Cupcakes: In Wien unter der Haube

Millionen Amerikaner können nicht irren: Der picksüße Cupcake ist auf seinem weltweiten Siegeszug nun auch bei uns angekommen. Kürzlich hat in der Josefstadt das "1. Wiener Cupcake-Geschäft" eröffnet.

Nussbeugel dürfte ich nicht backen, sonst wäre ich meine Gewerbeberechtigung los“, plaudert Renate Gruber aus dem gestrengen Innungs-Nähkästchen. Sie darf gerade einmal Cupcakes, Wedding Cakes und Kekse fabrizieren. „Wedding Cakes“ und nicht „Hochzeitstorten“ hatte sie deshalb beantragt, weil sie vermutete, sonst nicht durchgelassen zu werden. „Hochzeitstorten sind ja immer ein gutes Geschäft für Konditoren, und dann komm ich als Werbegrafikerin daher und will denen plötzlich das Geschäft wegnehmen, so ungefähr . . . “

Eine anonyme Anzeige habe sie freilich schon bekommen, „Sie backen ja auch Babytorten!“ Huch! Ein Schnuller aus Marzipan auf einer Torte statt zweier Ringe aus Schokolade, das duftet ja förmlich nach Gesetzesbruch.
Aber eigentlich geht es hier um die Cupcakes. Zwanzig Sorten werden es sein, die Renate Gruber in ihrem pittoresk renovierten Lokal in der Wiener Josefstädter Straße anbieten wird. Um sich nicht noch mehr babytortenähnliche Scherereien einzufangen, hat sie genau prüfen lassen, ob der Name „1. Wiener Cupcake- und Design-Torten-Geschäft“ eh nichts Falsches verriete. Und tatsächlich, die Recherchen hätten ergeben, dass Wiener Konditoreien vielleicht drei verschiedene Cupcakes neben dem normalen Programm anbieten würden, aber nicht zwanzig, und darunter auch solche für Veganer oder Glutenallergiker.

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Grassierende Pseudowissenschaft. Was ist überhaupt ein Cupcake? „Das ist gar nicht so leicht zu beantworten“, sagt Gruber, „bei mir ist es jedenfalls ein Teig, meistens ein Schokoteig, in einem Papierförmchen gebacken mit einer hübsch draufgespritzen Creme.“ Wobei das jetzt alles deutscher klingt, als es die grassierende Cupcake-Wissenschaft eigentlich vorsieht: Der Teig wird gemeinhin Sponge genannt, die Creme Icing oder Topping, und das Wort chocolate fudge darf man auch nicht vergessen: eine Art gekochte und karamellisierte Schokocreme, die dann Teil des Teiges wird.

Ihr Lokal sieht so aus, wie man sich ein Cupcake-Geschäft vorstellt: Parkettboden, weiß lackierte Holzvertäfelung und ebensolche Landhausregale an den Wänden, eine große Glasvitrine, sieben Sitzmöglichkeiten – „ab acht brauchst ein Klo“ – und, natürlich, viel, viel Rosa. „Es musste einfach eine rosa Backstube sein!“ Auch die Schürzen der Mitarbeiterinnen sind rosa mit weißen Pünktchen, die diversen Etageren, die sie zusätzlich anbietet, zum Teil ebenfalls, und rosa Cupcakes gibt es sowieso. Nur bei den tragbaren Schachteln ist sie von Rosa mit weißen Tupfen auf eine schlichte braune Version umgeschwenkt: „Sonst hätte mir kein Mann was abgekauft, wenn er mit so einer Schachtel auf die Straße muss.“ Auf die Frage, wie viele Männer sie denn überhaupt in ihrem durchaus als mädchenhaft zu bezeichnenden Lokal erwarte, sagt Gruber: „Ich hoffe auf viele Männer, deren Frauen sich Cupcakes wünschen.“ Dass Frauen kommen werden, ist irgendwie klar: „Sex and the City“ ist nicht ganz unbeteiligt am Boom, und die von Carrie und Co. besuchte „Magnolia Bakery“ in New York darf als einer der kulinarischen Anziehungspunkte der letzten Jahre gelten.

