Mathematik-Modellrechnung

Übersterblichkeit: Nicht nur das Coronavirus selbst verursacht mehr Tote

In vielen Ländern mussten wegen der Coronavirus-Pandemie die Friedhöfe schnell erweitert werden - hier ein Bild aus dem brasilianischen Santiago in Chile im Juni.
In vielen Ländern mussten wegen der Coronavirus-Pandemie die Friedhöfe schnell erweitert werden - hier ein Bild aus dem brasilianischen Santiago in Chile im Juni.APA/AFP/JAVIER TORRES
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Nicht nur das Coronavirus selbst verursacht Todesopfer während der Pandemie. Forscher errechneten nun die Übersterblichkeit in 21 Ländern. Sie zogen die durchschnittlichen Totenzahlen in mehreren Modellen von den Totenzahlen während der ersten Covid-Welle ab.

Die Bilanz der ersten Coronavirus-Welle in 19 Staaten Europas (inklusive Österreich), Australien und Neuseeland sind 206.000 Tote. Das berechnete ein internationales Forscherteam. Dabei verursachte Sars-CoV-2 selbst 167.000 Todesfälle, die anderen rund 40.000 Toten waren Opfer der Begleitumstände. In Österreich gab es laut der im Fachjournal "Nature Medicine" veröffentlichten Studie zufolge 930 zusätzliche Todesfälle, 668 werden dem neuartigen Coronavirus zugeschrieben.

Die Forscher um Majid Ezzati vom Imperial College London (Großbritannien) berechneten mit 16 mathematischen Modellen, wie viele Menschen in diesen 21 Staaten (Österreich, Australien, Belgien, Bulgarien, Tschechien, Dänemark, England und Wales, Finnland, Frankreich, Ungarn, Italien, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Polen, Portugal, Schottland, Slowakei, Spanien, Schweden und Schweiz) normalerweise gestorben wären, und zog diese Zahlen von den dokumentierten Todesfällen ab. Auf diese Art berechneten sie die "Übersterblichkeit" während der ersten Pandemiewelle.

Zeitraum bis Mitte Mai

Von Mitte Februar bis Ende Mai starben in diesen Ländern insgesamt 206.000 Menschen mehr als ohne der Pandemie zu erwarten gewesen wäre, erklären die Forscher. Dies entspricht in etwa der Zahl der Lungenkrebs-Toten in all jenen Ländern während eines ganzen Jahres. Von den Opfern waren 106.000 Männer und 100.000 Frauen. Das Geschlechter-Verhältnis sei demnach insgesamt recht ausgeglichen, während oftmals von viel mehr männlichen Sars-CoV-2 Toten berichtet wird.

Ursachen für indirekte Todesfälle wären zum Beispiel eine schlechtere medizinische Versorgung bei anderen Krankheiten und Unfällen, Verlust sozialer Netzwerke, von Jobs und Einkommen, Kriminalität wie häusliche Gewalt, Tabak-, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie schlechtere Essgewohnheiten, so die Forscher.

Nimmt man alle Länder zusammen, ist die Zahl der zusätzlichen Toten um 23 Prozent höher als die Zahl der Toten, die man dem Coronavirus zurechnet, schrieben sie. In Spanien (69 Prozent) und Italien (46 Prozent) waren die Unterschiede besonders frappant. Das mag teils an nicht erkannten Sars-CoV-2-Infektionen liegen, sowie an höherer Sterblichkeit durch andere Krankheiten, weil die medizinische Versorgung nicht mehr so gut funktionierte.

In manchen Ländern wie Frankreich, Belgien und der Schweiz war die Übersterblichkeit vermutlich geringer als die Zahl der belegten Corona-Opfer, obwohl es dort viele solche zu beklagen gab: In Frankreich wurden 28.771 Todesfälle Covid-19 zugerechnet, bei wahrscheinlich 23.700 Todesfällen mehr als ohne Pandemie. In Belgien gab es 9487 Coronatote bei 8600 zusätzlichen Todesfällen und in der Schweiz 1656 Coronatote bei 1400 zusätzlichen Todesfällen.

In manchen Ländern geringere sonstige Sterblichkeit

In Australien, Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Neuseeland und der Slowakei gab es hingegen gar keine Übersterblichkeit oder sie betrug maximal fünf Prozent. In diesen Ländern starben im Untersuchungszeitraum trotz aller Corona-Todesfälle wahrscheinlich sogar weniger Leute als ohne Pandemie. Mögliche Erklärungen dafür sind etwa eine geringere Zahl an Influenza-Erkrankungen und anderer Atemwegskrankheiten durch die Corona-Maßnahmen oder eine geringere Zahl der Verkehrs- und Freizeitunfälle sowie der Gewalttaten durch den Lockdown.

In Österreich gab es laut den Berechnungen der Forscher 930 zusätzliche Tote durch die Pandemie, zwei Drittel davon waren Frauen. 668 Sterbefälle während der ersten Covid-19 Welle wurden dem Coronavirus direkt zugerechnet.

Höhere Schwankungsbreite bei kleineren Fallzahlen

Die Berechnungen sind freilich mit statistischen Unsicherheiten behaftet. Vor allem bei Ländern, die wie Österreich im Frühling nicht ganz so schlimm vom Virus heimgesucht wurden und wo die Zahlen der direkten und indirekten Pandemie-Opfer vergleichsweise niedrig sind, lassen die Schwankungsbreiten keine sicheren Schlüsse zu, ob es tatsächlich eine Übersterblichkeit gab und ob die Sterblichkeit durch die Pandemie signifikant gestiegen ist.

Warum es so eklatante Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt, sei schwer zu sagen, erklären die Forscher. Wahrscheinlich würden hier viele verschiedene Dinge zusammenspielen, wie zum Beispiel der Gesundheitszustand der Bevölkerung, die sozialen Bedingungen, die Reaktionen der Entscheidungsträger und der Zustand des Gesundheitssystems.

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