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"Wien im Lockdown": Zeitgeschichte vor der Haustür

Wo sonst Tausende Menschen täglich umsteigen, war im Lockdown niemand zu sehen: Die verlassene U-Bahn-Station Schottenring.
Wo sonst Tausende Menschen täglich umsteigen, war im Lockdown niemand zu sehen: Die verlassene U-Bahn-Station Schottenring.(c) Lukas Arnold
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Den Corona- Lockdown erlebten viele als epochales Ereignis. Ein neues Buch dokumentiert ihn für die Nachwelt auf 130 Fotos.

Seit mehr als 30 Jahren dokumentiert Marcello La Speranza als Historiker und Archäologe zeitgeschichtliche Ereignisse in der Hauptstadt. Diese nennt La Speranza „Bausteine für die klassische Archäologie, die jetzt noch nicht interessant sind, aber es einmal werden“. Wien im Lockdown war ein Ereignis, das viele, schon während es noch passierte, als historisches Ereignis erlebten. Für La Speranza sei es „so besonders“ gewesen, „dieses Frühjahr 2020 durchzumachen“. Er erlebte die Monate als Parallele zur Vergangenheit: Als Kurator der Ausstellung „Erinnern im Innern“ im Wiener Haus des Meeres beschäftigt sich der Zeithistoriker La Speranza üblicherweise mit Relikten und Geschichten aus „wirklichen Kriegssituationen“.

Ähnlich erlebten viele den pandemiebedingten Lockdown des gesellschaftlichen Lebens, der von der Bundesregierung nicht selten als „größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet wurde. Diese sprach auch immer wieder von den „bekannten vier Gründen“, das Haus zu verlassen. „Da habe ich mir gedacht: Nein, da muss es einen fünften Grund geben, nämlich das alles zu dokumentieren“, sagt La Speranza.
Das Frühjahr sei für den Geschichtsforscher eine Zeit gewesen, in der ihm klar geworden sei, dass um ihn herum Historisches passierte: „Man ist Teil einer Epoche geworden, einer Phase, die so wahrscheinlich nicht mehr kommt.“ Zusammen mit dem 22-jährigen Hobbyfotografen und -historiker Lukas Arnold strömte der Historiker deshalb in die Weiten der leeren Stadt aus, um deren einzigartige Perspektiven für die Nachwelt zu dokumentieren.

Die beiden Autoren Marcello La Speranza (links) und Lukas Arnold am Dach des Wiener Haus des Meeres.
Die beiden Autoren Marcello La Speranza (links) und Lukas Arnold am Dach des Wiener Haus des Meeres.(c) Ákos Burg

Wie ein Wimpernschlag

Erfahrungen mit verlassenen Orten sammelten La Speranza und Arnold schon vor Corona im Zuge ihres Forschungsprojekts „Lost Places“: Als Forscherteam „Wiener Unterwelten“ entdecken und dokumentieren sie regelmäßig vergessene Orte. La Speranza hat seine Forschung über die Lost Places der Stadt bereits in einer dreiteiligen Bücherreihe festgehalten („Begegnungen“, „Erforscht“ und „Dokumentiert“).

Ein menschenleerer Stephansplatz als Beispiel für die Leere in der Stadt im Lockdown.
Ein menschenleerer Stephansplatz als Beispiel für die Leere in der Stadt im Lockdown.(c) Lukas Arnold

Die Eindrücke vom Wien ohne Wiener kuratierten die beiden nun in einem Bildband: „Wien im Lockdown“ gibt der Notsituation der Pandemie anhand von 130 Fotos von verlassenen Straßen, ausgeschilderten Verordnungen und Graffitis ein Gesicht, das es inzwischen großteils schon wieder verloren hat. Arnold bezeichnet das Bildprojekt als eine „Herzensangelegenheit“: Denn Menschen, die im Lockdown nicht raus durften, könnten so die Situation nun wieder- und miterleben.

Am Heldenplatz wurde die städtische Leere besonders deutlich.
Am Heldenplatz wurde die städtische Leere besonders deutlich.(c) Lukas Arnold

Zeitzeugen einer Epoche

Ein zentrales Anliegen sei für die Autoren der historische Aspekt der Pandemie-Situation: „Wenn man sich in zehn oder 15 Jahren die Fotos ansieht, dann können sich die Menschen einen Überblick über die damalige Situation verschaffen“, sagt Arnold. Speziell sei die Situation für den 22-Jährigen vor allem aufgrund der Schnelligkeit gewesen, mit der die Stadt in Dornröschenschlaf versetzt worden ist: „Plötzlich, wie mit einem Wimpernschlag, war dieser Lockdown da. Das war surreal“, sagt Arnold, der sonst im ersten Bezirk beruflich tätig ist und damals erstmals ganz allein am Graben stand. „Das war fast unwirklich“, erinnert er sich.

Die historischen Gebäude in der Innenstadt hätten „noch majestätischer“ gewirkt. „Ganz neu für mich waren die U-Bahn-Stationen.“ Völlig einsam auf den Bahnsteigen eines Westbahnhofs, Stephans- oder Karlsplatzes stehend, habe Arnold „deren Architektur ganz neu kennengelernt“.

Die einzigartige Perspektive auf die Stadt, die Arnold und La Speranza im Buch nachvollziehbar machen, stößt bei einem breiten Publikum auf Interesse: Mittlerweile liegt schon die zweite Auflage in den Buchgeschäften. „Wir haben ein tolles Feedback gekriegt“, freut sich Arnold. Für den jungen Fotografen sei das Buch eine einmalige Chance, Geschichte direkt erlebbar zu machen: „Wir wussten: Was gerade passiert, geht in die Geschichte ein, und wir sind die Zeitzeugen. Das wollten wir dokumentieren.“

Auf einen Blick

Der Bildband „Wien im Lockdown – Zwischen Stillstand und Hoffnung“ zeigt die Hauptstadt in einer Lage, die sie in der Form so schnell wohl nicht mehr einnehmen wird: Auf 130 Fotos dokumentieren die Autoren Marcello La Speranza und Lukas Arnold bekannte Wiener Plätze und Straßen, die der Lockdown praktisch leer gefegt hat.

Sutton, 128 Seiten, 20 Euro