Quereinsteigerinnen. Fast ein Wunder, dass die vier modesüchtigen Damen aus der Serie sich noch nicht als Cupcake-Bäckerinnen selbstständig gemacht haben: Die meisten, die in jüngster Zeit ein solches Geschäft
eröffnet haben, sind nämlich Quereinsteigerinnen, der Großteil wie Renate Gruber aus der Kreativbranche. „Cupcakes bieten einfach viele gestalterische Möglichkeiten.“ Vor allem in Deutschland schießen noch immer diverse hübsch-rosa-rüschige Lokale aus dem Boden, die sich fast ausschließlich den kleinen bunten Kuchen widmen. Inspiration erhalten die Unternehmerinnen von einschlägigen Internetforen oder von den auf dem deutschsprachigen Markt immer zahlreicher werdenden Cupcake-Kochbüchern, etwa von Peggy Porschen, die mit schuld ist am Wiener Cupcake-Geschäft.

Um die Entstehung des Gebäcks ranken sich viele Erklärungen, Renate Gruber ist Anhängerin jener, die besagt, dass zuerst die Muffins mit einer Zuckerglasur da waren, die man gut einstecken und damit picknicken gehen konnte. „Und den Amerikanern war das dann wieder einmal zu wenig und sie haben das bisschen Glasur durch einen Haufen Buttercreme ersetzt.“ Diese sei für ihren Geschmack aber viel zu fett, ihre Version habe sie daher leichter konzipiert, mit Topfen, Frischkäse, Mascarpone oder einer Mischung daraus. Klingt jetzt vielleicht auch nicht gerade nach einem Diätessen, sorgt aber jedenfalls für einen unbeschwerteren Magen als die Buttercreme-Version . . . 

Experimente. Der Aufbau eines Cupcakes ist simpel und bietet gerade deshalb viel Raum für Kreativität. Der Teig lässt sich ebenso variieren wie die Creme. Mohn, Nüsse, Zucchini, Karotten oder Schokolade kommen in der Josefstädter Straße in den Teig, die Cremes für die unterschiedlichen Sorten enthalten etwa Himbeer-, Mango- oder Kiwipüree, Maroni, Minzsirup, Gewürze wie Vanille, Kaffee, Schokolade . . .  Von den andernorts beliebten Dekors wie Zuckerblümchen, -herzen oder Silberkugeln hält Gruber nicht so viel, „die sind immer so hart, das ist doch unangenehm im Mund“. Auch salzige Versionen gibt es bei ihr zu kaufen, etwa eine mit Schafkäseteig und Schnittlauchcreme.

Lieber als mit dem Teig experimentiert sie mit den Toppings, „da muss man nicht ganz so genau sein mit den Mengen“. Ihre Mitarbeiterin in der Backstube sei freilich selbst bei der Creme ganz genau, „aber das ist ja auch eine Deutsche“, lacht Gruber und erklärt dann auch, wie man einen Cupcake überhaupt richtig isst. „Ob mit oder ohne Gabel – einen Cupcake darf man ruhig so essen, dass man sich komplett anpatzt.“

INFO

Cupcake-Shop
Die Grafikerin Renate Gruber hat sich einen Traum erfüllt und soeben das "1. Wiener Cupcake-Geschäft" eröffnet, mit täglich 20 Cupcake-Sorten, die je nach Jahreszeit variieren. Außerdem fertigt Gruber Hochzeitstorten, Zuckerblumen und Themenkekse.

1. Wiener Cupcake- und Design-Torten-Geschäft, 1080, Josefstädter Straße 17, Mo–Fr 10–19.30, Sa 10–15 Uhr. Da einmal täglich frisch gebacken wird, empfiehlt es sich, ab zehn Stück vorzubestellen. 01/726 10 89.
www.cupcakes-wien.at


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TIPP

Cupcakes 50 neue Rezept-ideen. Oliver Brachat, AT Verlag, 112 Seiten, 18,40 Euro.

 

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