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Der ökonomische Blick

Die Auswirkungen des Klimawandels kennen keine Grenzen

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APA/AFP/LOIC VENANCE
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Birgit Bednar-Friedl und Nina Knittel über die Probleme, die auf Österreich aufgrund des Klimawandels zukommen.

Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen viele Länder dieser Erde in unterschiedlicher Weise und Intensität. Dürren, Stürme und Hagelereignisse führen zu Ernteausfällen, Überschwemmungen zerstören Produktionsstätten und Verkehrsinfrastruktur, Hitze reduziert die menschliche Leistungsfähigkeit, besonders bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten, und der Anstieg des Meeresspiegels bedroht den Lebensraum an Küsten. All diese Auswirkungen reduzieren den wirtschaftlichen Output, dies nicht nur in direkt von Wetter und Klima beeinflussten Sektoren wie der Landwirtschaft, sondern auch in der Produktion einer Vielzahl weiterer Güter und der Bereitstellung von Dienstleistungen wie Tourismus.

Die Folgen des Klimawandels sind jedoch global ungleich verteilt: stärkere Auswirkungen werden vor allem in der Nähe des Äquators und im globalen Süden und weniger schwerwiegende Auswirkungen im globalen Norden erwartet. Laut den jüngsten Berichten des Weltklimarats IPCC drohen in weiten Teilen Afrikas und Zentralamerikas Landschaften zu versteppen oder zu verwüsten, einhergehend mit drastischen Folgen für die Landwirtschaft und somit der Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Häufigere und länger andauernde Hitzewellen bedingen eine Zunahme in der Sterblichkeitsrate und in der Anfälligkeit für Krankheiten in Europa, Asien und Australien sowie in Nordamerika. Wasserknappheit dürfte zu einem zunehmenden Problem in Südamerika, dem arabischen Raum, sowie Teilen Afrikas und in Australien führen. Der Anstieg des Meeresspiegels gefährdet insbesondere Inselstaaten, aber auch Küstenabschnitte des südostasiatischen Festlands.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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In einer vernetzten Welt pflanzen sich diese zunächst lokal auftretenden Klimawandelfolgen fort: nicht nur in Nachbarländer, beispielsweise durch die gemeinsame Nutzung von Wasserläufen, sondern über unterschiedliche Kanäle auch in weit entfernte Länder [1]. Die Rentabilität und Erträge von Kapitalflüssen und im Ausland gehaltenen Vermögenswerten können durch Schäden im Zuge des Klimawandels kurzfristig verringert oder langfristig abgewertet werden. Ebenso spielt der Klimawandel bei der Verstärkung bestehender Konflikte eine Rolle, was den Migrationsdruck erhöhen kann. Auch über den Außenhandel eines Landes werden Klimawandelfolgen entlang internationaler Lieferketten übertragen. Österreich ist als eine hochgradig vernetzte und kleine offene Volkswirtschaft besonders stark in globale Wertschöpfungsketten eingebunden und somit auch von verlässlichen Zulieferern auf der Importseite und kaufkräftigen Abnehmern auf der Exportseite abhängig. Ähnlich dem Wirkungsmechanismus des Klimawandels, hat die Covid-19 Pandemie gezeigt, wie schnell solche Lieferketten zum Erliegen kommen können, wenn beispielsweise Transportwege eingeschränkt oder Produktion im jeweiligen Inland nicht möglich ist.

Essenzielle Rohstoffe wie zum Beispiel Lithium können nur in wenigen Ländern abgebaut werden, auch die Weiterverarbeitung ist stark konzentriert. So führte beispielsweise die Thailandflut 2011 zu enormen Ausfällen in der Produktion von Halbleitern und damit einhergehenden massiven Preissteigerungen, mit weltweiten Folgen für die Elektronik- und Automobilindustrie. Ein weiteres Risiko sind gleichzeitig auftretende Ernteausfälle in den globalen „Breadbasket“-Ländern USA, Thailand und Argentinien, mit weitreichenden Konsequenzen nicht nur für die Nahrungsmittelversorgung in Entwicklungsländern, sondern auch bei der Bereitstellung von Futtermitteln in hochentwickelten Ländern [2]. Maßnahmen zum Schutz heimischer Nahrungsmittelversorgung, wie beispielsweise Exportverbote, die nach der massiven Dürre in Osteuropa im Sommer 2010 in Russland gesetzt wurden, können die globalen Preissteigerungen und Verknappungen bei Nahrungsmitteln verschlimmern.

