Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Goldautomaten: Geld rein - Gold raus

(c) ASSOCIATED PRESS (SETH WENIG)
  • Drucken

Automaten sollen den Handel mit edlen Metallen vereinfachen. Im deutschen Städtchen Reutlingen zwischen Stuttgart und der Schwäbischen Alb wurde der erste Goldautomat der Welt entwickelt.

Reutlingen ist bislang nicht für Glamour bekannt, auch nicht für spektakuläre Finanzgeschäfte. Genau genommen ist die Kleinstadt zwischen Stuttgart und der Schwäbischen Alb überhaupt nicht besonders bekannt. In der Gegend sind „Hidden Champions“ zu Hause: unauffällige Tüftler, die mit Kleinteilen die Weltmärkte erobern. Auf die Dauer lässt sich dabei Reichtum nicht vermeiden, dieses Geld muss dann diskret angelegt werden – und so ist es vielleicht doch kein Zufall, dass ausgerechnet in Reutlingen der erste Goldautomat der Welt entwickelt wurde.

Auf den ersten Blick sieht das Gerät, das in einem Finanzberatungsbüro in der Fußgängerzone aufgestellt ist, wie ein mit Blattgold überzogener Fahrkartenautomat aus. Neben Schlitzen für Münzen, Banknoten und Kreditkarten und der Tastatur für den PIN-Code ist ein Schaufenster eingelassen. Tippt man auf dem Monitor darüber eines der zehn abgebildeten Produkte an, wird in dieser Vitrine die gewählte Kostbarkeit angestrahlt. „Zur Absicherung der Kaufentscheidung“, erläutert Unternehmer Thomas Geissler. Schließlich kostet die Goldunze derzeit mehr als 1000 Euro – ohne Anreiz in Form eines glitzernden Barrens schreckt der eine oder andere Kunde vielleicht in letzter Sekunde zurück.

Die Geissler C-B-T Holding beschäftigte sich erst mit erneuerbaren Energien, dann mit Olivenanbau in Kroatien. Vor allem verkaufte die Tochtergesellschaft Infos GmbH aber Anteile von Investmentfonds und betreute – nach eigenen Angaben – ein Vermögen von rund 200 Mio. Euro. Als das Fondsgeschäft im Herbst 2008 einbrach, hatte Geissler ein Problem: „Ich wollte meine 15-köpfige Mannschaft halten.“ Wo andere über die Krise jammerten und sich um den Euro sorgten, entdeckte Geissler neue Gewinnchancen: Er gründete die Ex Oriente Lux AG, die Sparern über die Online-Plattform www.gold-super-markt.de eine unkomplizierte Flucht in Sachwerte aus Gold, Silber und Platin ermöglichen soll.


Premiere in Abu Dhabi. Um „den Goldhandel zu entmystifizieren“ und mehr „Lust auf die Investition in Edelmetalle zu machen“, entwickelte Geissler mit dem schwäbischen Automatenhersteller Hess den Gold-to-go-ATM. Ein erster Prototyp des 35.000 Euro teuren und 450 Kilo schweren Geräts aus Molybdän-Panzerstahl wurde im Mai 2009 ein paar Tage lang in Frankfurt am Flughafen und im Hauptbahnhof getestet. Danach wurde weiter an der Preisanzeige gefeilt, die via Internet alle zehn Sekunden aktualisiert wird. Zur Geldwäsche-Prävention wurde für Käufe ab 1000 Euro ein Ausweis-Scanner eingebaut.

Im Mai installierte Geissler im mondänen „Emirates-Palace-Hotel“ in Abu Dhabi die erste permanente Anlage, im August folgte der nicht ganz so prominente Standort in Reutlingen. Bestückt sind die Automaten je mit rund zwei Kilo Gold. Während die Araber gerne Krugerrands und andere Münzen ziehen, haben die Schwaben lieber Barren von Heraeus und UBS. „Unser Klientel hier ist der normale Sparer“, sagt Geissler. In den letzten Wochen habe er Gold für ungefähr 500.000 Euro verkauft. Besonders beliebt sei das 250-Gramm-Stück für rund 7800 Euro. Von kleineren Barren rät Geissler für Anlagezwecke ausdrücklich ab: Die Herstellungskosten seien da viel zu hoch. Weil aber Goldplättchen „ein tolles Geschenk sind“, bietet der Automat auch Minibarren in Geschenkboxen an.


Bald sind es 200. Wer den Aufbewahrungsservice „Schwäbisches Fort Knox“ nutzen will, den Geissler in Zusammenarbeit mit einer Sicherheitsfirma in Metzingen anbietet, muss allerdings einen Lagerwert von mindestens 20.000 Euro mitbringen. Dafür wird Zugang rund um die Uhr versprochen, unabhängig von Banken und auch in Krisenzeiten.
In den nächsten Wochen will Geissler im deutschsprachigen Raum an „Standorten mit gehobener Kaufkraft, großem Publikumsverkehr und guter Sicherheitsumgebung“ rund 200 weitere Goldautomaten aufstellen und selbst betreiben. In anderen EU-Ländern können Franchisenehmer für 25.000 Euro und 25 Prozent Gewinnbeteiligung die Idee übernehmen; für außereuropäische Länder stellt sich Geissler ein Lizenzmodell vor.

Goldautomaten werden bald selbstverständlich sein, ist Geissler überzeugt: „Vor 20 Jahren, als die Banken Geldautomaten eingeführt haben, gab es auch eine Unmenge Skepsis. Heute gehören sie zum Alltag.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2010)