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Unterwegs

Schnee in Moskau

In Moskau räumt man den Schnee nicht einfach weg – man schmilzt ihn.
In Moskau räumt man den Schnee nicht einfach weg – man schmilzt ihn.APA/AFP/NATALIA KOLESNIKOVA
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In Moskau räumt man den Schnee nicht einfach weg – man schmilzt ihn.

Seit vor gut einem Monat der Schnee auf die Stadt fiel, wird gekehrt und geschoben, gewuchtet und geschichtet, geklopft und gestampft. Tausende Männer in orangefarbenen Gilets sind unermüdlich im Einsatz, um die Moskauer von der weißen Plage zu befreien. Sogar zu Eis verklumpter Schnee wird mithilfe von reagenty weggeätzt. Es steht im Verdacht, auch vor Schuhsohlen und Hundepfoten nicht Halt zu machen. Die Moskauer können einem viele Gruselgeschichten über dieses offenbar besonders aggressive Streusalz erzählen.

Aber würde der Stadtchef mit dem schneeweißen Haar nicht so viele Anstrengungen unternehmen, wären die Bewohner auch wieder unzufrieden. Der erfolgreiche Kampf gegen das Winterweiß ist in Moskau zu einer Art Zivilisationsmarker geworden, der (wie vieles, ich sage nur Wundervakzin Sputnik) die Hauptstadt vom Rest des Landes unterscheidet. Während Dörfer monatelangen Winterschlaf unter dicker Schneedecke halten müssen und in anderen Städten der Belarus-Traktor gerade einmal die Hauptstraße räumt, jagt in Moskau jeder Schneeflocke ein Michelin-Männchen hinterher.

Jüngst lud man mich zu einer Pressetour über die Wiederverwertung der weißen Pracht. „Während andere Weltmetropolen im Angesicht des Zyklons kollabieren, steckt Moskau nicht im Stau“, hieß es da. Klang nach einer tollen Geschichte. Denn der zu Bergen aufgetürmte Schnee wird in Containern zu Schneeschmelzanlagen transportiert, wo in Kesseln aus Eis Wasser wird. Was damit passiert, hätte mich interessiert, Stichwort reagenty. Leider habe ich die Kessel noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Tour musste wegen Schlechtwetters verschoben werden. An dem Tag schneite es furchterregend.

jutta.sommerbauer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2021)