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Der ökonomische Blick

In den USA ist Corona eher eine Katastrophe als eine Krise

Nurses protest to highlight practices during the coronavirus disease (COVID-19) pandemic at St. Petersburg General Hospital in Florida
REUTERS
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Die  Ökonomin Alyssa Schneebaum über die Coronakrise in ihrem  Heimatland.

Im April hat der IWF prognostiziert, dass der Welt der heftigste Wirtschaftsabschwung seit der Großen Depression in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bevorsteht. Drei Monate später gibt es keinerlei Anzeichen einer Erholung. Es scheint tatsächlich mit jedem Tag schlimmer zu werden.

In den USA ist die Corona Krise eher eine Katastrophe als eine Krise und es fehlt immer noch eine vernünftige Strategie, auf sie zu reagieren. Es wird bald täglich 100.000 neue Infektionen geben, aber sogar einfache Ansätze zur Verlangsamung der Ausbreitung der Krankheit wie etwa das Tragen von Masken sind politisch umstritten und stoßen auf den Widerstand großer Teile der Bevölkerung. Die Abneigung gegen das Tragen einer Maske spiegelt zentrale Elemente der US-amerikanischen Kultur wider. Einerseits Trotz: Schon von klein auf wehren sich viele amerikanische Kinder gegen (elterliche) Regeln und deren zwangsweise Durchsetzung mit der bekannten Redewendung: „It’s a free country.“ Andererseits eine ausgeprägte Präferenz für persönlichen Komfort, vom drive-in Bankomaten bis hin zum Valet-Parking: Eine Maske ist einfach unkomfortabel.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Tatsächlich schaffen diese Vorlieben in Summe für viele das Gegenteil einer komfortablen Situation – aber das ist im Land der Freiheit des Individuums dann eben deren individuelles Problem. Eine gute Freundin von mir hat im Juni, als ihr Baby zwölf Wochen alt war, begonnen, wieder als Notfallärztin zu arbeiten. Zwölf Stunden am Stück behandelt sie einen Fall nach dem anderen, trägt ohne Pause zwei Masken und ein Schild - alles in einer Notaufnahme überflutet mit Covid Patient_innen, ohne freie Betten, um neue Fälle aufzunehmen. Nach ihrer Schicht geht sie zu ihren zwei kleinen Kindern, die momentan weder in Kleinkindgruppen spielen noch mit der Nanny eine Bibliothek besuchen, oder auf andere Art altersgerecht ihre Zeit verbringen können, weil das Risiko einer Ansteckung zu hoch ist. So viel zum Thema Komfort.

Es gibt noch einen weiteren sehr amerikanischen Aspekt der Coronakrise: Nicht alle Menschen sind gleich davon betroffen. Wir wissen seit Monaten, dass People of Color sowie generell einkommens- bzw. vermögensschwache Individuen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, sich zu infizieren und auch an der Krankheit zu sterben. Zudem bescheren ihre „systemrelevanten Berufe“ ihnen selbst dann, wenn sie sich nicht anstecken, schlechte Arbeitsverhältnisse und niedrigere Arbeitsplatzsicherheit. Die gängige Wirtschaftstheorie verspricht unter dem Begriff der Gefahrenzulage, dass diese Berufe unter Berücksichtigung der erhöhten Risiken besser bezahlt werden müssten. Dem ist aber nicht so. Women of Color verfügen über die niedrigsten Einkommen im Land. Während 40 Millionen Menschen (!) arbeitslos sind, liegt die Investitions-Performance der wohlhabendsten Familien hingegen auf oder sogar über den vor der Krise gebildeten Erwartungen für dieses Jahr.

Eine der wichtigsten Entwicklungen während der Corona Krise in den USA ist die Auseinandersetzung um rassistische Polizeigewalt. Ein Grund, warum die #BlackLivesMatter Bewegung im Juni 2020 so stark in Bewegung gekommen ist, ist auch in der Coronakrise selbst zu suchen. Aufgrund von Covid-19 fürchteten Menschen um ihre eigene Gesundheit und Sicherheit und die jene ihrer Familien – schockiert von den Bildern provisorischer Leichenhäuser vor Spitälern, die versuchen, mit überwältigenden, jenseits ihrer Kapazitäten liegenden Zahlen an kranken und toten Menschen zurecht zu kommen. Viele Menschen haben keine Arbeit mehrt; wissen nicht, wann sie wieder mit einem Einkommen rechnen können, und fühlen sich von der Regierung allein gelassen. Eine einmalige $1200 „CARES“ Überweisung wirkt zynisch, wenn etwa jeder dritte Haushalt die Miete nicht zahlen kann.

Viele sagen, dass der beste Weg für Veränderung die Nutzung demokratischer Rechte ist: nämlich wählen zu gehen. Unzählige Österreicher_innen haben mir in den vergangenen Wochen gesagt, dass Corona zumindest Trumps Chancen, wiedergewählt zu werden, senke. Ich bin mir da nicht so sicher. So oder so, Trump oder Biden, ich bin die amerikanische „Demokratie“ leid. Denn die amerikanische Demokratie kennzeichnet sich durch Meinungsbeeinflussung durch „Corporate Media". Mainstream-Medienkanäle haben sich unverblümt als Pro-Biden und Anti-Sanders bzw. Warren in den Vorwahlen der demokratischen Partei positioniert. Kandidaten, von denen tiefergreifende Veränderungen erwartet (oder befürchtet) werden, bekommen keine faire Chance.

Was Regierungen – insbesondere jene der USA, wo es kein umfassendes soziales Sicherungsnetz gibt – jetzt machen müssten, ist eine existenzielle Untergrenze zu ziehen. Es gilt in der Krise existenzsichernde Unterstützungen, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, umzusetzen. Viele Ökonom_innen werden sich dagegen aussprechen, vor allem jene, die von der Fähigkeit der Märkte, sich selbst zu regeln, überzeugt sind. Es gibt aber jetzt keine andere Wahl, als all jenen Geld zu geben, die es für das Überleben und ihre Würde benötigen. Am Ende des Tages ist Corona tödlich, aber nicht in demselben Ausmaß wie Armut.

Alyssa Schneebaum
Alyssa Schneebaum(c) www.sonjaspitzer.com

Die Autorin

Alyssa Schneebaum ist in Queens, New York geboren und aufgewachsen. 2010 ist sie nach Wien gezogen. Sie ist Assistenzprofessorin und stellvertretende Institutsleiterin am Institut für Heterodoxe Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien.

 

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