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Der ökonomische Blick

Preisrallye bei Kryptowährungen: Zwischen Blockchain-Technologie und FOMO

Bitcoin-Mining in Florenz
Bitcoin-Mining in FlorenzREUTERS
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Die wenig nachhaltig anmutenden jüngsten Preisentwicklungen verdecken das eigentliche Innovationspotential, das hinter Krypto-Assets steckt.

Der Markt für Krypto-Assets scheint entfesselt. Seit der Ankündigung von Paypal im letzten Herbst, seine Plattform für Bitcoin und andere digitale „Währungen“ zu öffnen, haben sich deren Preise vervielfacht. Eine Einheit Bitcoin, der bekanntesten Kryptowährung, kostete Ende Oktober 2020 rund 13.900 Dollar, am 21. Februar dieses Jahres dagegen über 58.000 Dollar. Dazwischen lagen unter anderem die Ankündigung von Tesla-Chef Elon Musk, 1,5 Milliarden Dollar in Bitcoin investieren zu wollen, unmissverständliche Signale der Notenbanken, die Zinsen auf ihren historischen Tiefstständen zu belassen, in vielen Ländern steigende Staatsausgaben zur Abfederung der ökonomischen Auswirkungen der Pandemie, oder diverse, von Kleinanlegern über soziale Medien ausgelöste Short-Squeezes. Diese und andere Gründe veranlassten viele Investoren, Veranlagungen im großen Stil in Krypto-Assets vorzunehmen.

Die größte Sorge vieler Marktteilnehmer scheint in diesem Marktumfeld zu sein, potentielle Gewinne infolge rasch steigender Preise durch ein zu langes Zuwarten zu versäumen. Diese „fear of missing out (FOMO)“ führt dazu, dass Investitionsentscheidungen nicht mehr auf Basis rationaler Überlegungen, sondern ausschließlich aus Emotionen heraus getroffen werden, bei denen Risikoaspekte zugunsten von Renditeerwartungen vernachlässigt werden. Tritt dieser Effekt in der Breite auf, führt er zu Blasenbildungen mit hinlänglich bekannten Folgen.

Die wenig nachhaltig anmutenden jüngsten Preisentwicklungen verdecken indes das eigentliche Innovationspotential, das hinter Krypto-Assets steckt – und das (Hypothese des Autors) einem Gutteil der aktuell wie wild am Kryptomarkt spekulierenden Investoren im Detail nur wenig bekannt sein dürfte. Es besteht im Kern darin, über ein digitales Netzwerk einen Transfer von Werten (zB in Form von Geld, aber etwa auch Eigentumsrechte oder in Smart Contracts abgebildete Verträge) ohne zentrale Instanzen zu vollziehen und dabei das Vertrauen in eine Institution (etwa eine (Noten-)Bank) durch den Konsens der Netzwerkteilnehmenden zu ersetzen.

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Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Die innovative Technologie hinter diesem System stellt die Blockchain dar, die als ein öffentlich einsehbares Register alle Transaktionen des Netzwerkes standardisiert in einzelnen Blöcken speichert und mit bereits bestehenden Blöcken verkettet. Der dezentrale Mechanismus des Bitcoin-Systems ermöglicht dabei jedem beteiligten Netzwerkknoten, das Register nicht nur einzusehen, sondern auch um neue Transaktionen zu erweitern, wofür im Bitcoin-System die Lösung eines rechenleistungsintensiven, kryptografischen Rätsels vorgesehen ist. Derjenige Knoten, der dieses als erster zu lösen vermag, erhält hierfür neue virtuelle Geldeinheiten (die eigentlichen Bitcoins), die als 64stelliger Hexadezimalcode in einer „wallet“, einer elektronischen Geldbörse, verwaltet werden.

