittlerweile das Paradebeispiel für ein Gefangenendilemma, oder allgemeiner: soziales Dilemma. Die Crux besteht auch darin, dass wir eigentlich alle wirtschaftspolitischen Instrumente bereits haben, um den Klimawandel wirksam einzudämmen, aber wie bringen wir alle Staaten dazu mitzumachen? Das ist aber die Voraussetzung für eine wirksame Klimapolitik.

„Der ökonomische Blick“ ist ein Blog, der aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen behandelt. Er entsteht in Kooperation mit der Nationalökonomischen Gesellschaft (NoeG) und der Presse. Jeden Montag erscheint eine neue Ausgabe. Mehr: diepresse.com/oekonomischerblick

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

Die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung der letzten 30 Jahre gibt auf das globale Problem zwei Antworten. Erstens müssen wir nicht immer von rein egoistischen Akteuren ausgehen. Nicht nur Individuen, selbst Staaten sind manchmal solidarisch mit anderen, insbesondere dann – und das ist ein zentrales Resultat der Forschung der letzten Zeit – wenn sie annehmen oder sehen, dass andere auch solidarisch sind. Der Fachbegriff ist „konditionale Kooperation“, oder generell: Reziprozität. Dafür brauchen wir grundsätzlich kooperative Akteure, aber wenn das gegeben ist, dann kann mit wechselseitig konditionalen Beitragszusagen in einem inkrementellen Prozesse über die Zeit hinweg Kooperation hergestellt werden. Das klappt nicht immer, ist aber ein auch politisch realistischer Weg.

Wenn sich Staaten wie Egoisten verhalten

Aber was macht man mit Staaten, die sich wie Egoisten verhalten? Da zeigt die neuere Forschung auf Basis von Laborexperimenten, dass selbst ein dezentrales Bestrafungs- und Belohnungsregime funktioniert, weil Staat A möglicherweise Staat B bestrafen wird, wenn er sich nicht an Beitragsvereinbarungen hält. Schiedsgerichtsverfahren im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO kommen einem solchen Mechanismus nahe. Die Strafe dort erfolgt in Form von Strafzöllen.

Und was macht man mit Staaten, die überhaupt nicht mitmachen wollen? Hier gibt es natürlich auch die Möglichkeit, einen dezentralen Durchsetzungsmechanismus zu verwenden, aber wir wissen, dass solche Konstellationen zu Konflikten neigen, die für alle Beteiligten negative Folgen haben. Umso wichtiger sind hier die Diplomatie, die Überzeugungskraft und der Einfallsreichtum bei der Junktimierung von Themen bzw. beim Framing von gewissen Aspekten in internationalen Verhandlungen.

Der Klimawandel zwingt die Staatengemeinschaft zum größten Kooperationsexperiment aller Zeiten. Die Globalisierung hat die Welt in eine Lage gebracht, in der Kooperation wichtiger ist, als sie jemals zuvor war, weil nur durch Kooperation das aktuelle Niveau an wohlfahrtsstiftender Globalisierung aufrechterhalten werden kann. Gleichzeitig hat die internationale Staatengemeinschaft es nicht geschafft, die notwendigen Institutionen bereitzustellen oder existierende wie die WTO so zu schützen, damit sie dem größeren Bedarf nach ihnen entsprechend funktionieren. Die Forschung im experimentellen Entscheidungslabor der Verhaltensökonomik hilft uns zu verstehen, welche institutionellen Designs dabei helfen können, dem größten Kooperationsexperiment der Geschichte zum Erfolg zu verhelfen. Natürlich ist die Realität außerhalb des Labors viel komplexer, aber schon die abstrakte Abbildung im Labor zeigt, wie vertrackt das Kooperationsproblem und wie schwierig dessen Lösung ist. Andererseits: Wenn das Kooperationsproblem gelöst ist, dann ist der Rest – die Implementierung von wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung auf nationaler Ebene – fast ein Kinderspiel.

Der Autor

Martin G. Kocher leitet das Institut für Höhere Studien in Wien und ist Professor an der Universität Wien. Seine Spezialgebiete in der Forschung sind die Verhaltensökonomie, die experimentelle Wirtschaftsforschung und die Finanzwissenschaft.

 

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