Auch Hitzewellen betreffen Länder wie Österreich indirekt unter anderem bei Importen von Textilien aus Südostasien [3]. Unerwartete Lieferunterbrechungen, beispielsweise durch Überflutungen, sind besonders bei Just-in-Time Produktion problematisch. Zudem ist ein Faktum, dass sich auch die Kaufkraft in wichtigen Absatzmärkten reduziert, mit Konsequenzen für Österreichs Exporte.

Durch nur drei relevante grenzüberschreitende Klimawandelfolgen (Anstieg des Meeresspiegels, hitzebedingte Veränderung der Arbeitsproduktivität, Ernteausfälle in der Landwirtschaft) ergeben sich geschätzte volkswirtschaftliche Kosten in Österreich von € 1,5 Mrd. jährlich bis Mitte des Jahrhunderts. Unterstellt man, dass das 2-Grad-Ziel global nicht erreicht wird und die globalen Unterschiede zunehmen, erhöhen sich diese Kosten auf € 1,9 Mrd. [4] Im Vergleich dazu liegen die geschätzten Kosten von Klimawandelfolgen in Österreich (dies für 37 quantifizierte Wirkungsketten aus 80 identifizierten) bei rund € 8 Mrd. [5]. Grenzüberschreitende Klimawandelfolgen sind daher ein wesentlicher Kostenfaktor, der in der nationale Strategie zur Anpassung entsprechend Berücksichtigung finden sollte. Bislang ist dies jedoch in den wenigsten Ländern der Fall.

Wie kann sich ein kleine offene Volkswirtschaft wie Österreich auf diese grenzüberschreitenden Klimawandelfolgen vorbereiten? Stärkere Klimawandelfolgen in Weltregionen außerhalb Europas reduzieren nicht nur die Importe aus diesen Regionen, sondern auch die Exporte in diese Regionen. Eine Intensivierung des Handels mit europäischen Handelspartnern kann die Auswirkungen auf Ex- und Importe reduzieren, zumindest teilweise. Weitere wirksame Strategien sind Handelsdiversifizierung (Aufbau von Redundanzen in den Lieferketten), Unterstützung von Klimawandelanpassung von besonders relevanten und zugleich vulnerablen Handelspartnern (Installation von Frühwarnsystemen, Hochwasserschutz etc.) sowie Maßnahmen entlang der Lieferkette (unternehmerische Disclosure von Klimawandelrisiken) und am Produktionsstandort in Österreich (Integration von Klimafolgen in das unternehmerische Risikomanagement, verbesserte Lagerhaltung) [6–8].

Abbildung 1: Globale Verteilung der Vulnerabilität gegenüber dem Klimawandel (lt. ND-GAIN [9]) und wichtige Handelsströme Österreichs innerhalb und außerhalb Europas (2018) [10]

Schwierigkeiten hierbei sind, dass gefährdete Unternehmen keinen Anreiz haben, ihr tatsächliches Risiko offenzulegen und dass komplexe Lieferketten eine Nachverfolgung des Risikos schwierig bis unmöglich machen. Unternehmen werden zudem nicht allein in der Lage sein, ihr Risiko richtig einzuschätzen und entsprechend zu verringern – Staaten sind daher gefordert, adäquate grenzüberschreitende Klimainformationssysteme aufzubauen, sowie Technologietransfer und Finanzierung von Klimawandelanpassung in besonders gefährdeten Regionen zu unterstützen. Das Erreichen des Pariser Klimaziels ist zudem entscheidend, um unabwendbare Klimawandelfolgen gering zu halten - bei einer stärkeren Erwärmung stößt man schneller an die physischen, finanziellen und gesellschaftlichen Grenzen der Anpassungsmöglichkeiten.

