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Republik Moldau

Wenn Corona auf Europas ärmstes Land trifft

Die Eltern von Gheorghe und Maria Guţanu verloren wegen Corona ihre Arbeit.
Die Eltern von Gheorghe und Maria Guţanu verloren wegen Corona ihre Arbeit.(c) Concordia
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Die Folgen der Pandemie verschärfen die ohnehin triste Situation. Das Sozialprojekt Concordia hilft vor allem betroffenen Kindern.

Nisporeni. Maria würde gern einmal auf die Uni gehen. „Falls das nicht geht“, sagt sie, „möchte ich Köchin werden.“ Dass etwas nicht geht, hat die 14-Jährige schon öfter erlebt. In den vergangenen Monaten noch viel öfter als sonst. Mehrere Wochen lang musste ihre Familie in der kleinen Stadt Nisporeni, etwa 70 Kilometer westlich der Hauptstadt Chișinău, in ihrem Haus bleiben. Auch in der Republik Moldau, Europas ärmstem Land, schlug das Coronavirus zu.

Familie Guţanu erging es wie vielen anderen im Land: Vater Wassili verlor seinen Arbeitsplatz bei einem Sicherheitsdienst, Mutter Viorica ihren als Reinigungskraft. Und Maria und ihr achtjähriger Bruder, Gheorghe, durften über Wochen nicht in die Schule gehen. „Der Unterricht war nur online“, erzählt Viorica. „Aber wir haben gar keinen Computer.“ So bat man bei den Nachbarn, ob die Kinder dort den Unterricht mitverfolgen können. „Und dann hatte Gheorghe einen Test online – aber es kann ja niemand von uns mit Zoom oder anderen Plattformen umgehen.“

Dazu kommt die ohnehin schwierige finanzielle Situation. Selbst für das Essen oder Brennholz reicht das Geld oft nicht. „Wir waren auch vorher eine arme Familie mit einem kleinen Einkommen“, sagt Viorica Guţanu. „Aber die Pandemie hat die Situation noch weiter verschlimmert.“

In der Republik Moldau trifft das Coronavirus auf ein Land, das ohnehin permanent mit Problemen zu kämpfen hat. Wirtschaftlich ist man seit der Unabhängigkeit von der UdSSR nie wirklich auf die Beine gekommen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Zahl der Menschen, die ihr Glück anderswo suchen, ist enorm. Rund 1,3 Millionen Moldauer arbeiten Schätzungen zufolge im Ausland, ein Viertel der Bevölkerung. Von ihren Geldtransfers sind viele Familien abhängig – die Zahlungen machen mehr aus als das BIP des Landes.

 

Hilfe mit Lebensmittelpaketen

Im Frühjahr, als zahlreiche europäische Länder in den Corona-Lockdown gingen, kamen viele wieder zurück – ohne Chance, hier eine Arbeit zu finden. Geschweige denn, Geld für ihre Familien zu haben. Eine schwierige Situation – das Sozialprojekt Concordia versuchte, das schlimmste Leid mit Lebensmittelpaketen zu lindern. Als im Frühsommer die Grenzen wieder aufmachten, ging die kurzzeitig zurückgekehrte Diaspora wieder auf Arbeitssuche in Russland und einigen EU-Ländern. Und so wie auch schon zuvor leben rund 35.000 Kinder ohne ihre Eltern – bei oft überforderten Großeltern und Verwandten. Oder auch in Hilfseinrichtungen, die Concordia für sie organisiert.

Auch in Nisporeni steht eine solche Einrichtung – im multifunktionalen Zentrum, wie es genannt wird, kommen Kinder zwischen vier und 18 Jahren unter, die von ihren Eltern getrennt sind. Hier können sie bis zu sechs Monate lang wohnen, bekommen Essen und werden bei den Hausübungen unterstützt. Hier bekamen auch Maria und Gheorghe Guţanu eine Zeit lang ein warmes Essen. Aber auch hier hat die Pandemie zugeschlagen – im Lockdown musste das Zentrum zeitweilig schließen. Mittlerweile sind wieder elf Kinder hier untergebracht.

 

Warten auf die Eltern

So wie auch Adelina. Die Elfjährige ist mit zwei ihrer Brüder seit rund vier Monaten hier in der Einrichtung. „Meine Eltern sind in Italien“, erzählt sie – und muss kurz zu reden aufhören, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Immerhin, über ein Handy oder einen Computer, der im Zentrum bereitgestellt wird, kann sie mit ihren Eltern regelmäßig kommunizieren. „Aber ich hoffe jeden Tag, dass sie herkommen und mich und meine Brüder abholen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2020)