Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Agrarpolitik: Die Zuckerseite der Wirtschaft

(c) EPA (Peter Foerster)
  • Drucken

Am Beispiel Zucker zeigt sich die Absurdität der europäischen Agrarpolitik: Seit Jahrzehnten wird der Rübenanbau hoch subventioniert und der Markt abgeschottet. Bezahlen muss das am Ende alles der Konsument.

Bald ist es so weit. In zwei, drei Wochen beginnt auf heimischen Äckern die Rübenernte. Ob die weiß-gelben Früchte reif sind, kann der Laie nicht feststellen. Einfach abbeißen und probieren ist nicht empfehlenswert. Der Profi misst stattdessen den Zuckergehalt; bei einem Wert zwischen sechzehn und zwanzig Prozent kann es losgehen. Dieses Jahr werde die Qualität wohl im unteren Bereich liegen, befürchtet Ernst Karpfinger, Obmann der Vereinigung österreichischer Rübenbauern. Sogar die Zuckerrüben fanden den Sommer irgendwie frustrierend.

„Beta vulgaris subsp. vulgaris var. altissima“, so der wissenschaftliche Name, ist kein wirklich hübsches Gemüse. Doch Schönheit ist bekanntlich nicht alles. Ihre inneren Qualitäten machen die Zuckerrüben zu einem großartigen Geschäftsmodell – nicht nur für die Bauern. Auf rund 370 Mio. Euro schätzt Hans Weiss, Autor des „Schwarzbuchs Landwirtschaft“, die Förderungen, die sich zwischen 2006 und 2009 über die heimischen Rübenbauern, den Zuckerhersteller Agrana und die zuckerverarbeitende Industrie ergossen haben. Der Zeitraum seiner Berechnungen ist nicht zufällig gewählt: 2005 beschloss die EU nämlich eine Reform ihrer Zuckermarktordnung, die eigentlich zu einer Kostenreduktion führen sollte. In Österreich passierte das Gegenteil: Vor der Reform wurde jeder heimische Rübenbauer im Schnitt mit 24.967 Euro pro Jahr alimentiert, seit 2009 sind es 28.013 Euro.

A-, B- und C-Quoten. Die Zuckermarktordnung gehört zu den besten Beispielen für die Absurdität der europäischen Agrarpolitik. Das Regelwerk ist viele Seiten dick und so kompliziert, dass nur noch ausgewiesene Experten in allen Details firm sind. Darin ist von A-, B- und C-Quoten die Rede, von Strukturabgaben, Strukturprämien und Strukturhilfen, von Referenz- und Mindestpreisen. Seit ihrer Einführung im Jahr 1968 verfolgte die Zuckermarktordnung im Prinzip nur einen Zweck: den Schutz der europäischen Erzeuger vor der Konkurrenz aus Übersee.

Mit allen Mitteln wurde versucht, billigeren Rohrzucker, etwa aus Brasilien, von den heimischen Märkten fernzuhalten. Weil in der EU mehr produziert als genascht wurde, gingen auch noch viele Millionen Tonnen hochsubventionierter Ware in den Export – als direkte Konkurrenz für die Erzeuger in Entwicklungsländern, über deren niedrige Sozialstandards man sich dann bei jeder Gelegenheit aufregen konnte.

Bei den rund 8000 österreichischen Rübenbauern handle es sich um „Sozialhilfeempfänger auf sehr hohem Niveau“, resümiert Buchautor Weiss. Und Verbandsobmann Ernst Karpfinger kann dem nicht wirklich widersprechen: „Wir würden lieber von unseren Produkten leben. Aber die meisten Betriebe und ihre Familien leben von den Förderungen“, sagt er.

Die aktuelle Liste der größten Bezieher von Agrarsubventionen wird von drei Unternehmen angeführt, die ihre Extraeinnahmen ausschließlich dem Zucker verdanken. Auf Platz eins liegt der Vorarlberger Fruchtsafterzeuger Rauch, auf Platz zwei die Vereinigung österreichischer Rübenbauern, auf Platz drei der Zuckerkonzern Agrana. Gemeinsam kassierten die drei Erstgereihten im Vorjahr rund 14 Mio. Euro. Rauch-Sprecher Daniel Wüstner legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass sein Unternehmen von diesem Geld nichts habe. Aus „marktordnungsrechtlichen“ Gründen müsse Rauch den Rohstoff Zucker teuer in der EU einkaufen, anstatt billiger auf dem Weltmarkt. Bei den ausbezahlten 7,21 Mio. Euro handle es sich folglich nur um Ausfuhrrückerstattungen.

„Aber das läuft jetzt aus. Nächstes Jahr werden wir in der Transparenzdatenbank nicht mehr aufscheinen“, sagt Wüstner. Rauch kann nun auch außerhalb der EU Zucker einkaufen und damit billiger produzieren.
Ähnlich verhält es sich beim Zuckermulti Agrana, der allerdings nebenbei noch sogenannte Marktordnungszahlungen bekommt – und das auch weiterhin. Die Rübenbauern sind, neben Raiffeisen, Aktionäre der Agrana und verdienen hier noch einmal mit. Bevor er endlich im Kaffee oder im Kuchenteig landet, hat der Zucker also bereits mehrere Subventionsrunden absolviert. Die Einzigen, die im lustigen Förderkarussell keinen Sitzplatz bekommen, sind die Konsumenten. Sie finanzieren als Steuerzahler nicht nur den Geldstrom zu den Erzeugern, sondern bezahlen seit Jahrzehnten überhöhte Zuckerpreise.

Die Reform der Marktordnung sah eine Senkung der Produktion sowie des Rüben- und Zuckerpreises vor. Die Einkommensverluste der Bauern sollten großteils durch Direktzahlungen kompensiert werden. Doch wie sich herausstellte, nahm in Österreich zwar die Zahl der Rübenbauern ab, die produzierte Menge stieg aber sogar. Dafür sank der Rübenpreis viel weniger stark als vorgesehen.

Trotzdem sind die Bauern unzufrieden. „Diese Reform hat niemandem etwas gebracht“, findet Ernst Karpfinger. Dass seine Branche nun außerdem eine schlechte Presse hat, hält er für hochgradig ungerecht. Der sogenannte freie Welthandel sei nur eine „Entwicklungshilfe für Zuckerbarone“, heißt es auf der Homepage der Rübenbauern. Karpfinger verweist außerdem auf Zahlungen, die von den Bauern in Richtung Brüssel fließen. „Das sind bei uns fünf Mio. Euro im Jahr.“ Auch dieser Transfer ist ein Relikt der alten Zuckermarktordnung; früher wurde mit dem Geld ein Teil der Ausgleichszahlungen finanziert.

Wer braucht die Rüben? Bei all dem Aufwand stellt sich die Frage, ob der Anbau von Rüben auf teuren europäischen Äckern überhaupt sinnvoll ist. Die Produktion ist nicht kostendeckend und wird es nie sein. Zusatzeinnahmen durch Direktvermarktung fallen weg; selbst auf dem gemütlichsten Bauernmarkt würde kein Mensch eine Zuckerrübe kaufen. Das fertige Produkt lässt sich billig und ohne Qualitätsverlust transportieren, der Rohstoff muss also nicht vor der Haustür wachsen.
Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich kann sich eine Zukunft ohne Rüben trotzdem nicht vorstellen: „Wir brauchen in Europa eine Mindestversorgung mit Lebensmitteln. Zuckerrohr aus gerodeten südamerikanischen Urwäldern kann nicht die Zukunft sein.“

Dem Konsumenten muss dieses Service etwas wert sein – ob er will oder nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2010)