Birgit Bednar-Friedl und Nina Knittel
Birgit Bednar-Friedl und Nina KnittelUni Graz/Kanižaj(Uni Graz/Kernasenko

Die Autorinnen

Birgit Bednar-Friedl ist Assoziierte Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz im Profilbildenden Bereich Klimawandel. Sie ist zudem koordinierende Leitautorin des Kapitels Europa im 6. Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), der Ende 2021 erscheinen soll.

Nina Knittel ist Dissertantin in Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Sie forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel zu den makroökonomischen Auswirkungen internationaler Klimawandelfolgen sowie zu den Kosten und Nutzen von Klimawandelanpassung.

Fußnoten:

1. Challinor, A. J., Adger, W. N., & Benton, T. G. (2017). Climate risks across borders and scales. Nature Climate Change, 7(9), 621–623. https://doi.org/10.1038/nclimate3380

2. Bren D’Amour, C., Wenz, L., Kalkuhl, M., Christoph Steckel, J., & Creutzig, F. (2016). Teleconnected food supply shocks. Environmental Research Letters, 11(3). https://doi.org/10.1088/1748-9326/11/3/035007

3. Knittel, N., Jury, M. W., Bednar-Friedl, B., Bachner, G., & Steiner, A. K. (2020). A global analysis of heat-related labour productivity losses under climate change—implications for Germany’s foreign trade. Climatic Change. https://doi.org/10.1007/s10584-020-02661-1

4. Steininger, K., Bednar-Friedl, B., Knittel, N., Kirchengast, G., Nabernegg, S., Williges, K., … Kenner, L. (2020). Klimapolitik in Österreich: Innovationschance Coronakrise und die Kosten des Nicht-Handelns. Wegener Center Verlag. Abgerufen von https://unipub.uni-graz.at/obvugrveroeff/content/titleinfo/5201636

5. Steininger, K. W., König, M., Bednar-Friedl, B., Kranzl, L., Loibl, W., & Prettenthaler, F. (Hrsg.). (2015). Economic Evaluation of Climate Change Impacts. Springer International Publishing. https://doi.org/10.1007/978-3-319-12457-5

6. Lühr, O., Kramer, D. J.-P., Lambert, J., Kind, C., & Savelsberg, J. (2014). Analyse spezifischer Risiken des Klimawandels und Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für exponierte industrielle Produktion in Deutschland (KLIMACHECK) (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Berlin) (S. 115). Düsseldorf/Berlin: Prognos AG/adelphi. Abgerufen von https://www.prognos.com/uploads/tx_atwpubdb/141020_Prognos_BMWi_Studie_Klimacheck.pdf

7. Hedlund, J., Fick, S., Carlsen, H., & Benzie, M. (2018). Quantifying transnational climate impact exposure: New perspectives on the global distribution of climate risk. Global Environmental Change, 52, 75–85. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2018.04.006

8. Benzie, M., Carter, T. R., Carlsen, H., & Taylor, R. (2019). Cross-border climate change impacts: implications for the European Union. Regional Environmental Change. https://doi.org/10.1007/s10113-018-1436-1

9. Chen, C., Noble, I., Hellmann, J., Coffee, J., Murillo, M., & Chawla, N. (2015). Country Index Technical Report. University of Notre Dame.

10. Statistik Austria. (2020). Der Außenhandels Österreich - Ergebnisse im Überblick. Abgerufen von https://www.statistik.at/web_de/statistiken/wirtschaft/aussenhandel/hauptdaten/index.html

Der Hintergrund dieses Beitrages wurde im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel in Zusammenarbeit mit dem Joanneum Research untersucht (https://coin-int.ccca.ac.at/).

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