Wofür also jüngst am Markt im Falle von Bitcoin Preise von $50.000 und mehr bezahlt werden, sind im Kern virtuelle Zeichenketten, die sich Miner als Entlohnung für die Verifikation von Transaktionen in Blöcken gutschreiben konnten und die im System als Geldeinheiten fungieren. Ebenso wie Euro oder USD stellt Bitcoin Fiatgeld ohne Fundamentalwert dar, hinter dem jedoch kein Emittent mit gesetzlichem Mandat steht. Aus diesem Grund erfüllen virtual coins die Funktionen von Geld nur in geringem Maße. So sind Nutzung und Akzeptanz als Tauschmittel – wiewohl steigend – nach wie vor stark begrenzt. Überdies ermöglicht etwa das Bitcoin-Netzwerk nur eine begrenzte Anzahl an zeitnah durchgeführten Transaktionen und die Transaktionskosten sind mitunter beträchtlich. Starke Preisschwankungen – und die gab es auch schon vor dem Herbst 2020 – machen überdies eine Verwendung als weit verbreitete Verrechnungseinheit wie auch als Mittel zur Wertaufbewahrung unwahrscheinlich.

Auch die protokollarisch vorgegebene absolute Menge an Bitcoins (maximal 21 Millionen Einheiten) führt tendenziell zu höherer Volatilität, weil nachfrageseitige Schwankungen nicht entsprechend ausgeglichen werden können. Bitcoin als Alternative zu Gold im Sinne von „sicherer Hafen“ erscheint demnach fraglich. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt stellt schließlich die Substituierbarkeit einzelner Kryptowährungen dar. Nachdem beispielsweise das Bitcoin-System vollständig transparent ist, kann es jederzeit durch ein ähnliches, technologisch verbessertes System ersetzt werden.

Lehren aus Dotcom-Hype

Woraus schöpfen dann aber so viele Investoren die Hoffnung, mit Investitionen in Bitcoin oder andere spekulative Krypto-Anlageobjekte reich zu werden? Es sind – Keynes folgend – vor allem die Erwartungen über die Erwartungen der anderen Marktteilnehmer. Solange man dem FOMO-Effekt zuvorkommt und davon ausgeht, dass weitere Anleger in den Markt strömen, wird sich der Preisanstieg fortsetzen. Lehren zu dieser Börsenpsychologie – gerade im Zusammenhang mit potentiell disruptiven Technologien – lassen sich aus dem Dotcom-Hype der Jahrtausendwende ziehen. Die Verbreitung des Internet führte zu einem starken Anstieg der Börsenpreise von IT Unternehmen, die nur den Anschein zu erwecken brauchten, mit der Entwicklung oder Anwendung des Internet in Verbindung zu stehen. Das Platzen der Bubble ließ viele dieser Unternehmen indes nicht nur von den Kurszetteln der Investoren wieder verschwinden. Der Internet-Technologie konnte der Börsenabsturz hingegen nichts anhaben, und mit Google und Amazon zählen heute zwei „Überlebende“ der dotcom-Blase zu den größten Unternehmen der Welt.

Parallelen zum aktuellen Krypto-Hype drängen sich auf. Die Preisrallye bei Krypto-Assets wird ein wohl abruptes Ende finden, ein Gutteil wieder vom Markt verschwinden. Die Blockchain-Technologie wird hingegen ihr Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten im monetären wie nicht-monetären Bereich (etwa bei der digitalen Vernetzung von smarten Objekten, im Supply-Chain-Management, oder der Bereitstellung, Prüfung und Wahrung von Herkunftsnachweisen) ausweiten und Effizienzgewinne erbringen. Ein Indiz dafür ist etwa die Tatsache, dass sich zahlreiche Notenbanken (inkl. EZB und Fed) intensiv mit der Entwicklung eigener digitaler Währungen beschäftigen. Sind diese Teil einer stabilitätsorientierten Geldpolitik, wird der Einsatz von Bitcoin, Ethereum und Co. als Zahlungsmittel der Zukunft marginal bleiben.

Der Autor

Roland Mestel ist außerordentlicher Professor am Institut für Banken und Finanzierung der Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen empirische Kapitalmarktforschung, Markt-Mikrostruktur und Crypto-Finance.

Roland Mestel
Roland Mestel(c) Uni Graz

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